Gestaltgewordene Liebe Gottes: Jesus

  1. Johannes 4, 7 – 16a

7 Ihr Lieben, lasst uns einander lieb haben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist von Gott geboren und kennt Gott. 8 Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist die Liebe.

             Das Erste – und wohl Wichtigste: Der Ausgangspunkt allen Nachdenkens bei Johannes ist die Liebe Gottes. Er beginnt sachlich, gegen die Satzfolge, nicht bei uns Menschen, sondern er beginnt bei Gott. Mitten in diesem Text steht ein schier unglaublicher Satz: Gott ist die Liebe! Dieser Satz darf nicht umgedreht werden: Die Liebe ist Gott. Aber er ist die Voraussetzung für das, was vorher steht: lasst uns einander lieb haben. Diese Liebe – daran liegt Johannes viel – ist ein im Anfang ganz und gar einseitiger Akt Gottes. Nichts und niemand hat ihn dazu zwingen können.

Es geht nicht um die Liebe, wie sie der Schlager besingt. Von der ἀγάπη, Agape ist die Rede, nicht vom Eros. Von der liebevollen, fürsorglichen, ermutigenden, anteilnehmenden Liebe, die nichts zwingt, aber sich schenkt. Diese Liebe wurzelt in Gott. Sie spiegelt ihn.

Spricht der Zustand der Welt nicht gegen so einen Satz? Sieh doch genau hin – hast Du Haiti, den Tsunami, den Flug der Malysia Airline schon vergessen? Siehst Du nicht die Bilder aus dem Sudan, der Ukraine, Afghanistan, Irak, Syrien? Siehst Du nicht die alltäglichen Bilder im Fernsehen und den Zeitungen von Selbstmordattentaten, schrecklichen Autounfällen, zerstörter Landschaft? Warst Du noch nie auf dem Friedhof, wenn einer viel zu früh aus dem Leben gerissen worden ist? Spricht das alles nicht gegen einen Gott, der die Liebe ist?

 9 Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingebornen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen. 10 Darin besteht die Liebe: nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden.

             Die Antwort des Johannes: Die Liebe Gottes wird am Sohn Gottes erkannt. An dem „einzigartigen“ Sohn – so kann man μονογενῆ auch übersetzen. Johannes kennt keine Jungfrauengeburt. Aber er hebt auf die Einzigartigkeit Jesu wieder und wieder ab –  auch mit dem Hinweis: Er ist gesandt. Mich erinnert das an ein Gleichnis Jesu, in dem es heißt:  „Zuletzt aber sandte er seinen Sohn zu ihnen….“ (Matthäus 21,37)

             In dieser Sendung Jesu in die Welt zeigt Gott seine Liebe zur Welt. Darin, dass er seinen Sohn dieser Welt aussetzt. Gott erklärt die Welt nicht zur No-Go-Area, wo es für seinesgleichen zu gefährlich ist hinzugehen. Er kommt in diese Welt in dem Wissen, dass es gefährlich ist, dass diese Welt ein Ort tödlicher Gefahren und Schmerzen ist.

Die Liebe Gottes ist keine Allerwelts-Angelegenheit, sondern wird konkret, Person, bekommt ein Gesicht, hat Hand und Fuß. Damit ist auch klar: nicht der Blick auf die Welt in ihrem Zustand belehrt uns, dass Gott die Liebe ist, sondern der Blick auf den Sohn. Noch genauer: Auf den Sohn, der die Versöhnung für unsre Sünden ist. Bewirkt. Erwirbt.

Ich gehe kaum fehl, wenn ich hier den Weg Jesu ans Kreuz angesprochen finde. „Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt!“ (Johannes 1,29) Es gibt kein Reden von der Sendung Jesu in die Welt, in dem nicht das Kreuz mit anklingt, im Hintergrund steht. Hier nun: als Sühne für unsere Sünden. So die dem Griechischen gegenüber wortgetreue Übersetzung. „Die Aussagen – von der für uns erlittenen Strafe, der für uns bezahlten Schuld, dem reinigenden Blut – können wirklich nur Bezeugungen, nicht „Erklärungen“ sein.“ (W. de Boor, aaO.  S. 125) Dieses Wissen könnte dem so erbitterten Streit um das richtige Verständnis des Sühnetodes Jesu ein wenig an Schärfe nehmen.

Und das Ziel der Sendung des Sohnes: damit wir durch ihn leben sollen. Nie ist das Leiden am Kreuz das letzte Ziel. Auch die Vergebung der Sünden, auch die Sühne unserer Sünden ist nicht das letzte Ziel. Es geht um mehr als um Reparatur der Vergangenheit. Das Ziel, τέλος, die Vollendung ist das Leben, die Gemeinschaft mit Gott in der Gemeinschaft mit dem Sohn.

11 Ihr Lieben, hat uns Gott so geliebt, so sollen wir uns auch untereinander lieben. 12 Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen.

             So, in dieser Entsprechung zur Liebe Gottes soll die Liebe der Christen untereinander gesucht werden, praktiziert werden. Sie ist Abbild, Spiegelung der Liebe Gottes in die Horizontale. Und in dieser Liebe untereinander, die aus der Liebe Gottes schöpft, geschieht, so lese ich, eine Vergewisserung des unsichtbaren Gottes. Niemand hat Gott jemals gesehen. ist kein Satz des Unglaubens. Aber ein Satz, der die Unverfügbarkeit Gottes festhält. Und der an das Aufsehen auf Jesus und das Leben in geschwisterlicher Verbundenheit – so übertrage ich lieber das große Wort lieben – verweist.

 13 Daran erkennen wir, dass wir in ihm bleiben und er in uns, dass er uns von seinem Geist gegeben hat.

             Das könnte wieder einer der johanneischen Zirkelschlüssel sein. In unserem Bleiben in ihm erkennen wir, dass sein Geist uns leitet, Paulus würde sagen: dass wir Gottes Kinder sind. (Römer 8,16) Und ein bisschen huldigt Johannes der Devise, dass die Wiederholung, wenn sie ein wenig variiert, gut tut – variatio delctat -: „Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch! (3,1) Es kennzeichnet diesen Brief, dass er vergewissern will, bestätigen, bekräftigen, im Glauben gründen und verwurzeln. Wie tief muss die Verunsicherung in der Gemeinde sein, dass Johannes immer wieder so auf sie antwortet. Mit Worten der Bestätigung.

14 Und wir haben gesehen und bezeugen, dass der Vater den Sohn gesandt hat als Heiland der Welt.

             Es bleibt nicht beim Blick auf sich selbst. Vergewisserung braucht den Blick auf den Grund des Glaubens. Darum wird jetzt wieder das zentrale Bekenntnis eingespielt, das, was man in der Taufunterweisung gelernt hat. Der Vater  hat den Sohn gesandt als Heiland der Welt. σωτῆρα τοῦ κόσμου Das ist eine ganz seltene Formulierung. Nur ein einziges Mal wird sie im Johannes-Evangelium verwendet: „Wir haben selber gehört und erkannt: Dieser ist wahrlich der Welt Heiland.“ Johannes 4,42) Diese „Formel“ ist auch deshalb so gewichtig, weil durch sie eine Gemeinschaft in Bedrängnis, in der Gefahr des Rückzugs in sich selbst festhält: Wir glauben an den Heiland der Welt und nicht nur an den Heiland für eine Handvoll Christen.

 15 Wer nun bekennt, dass Jesus Gottes Sohn ist, in dem bleibt Gott und er in Gott. 16 Und wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat.

             Die letzten Sätze sind eine Art Zusammenfassung. Im Bekennen bleiben wir bei Gott. In der vorsichtigen Sprache des Religions-Soziologen: wird uns die Plausibilität unseres Glaubens bestätigt. Und im Bekennen bestätigen wir, was uns hält und trägt, wovon wir leben: Dass Jesus der Sohn gottes ist und wir in ihm die Liebe Gottes erkennen, erfahren, uns ihr anvertrauen.

Manche der „Lieblingsworte“ des Johannes treten in diesen Abschnitt geradezu geballt auf:  ὁμολογει̃ν, bekennen, μαρτυροῦμεν, wir bezeugen,τεθεάμεθα wir haben gesehen. Es sind Worte, mit denen Johannes ja auch seinen Brief eröffnet. Und eben Worte, die hinweisen: Wer sich zu Jesus stellt, in ihm bleibt,  der wird im Glauben befestigt.

 

Gott, so habe ich es gelernt, dass Du die Liebe bist, dass Deine Liebe uns gilt, sucht, nachgeht, uns aufhebt. So habe ich es gelernt, dass Deine Liebe geduldig ist, langmütig, freundlich, selbstvergessen und voller Hingabe.

Du bist uns zuvorgekommen mit deiner Liebe, nahe gekommen mit deiner Liebe, ungefragt, grundlos, getrieben nur aus Dir selbst. Du hast Deiner Liebe ein Gesicht gegeben, Jesus Christus, damit wir sie sehen können, fühlen, betasten, begreifen.

Und nun hilf uns zu antworten auf Deine Liebe mit unserer Liebe zu denen, bei denen es uns leicht ist und zu denen, bei denen es uns schwer ist.

Gib es uns, täglich das Bild Deiner Liebe, Jesus Christus, zu schauen, damit wir verwandelt werden zu seiner Liebe, Deiner Liebe. Amen