Nur ein Traum?

  1. Johannes 4, 16b – 21

Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.

             Das ist ein Satz zum Auswendig-lernen. Damit er verinnerlicht wird. Für die Stabilität des Glaubens. Und wieder geht es um das Bleiben. Wo so viele gegangen sind, wird bleiben umso wichtiger. Ich übertreibe nicht:  Bleiben ist die Existenzform des Glaubens. „Der Glaubende und Liebende verweilt in einem Raum, der von der Selbsterschließung Gottes bestimmt ist.“ (H-J. Klauck, aaO. S. 264) Verweilen. Bleiben.

Hier liegen große Herausforderungen an die Arbeit in der Kirche, in  den Gemeinden. “Die Gestalt individuell gelebter Verbindung zur verfassten Kirche allein über die Inanspruchnahme lebenszyklisch relevanter Angebote erzeugt keine stabile und belastbare Verbundenheit zu Kirche und Glaube.“(Engagement und Indifferenz V.KMU, Hannover 2014; Handlungsperspektiven 18. 2.) Es muss darum gehen, Menschen dazu zu führen (!) dass sie nicht nur hier und da einmal hineinschnuppern. Sondern beständig werden.

Lass mich Dein sein und bleiben,Du treuer Gott und Herr,
von Dir laß mich nichts treiben,halt mich bei Deiner Lehr.
Herr, lass mich nur nicht wanken,gib mir Beständigkeit,
dafür will ich Dir danken in alle Ewigkeit.        N. Selnecker 1572  EG 157

             Es passt, dass dieses Lied häufig als Schlusslied im Gottesdienst gesungen wird, wenn es darum geht, in der Welt des Alltags zu bewähren, was man im Gottesdienst gehört und gebetet und gesungen hat.

Johannes liebt die Sätze, die wie Definitionen klingen, aber in Wahrheit eher Zusagen., Prädikationen, Lobpreisungen sind. Staunende Ausrufe:  Gott ist die Liebe. Gott ist Licht. Gott ist Geist. Und immer gewinnt er diese Sätze im Blick auf Jesus Christus. 

 17 Darin ist die Liebe bei uns vollkommen, dass wir Zuversicht haben am Tag des Gerichts; denn wie er ist, so sind auch wir in dieser Welt. 18 Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus; denn die Furcht rechnet mit Strafe. Wer sich aber fürchtet, der ist nicht vollkommen in der Liebe.

             Dieses Bleiben, Verweilen in der Liebe hat Folgen. Es führt heraus aus der Furcht. Es lässt Zuversicht wachsen.  Παρρησία steht da, eines meiner Lieblingsworte. Manchmal wird es mit Freimut übersetzt. Eine Haltung, die sich nicht wegduckt, nichts mehr schön-reden oder beschönigen muss. Nicht mehr von Scham bestimmt ist. Keine Furcht mehr kennt vor Folgen. Die sich stellen kann: Ja, das bin ich. Ja, das habe ich getan. Weil es da eine tiefer greifende Gewissheit gibt: Das letzte Wort Gottes ist ein Wort der Liebe, weil seine Liebe bis zum Äußersten (Johannes 13, 1) geht, bis zum Letzten, das letzte Wort im Gericht behält. Diese Gewissheit hat ein Gesicht, an dem sie entsteht: Jesus.

In dieser Zuversicht gelangt die Liebe ans Ziel, wird sie vollkommen. Perfekt? Sicher nicht in dem Sinn, in dem wir perfekt verstehen: Wunderbar präsentiert. Auf Hochglanz-Papier gedruckt. Vollendet durchgestylt. Wohl aber in dem Sinn, in dem Jesus am Kreuz ruft: „Es ist vollbracht.“ (Johannes 19,28) Dort und hier findet das gleiche griechische Wort sich wieder      τετελείωται – τετέλεσται.  Vom Kreuz her wird die Furcht besiegt und kommt die Liebe an ihr Ziel. Die Liebe Gottes und die Liebe zu Gott.

 19 Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt. 20 Wenn jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, der kann nicht Gott lieben, den er nicht sieht.

             Unermüdlich wiederholt Johannes seinen Kernbotschaft. Wahrscheinlich deshalb, weil es eines ist, die Worte einzuprägen und ein anderes, diese Worte im eigenen Leben aufzunehmen, ihnen nachzuspüren, sie zu leben. Es ist die Erinnerung daran, dass es mit den Worten nicht getan ist. Die recht-gläubige Dogmatik ist das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt ist, wenn ihr nicht Schritte ins Leben folgen.

Und es ist eine herbe Erinnerung und ein Einspruch gegen eine bestimmte Lebenspraxis: Wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, der kann nicht Gott lieben, den er nicht sieht. Man kann sich nicht dadurch vom Acker machen, dass man die konkrete Situation überspringt. „Bei der Gottesliebe besteht die Gefahr, dass sie ein reines Postulat bleibt, das die Lebenswirklichkeit der Menschen kaum irgendwo tangiert.“(H-J. Klauck, aaO. S. 275)

Es gehört zu den erschreckenden Erfahrungen, dass es so einfach scheint, sich vom konkreten Handeln dadurch zu entbinden, dass man sich in Frömmigkeit flüchtet, sich in Gott versenkt. „Mose hat gesagt (2.Mose 20,12; 21,17): »Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren«, und: »Wer Vater oder Mutter flucht, der soll des Todes sterben.« Ihr aber lehrt: Wenn einer zu Vater oder Mutter sagt: Korban – das heißt: Opfergabe soll sein, was dir von mir zusteht -, so lasst ihr ihn nichts mehr tun für seinen Vater oder seine Mutter.“(Markus 7, 10 – 12) Dies ist nicht nur die Gefahr, der Pharisäer und Schriftgelehrte ausgesetzt sind. Dies ist oft genug Gefahr der Frömmigkeit bis heute.

 21 Und dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.

             Dem gegenüber beharrt Johannes auf dem Gebot. Auf dem Wort, das die Liebe zu Gott und die Liebe zu den Brüdern und Schwestern zusammenbindet. Untrennbar. „Wer in Gott eintauchen will, wird neben den Armen auftauchen müssen.“ (P. M. Zulehner) Neben dem Armen, den er kennt und sieht, der ihm Nächster und Bruder und Schwester ist.

„Soziale Fürsorge und Hilfe in Notlagen hingen in der Antike fast gänzlich vom Netzwerk der persönlichen Beziehungen ab. Christen konnte es zustoßen, dass sie durch ihren Übertritt zur Gemeinde aus allen sozialen Sicherungssystemen heraus fielen. Hier war im Notfall die Gemeinde gefordert, d. h. ganz konkret: Ein Christ, der über Materielle und finanzielle Möglichkeiten verfügte, sah sich gezwungen, der eigenen Familie Geld zu entziehen,und es für Menschen, de ihm vorher fremd gewesen waren, zur Verfügung zu stellen.“ (H-J. Klauck, aaO. S. 279) Ob man das Nächstenliebe oder Bruderliebe nennt, ist zweitrangig. Es kostet. Weil es  konkret ist, wirklich.

 

Mein Gott, davon träume ich: Kinder sind willkommen und haben den nötigen Spielraum zum Leben. Eltern können sich Zeit nehmen für ihre Kinder und müssen nicht befürchten, dass sie darüber mit ihrer Karriere stecken bleiben. Autofahrer grüßen sich freundlich und verzeihen einander mit einem Lächeln. Auch wer wie ein Fremder aussieht, kann sich sicher sein: Ich werde geachtet und geschätzt. Niemand wird mit Schlägen traktiert. Niemand muss sich vor Erziehern oder anderen Menschen, die über ihn Macht haben, fürchten.

Es gibt keine Übergriffe – nicht in der Schule, nicht im Sportverein, nicht im Betrieb, nicht in den politischen Parteien, nicht einmal in der Kirche. Alte Menschen werden hoch geachtet. Ihre Lebenserfahrungen werden von den Jungen geschätzt und sind bei ihnen gefragt Niemand wird ins Altersheim abgeschoben.

Keiner muss fürchten, dass er seine Arbeit verliert, weil alle etwas beitragen zum Fortschritt des Lebens.

Und Liebe ist nicht nur ein Wort. Liebe wird gelebt im Miteinander der Menschen – der Großen und der Kleinen, der Jungen und der Alten, der Einheimischen und der Fremden.

Mein Jesus, lass mich an diesem Traum mitarbeiten. Amen