Auf der Flucht

Jona 1, 1 – 16

 1 Es geschah das Wort des HERRN zu Jona, dem Sohn Amittais:

             Damit fängt diese Geschichte an. Es geschah das Wort des HERRN. Kein Wort davon, wie, wo, wann. Keine Begründung auch, warum dieses Wort an Jona gerichtet ist. Nur dass es geschah ist wichtig. Und dass es ein Wort des HERRN ist. Des Gottes Israels. Jahwes. Der schon zu den Vätern gesprochen hat. Der schon das Volk geführt hat.  Nicht irgendein Gott sagt irgendetwas, sondern der HERR.

Und auch Jona wird geradezu erbärmlich kurz vorgestellt. Nicht was er ist, was er kann. Nur, dass er von Amittai abstammt. Gäbe es nicht die   Notiz: „Er stellte wieder her das Gebiet Israels von Hamat bis ans Salzmeer nach dem Wort des HERRN, des Gottes Israels, das er geredet hatte durch seinen Knecht Jona, den Sohn Amittais, den Propheten, der von Gat-Hefer war.“ (2. Könige 14,25) – wir wüssten überhaupt nicht, was wir von Jona halten sollen. So immerhin: Er ist ein Prophet, ein Knecht des Gottes Israels. Aber das alles verschweigt der Erzähler.

 2 Mache dich auf und geh in die große Stadt Ninive und predige wider sie; denn ihre Bosheit ist vor mich gekommen.

             Ein klarer Auftrag, ein Predigtauftrag: Ninive ist Bestimmungsort und die Aufgabe:  predige wider sie. Damit sind Gerichtsworte gemeint. Als Antwort des HERRN auf die Bosheit der Stadt  – und doch wohl: ihrer Leute. Hinter diesem Auftrag steht die Überzeugung, „dass Gott auch der Herr der Weltmächte ist und dass diese ihm als dem göttlichen Richter verantwortlich sind. Gottes Macht und Wille sind nicht gebunden an die Grenzen der Länder und Schranken der Nationen; sie gelten überall.“(A. Weiser, aaO.;  S. 218)

Ninive und die Niniviten sind in der alten Welt berüchtigt. „Sammelpunkt aller Großstadtlaster“(A.Weiser, aaO.;S.218) und als Kriegsmacht gefürchtet wegen ihrer Grausamkeit und der gnadenlosen Vollstreckung des Banns an denen, die sich nicht kampflos ergeben.

Zweimal begegnet an markanten Stellen die Wendung aus dem Mund Gottes: Es ist vor mich gekommen. Einmal ist das der Anfang des Gerichtes über Sodom und Gomorra: „Darum will ich hinabfahren und sehen, ob sie alles getan haben nach dem Geschrei, das vor mich gekommen ist, oder ob’s nicht so sei, damit ich’s wisse.“ (1. Mose 18, 21) Und als Anfang der Rettung: „Weil denn nun das Geschrei der Israeliten vor mich gekommen ist und ich dazu ihre Not gesehen habe, wie die Ägypter sie bedrängen…“ (2. Mose 3, 9) So ist das also, wenn etwas „vor Gott kommt“ es kann Anfang des Gerichtes oder Anfang der Rettung werden.   

  3 Aber Jona machte sich auf und wollte vor dem HERRN nach Tarsis fliehen und kam hinab nach Jafo. Und als er ein Schiff fand, das nach Tarsis fahren wollte, gab er Fährgeld und trat hinein, um mit ihnen nach Tarsis zu fahren und dem HERRN aus den Augen zu kommen.

             Jona aber entzieht sich diesem Auftrag. Warum ist unklar. Er will nicht. Nicht nach Ninive. Nicht zu denen. Darum schlägt er die Gegenrichtung ein. Nur weit weg.  Nur aus den Augen des HERRN verschwinden.  Was für ein Unterfangen. Kennt Jona Psalm 139 nicht?

Wohin soll ich gehen vor deinem Geist,                                                                             und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht?                                                                Führe ich gen Himmel, so bist du da;                                                                               bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.                                             Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer,                             so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.              Spräche ich: Finsternis möge mich decken                                                                        und Nacht statt Licht um mich sein -,                                                                                   so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir,                                                                      und die Nacht leuchtete wie der Tag.                                                                                Finsternis ist wie das Licht.                           Psalm 139, 7 – 10

Keine gute Nachricht für einen, der sich aus dem Staub, unsichtbar machen will!

4 Da ließ der HERR einen großen Wind aufs Meer kommen, und es erhob sich ein großes Ungewitter auf dem Meer, dass man meinte, das Schiff würde zerbrechen. 5 Und die Schiffsleute fürchteten sich und schrien, ein jeder zu seinem Gott, und warfen die Ladung, die im Schiff war, ins Meer, dass es leichter würde.

             Gott gebietet, so die Überzeugung des Glaubens, auch dem Wind. Es ist die Antwort auf die Flucht Jonas, dass der Sturm tobt und das Schiff in höchste Seenot gerät. Kein Wunder, dass die Schiffsleute sich fürchteten. In so einer Situation greift man nach jedem Strohhalm, der Rettung verheißen könnte. Darum schreien, ein jeder zu seinem Gott. Inter-religiöses Gebet, wenn man so will. Aber sie beten nicht nur. Sie handeln auch. Die Ladung geht über Bord. Das Schiff wird geleichtert.

 Aber Jona war hinunter in das Schiff gestiegen, lag und schlief.

             Jona aber, die Ursache für das ganze Chaos liegt im Unterdeck und schläft den Schlaf der Erschöpften. Der Gerechten kann man ja wohl nicht sagen. Jahrhunderte später wird wieder von einem Schlafenden mitten im Sturm erzählt. „Und es erhob sich ein großer Windwirbel und die Wellen schlugen in das Boot, sodass das Boot schon voll wurde. Und er war hinten im Boot und schlief auf einem Kissen. Und sie weckten ihn auf und sprachen zu ihm: Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen?“ (Markus 4, 37-38) Er schläft wirklich im tiefen Frieden, in der Geborgenheit Gottes, anders als Jona.

 6 Da trat zu ihm der Schiffsherr und sprach zu ihm: Was schläfst du? Steh auf, rufe deinen Gott an! Ob vielleicht dieser Gott an uns gedenken will, dass wir nicht verderben.

             Der Schiffsherr selbst weckt Jona. In der Hoffnung, dass vielleicht der Gott Jonas – wer immer das ist – helfen könnte, fordert er ihn auf, zu seinem Gott zu rufen, also zu beten. Jona, der Gott aus den Augen kommen will, soll nun sich und das Boot in Gottes Gedächtnis bringen, in seine Gegenwart. So fordert dieser Heide – so ist ja wohl der Schiffsherr vorzustellen, den Israeliten, ja, den Propheten, auf zu tun, was der Glaube Israels gebietet – sich Gott anzuvertrauen in aller Not.

 7 Und einer sprach zum andern: Kommt, wir wollen losen, dass wir erfahren, um wessentwillen es uns so übel geht. Und als sie losten, traf’s Jona. 8 Da sprachen sie zu ihm: Sage uns, warum geht es uns so übel? Was ist dein Gewerbe und wo kommst du her? Aus welchem Lande bist du und von welchem Volk bist du?

             Es ist eine uralte Überzeugung: Unglück will eine Ursache haben. Und hinter so einem wütenden Sturm steht ein Vergehen. Sie vermuten und suchen den Schuldigen. Und das Los trifft auf Jona. In ihren Fragen geht es nicht nur um Volkszugehörigkeit, Herkunft und Beruf. Es geht um das, was Jona zum „Pechvogel“ für sie macht. Gibt es eine verborgene Schuld in seinem Leben?

9 Er sprach zu ihnen: Ich bin ein Hebräer und fürchte den HERRN, den Gott des Himmels, der das Meer und das Trockene gemacht hat.

Jona gibt sich zu erkennen als Hebräer. Und als einer, der  den HERRN fürchtet, den Gott des Himmels, der das Meer und das Trockene gemacht hat. Das ist nicht nur korrektes Glaubensbekenntnis Israels. Das ist zugleich eine Beschreibung seiner Lage: Ja, ich bin voller Furcht vor dem HERRN.  Und er muss es nicht mehr sagen: Ich bin, weil ich Gott fürchte, auf der Flucht vor ihm.

10 Da fürchteten sich die Leute sehr und sprachen zu ihm: Warum hast du das getan? Denn sie wussten, dass er vor dem HERRN floh; denn er hatte es ihnen gesagt. 11 Da sprachen sie zu ihm: Was sollen wir denn mit dir tun, dass das Meer stille werde und von uns ablasse? Denn das Meer ging immer ungestümer.

            Sie wissen es ja. Er hatte es ihnen gesagt. Haben Sie Gott und sein Wirklichkeit unterschätzt, als sie den Flüchtling vor ihm an Bord genommen haben? Hätte er ihnen einen weltlichen Herrscher als den genannt, vor dem er flieht, hätten sie ihm nicht vielleicht das Schiff verweigert. Aber Flucht vor Gott? Der verfolgt doch keinen.

Aber nun? Wie das Meer stillen? „Es tobt der See und will sein Opfer haben“.

12 Er sprach zu ihnen: Nehmt mich und werft mich ins Meer, so wird das Meer still werden und von euch ablassen. Denn ich weiß, dass um meinetwillen dies große Ungewitter über euch gekommen ist.

Das hört sich an wie Resignation. Meine Flucht ist sinnlos. Aber es könnte ja auch mehr sein. Es ist sicher ein Schuldbekenntnis: Um meinetwillen ist dies große Ungewitter über euch gekommen. Und es ist ein Glaubensbekenntnis in der konkreten Situation: Der Sturm wird sich legen, wenn Jona ins Meer geworfen wird.

13 Doch die Leute ruderten, dass sie wieder ans Land kämen; aber sie konnten nicht, denn das Meer ging immer ungestümer gegen sie an. 14 Da riefen sie zu dem HERRN und sprachen: Ach, HERR, lass uns nicht verderben um des Lebens dieses Mannes willen und rechne uns nicht unschuldiges Blut zu; denn du, HERR, tust, wie dir’s gefällt.

Ein letztes Mal versuchen es die Seeleute ohne dieses Menschenopfer. Aber als der Sturm eher noch zulegt, geben sie auf. Sie beugen sich unter die Macht des Meeres, in der sie die Macht des HERRN spüren. Und bitten um Erbarmen. Ihr „Gebet bezeugt ihre Sorge um ein reines Gewissen vor Gott und zugleich die Ergebung in seinen Willen.“ (A. Weiser, aaO.;  S. 211) Die heidnischen Seeleute machen es sich nicht leicht. Sie wollen Jona nicht leichtfertig opfern. Vielleicht ist er ja doch unschuldiges Blut.

 15 Und sie nahmen Jona und warfen ihn ins Meer. Da wurde das Meer still und ließ ab von seinem Wüten. 16 Und die Leute fürchteten den HERRN sehr und brachten dem HERRN Opfer dar und taten Gelübde.

             Jona wird ins Meer geworfen. Das Meer wird still. Das Wüten des Sturmes ist vorbei. Das Wüten Gottes. Das zu sehen führt die Seeleute zur Gottesfurcht. Genauer: zur Furcht des HERRN. Ein Schritt, der so etwas wie ein Bekehrung der Heiden zu dem Gott Israels andeutet. Dafür spricht auch, dass sie dem HERRN Opfer darbringen. Das also ist eine erste Botschaft der Jona-Erzählung: Es gibt Heiden, die zum Gott Israel umkehren.

Dieses Opfer für den HERRN wird irgendwo dargebracht. Jedenfalls nicht im Tempel in Jerusalem. Das mag ein Hinweis darauf sein, dass es eine Zuwendung zum Gott Israels gibt, die nicht an den Ort gebunden ist. Jahrhunderte später wird Jesus einer Samaritanerin, Heidin in den Augen der Juden, sagen:  „Glaube mir, Frau, es kommt die Zeit, dass ihr weder auf diesem Berge noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. ….Aber es kommt die Zeit und ist schon jetzt, in der die wahren Anbeter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn auch der Vater will solche Anbeter haben.“ (Johannes 4, 21+23)

 

Wie oft bin ich Dir wohl fortgelaufen, Deinen Aufträgen ausgewichen, habe das Weite gesucht, weil Du mir zu nahe gerückt bist, mein Gott und Herr.

Wie oft habe ich es nicht einmal gemerkt, dass Du ein Wort für mich hattest, mir einen Menschen zeigen wolltest, zu dem Du mich schickst, von mir ein Tun erwartet hast.

Und ich bin meiner Wege gegangen, habe Dich aus den Augen verloren und wollte wohl auch gar nicht, dass Du mich siehst auf meinen Wegen und bin auf diesen Wegen in Stürme geraten, Wellen sind über mir zusammengeschlagen, bis ich ganz am Ende war.

Herr erbarme Dich. Amen