Ehrfurcht vor der Gemeinde

  1. Johannes 1 – 6

Der Älteste an die auserwählte Herrin und ihre Kinder, die ich lieb habe in der Wahrheit, und nicht allein ich, sondern auch alle, die die Wahrheit erkannt haben, 2 um der Wahrheit willen, die in uns bleibt und bei uns sein wird in Ewigkeit: 3 Gnade, Barmherzigkeit, Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, dem Sohn des Vaters, sei mit uns in Wahrheit und in Liebe!

             Diesmal fängt der Älteste seinen Brief an, wie man in der Antike Briefe anfängt. Er stellt sich vor. Er muss seinen Namen nicht nennen. Es reicht, dass er sich als der Älteste vorstellt. Aus anderen Quellen legt sich der Schluss nahe: Der Presbyter Johannes aus Ephesus hat hier das Wort. Er nennt seine Adressatin, wenn auch nicht mit Ort oder Namen. Die auserwählte Herrin ist eine Anrede, die der Angeredeten Ehre zuerkennt.

Ehrfurcht vor der Gemeinde. Ein Gespräch auf Augenhöhe. Wie anders klingt das gegenüber heute, wo Gemeinde so oft als eng, defizitär, milieu-verengt beschrieben wird und sich so beschimpft fühlt. Engagierte Menschen, die darin nur abwertende Urteile hören können.

Wir wissen nicht, welche Gemeinde so angesprochen wird. Aber es ist deutlich: Der Schreiber schätzt die Gemeinde und ihr Glieder. Sie sind auserwählt. Auch für sie gilt: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und bestimmt, dass ihr hingeht und Frucht bringt und eure Frucht bleibt.“ (Johannes 15,16)  Wer so von Jesus auserwählt ist, dem kommt auch Ehre von den Leuten Jesu zu.

Sie sind geliebt. Von dem Ältesten und allen, die die Wahrheit erkannt haben. Diese Liebe hat ihren Grund in der Wahrheit, die sie miteinander teilen. Die sie verbindet. In der sie bleiben. Das ist eines Lieblingsworte des Johannes. Geht es ihm doch – darauf weist auch die griechische Form des Wortes μένουσαν hin – immer wieder um die doppelte Wirkung des Bleibens: In der Zeit bei der Gemeinde und in Ewigkeit in der Gemeinschaft mit Gott, dem Vater.     

Dann folgt er dem antiken Briefformular mit seinem volltönenden Segenswort. Gnade, Barmherzigkeit, Friede – mehr geht nicht.  Das ist der Lebensraum, in den er die Gemeinde stellt und in dem sich ihr Leben entfalten kann. „Die Gemeinschaft der Glaubenden darf gewiss sein, dass ihr Gnade, Erbarmen, Friede als Inbegriff aller Heilsgaben Gottes auf Dauer geschenkt sind.“ (H-J. Klauck, Der Zweite und Dritte Johannesbrief, EKK XXIII/2; Neukirchen 1992, S.41 ) Diese guten Gaben kommen von Gott und von Jesus Christus. Und in der Formel wird präzisiert: Gott ist der Vater und Jesus Christus der Sohn des Vaters. In einer Welt, in der viele Götter verehrt werden, wird so klargestellt, wer hinter  dem Segen steht.

Und noch einmal: Unter diesem Segen schließt sich der Älteste mit der Gemeinde, an die er schreibt, zusammen.  Sie sind verbunden in der Wahrheit und der Liebe. Beide Worte sind als Inhalte schon dem 1. Johannesbrief überaus wichtig.

 4 Ich bin sehr erfreut, dass ich unter deinen Kindern solche gefunden habe, die in der Wahrheit leben, nach dem Gebot, das wir vom Vater empfangen haben.

                 Auch wenn das in antiken Briefen oft am Anfang steht. Nichts spricht dagegen, dass hier wirkliche Freude ausgesagt wird über den Glaubensstand der Gemeinde. Gerade auch auf dem Hintergrund, dass es Abwanderung gegeben hat, Menschen die Gemeinde verlassen haben, gewinnt dieser Satz Bedeutung. Es gibt Christen, die in der Wahrheit leben, die ihren Weg nach dem Gebot,  ἐντολὴ, suchen. Nach der Weisung Jesu. Wie so häufig in den Johannes-Briefen, wird hier auf das Wort Jesu aus dem Johannes-Evangelium zurück verwiesen: „Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander lieb habt.“ (Johannes 13,34)

 5 Und nun bitte ich dich, Herrin – ich schreibe dir kein neues Gebot, sondern das, was wir gehabt haben von Anfang an -, dass wir uns untereinander lieben.

             Die stärkste Form der Ermahnung und Ermutigung ist die Bitte, nicht ein Befehl.  Bitten nimmt den anderen in seiner Freiheit und Verantwortung ernst. Darum erinnert Johannes die Gemeinde – die Herrin – bittend an das Gebot, das am Anfang der Gemeinde steht. „Es geht darum, das Gebot als bekanntes und praktiziertes immer neu zur Grundlagen christlichen Lebens zu machen.“ (H-J. Klauck, aaO.; S.50 )

Wenn man will, werden damit Fußwaschung und das neue Gebot zur Geburtsstunde der Gemeinde gemacht. Ein Gedanke, der mir durchaus gefallen kann. Werden doch so die Gemeinschaft mit Jesus – in der Fußwaschung gewinnen seinen Jünger Teil an ihm (Johannes 13,8)  – und die Liebe untereinander zu Basiselementen der Christengemeinde.

6 Und das ist die Liebe, dass wir leben nach seinen Geboten; das ist das Gebot, wie ihr’s gehört habt von Anfang an, dass ihr darin lebt.

Auch diese Aussage ist nicht neu. Sie steht in ähnlicher Weise schon im 1. Johannesbrief. Die Liebe zeigt sich im Leben nach den Geboten. Im Tun dessen, was Jesus entspricht. Man könnte fast sagen: Das Rad muss nicht neu erfunden werden. Es verdrießt Johannes nicht, seinen Gemeinden immer wieder dasselbe zu schreiben.

Er greift gerne auf den Anfang zurück. Ist es doch so, dass mit dem Anfang der gute Grund gelegt ist, auf den die Gemeinde ihr Leben bauen kann. Vielleicht klingt hier sogar noch der Anfang des Johannes-Evangelium nach: „Im Anfang war das Wort.“ (Johannes 1.1) Soviel höre ich: Johannes liebt diesen Anfang. Ἀρχῆ. Und es ist doch eine Illusion – trotz aller Fortschritte im Glauben – dass wir jemals etwas anderes würden als Leute, die auf den Anfang angewiesen bleiben, den Gott mit ihnen gemacht hat. Und immer wieder macht.

            All Morgen ist ganz frisch und neu des Herren Gnad und große Treu;
sie hat kein End den langen Tag, drauf jeder sich verlassen mag.                                                            J. Zwick 1545, EG 440

             In diesem immer neuen Anfangen Gottes liegt zugleich die Verheißung des guten Endes, der Vollendung.

 

Heiliger Gott, Du hüllst uns ein in Gnade, Barmherzigkeit, Frieden. Du fängst alle Tage neu mit uns an.

Du willst, dass wir auch alle Tag neu miteinander anfangen, Liebe üben, auch wenn wir darin Anfänger bleiben, uns von Deinem Gebot leiten lassen, auch wenn es uns Schritte abverlangt, die uns schwer fallen wollen.

Stärke Du uns in der Liebe im Gehen auf Deiner Spur. Amen