Größer als unser Herz

  1. Johannes 3, 19 – 24

 19 Daran erkennen wir, dass wir aus der Wahrheit sind, und können unser Herz vor ihm damit zum Schweigen bringen, 20 dass, wenn uns unser Herz verdammt, Gott größer ist als unser Herz und erkennt alle Dinge.

             Offensichtlich schreibt Johannes an Leute, die über ihren eigenen Glaubensstand in Verwirrung geraten sind. Sind wir auf dem richtigen Weg? Genügt unser Bekenntnis zu Jesus, unsere Liebe zu den Brüdern und Schwestern? Es geht um Vergewisserung, die durch Anfragen, durch andere Stimmen und andere Lehren, erschüttert worden ist.  Es geht um erschrockene Gewissen.

Darauf deutet auch seine Formulierung Daran erkennen wir, dass wir aus der Wahrheit sind… hin. Er möchte sie erinnern an ihr Lieben in Tat und Wahrheit (3,18). Und wenn sie so leben, werden sie darüber auch ihres Glaubens gewiss werden. Hier steht im Griechischen eine Futur-Form, während der Luther-Text mit Präsenz übersetzt. Das ist wohl dem geschuldet, dass der Trost, die Vergewisserung aus den inneren Anklagen jetzt  herausführen soll.

Worum geht es? „Auch die Christen sind keine Perfektionisten in der Liebe und mögen wegen mancher Fälle des Versagens mit ihrem Gewissen in Konflikt geraten.“ (H. Balz, aaO. , S. 187) In den kleinen Gemeinden der ersten Zeit wird es nicht ohne Konflikte abgegangen sein. Wo Menschen nahe zusammen sind, kommt es zu unbedachten Worten, Kränkungen, wird Liebe schuldig geblieben, gibt es Worte, die verletzen. Manche werden übersehen. „In diesen Tagen aber, als die Zahl der Jünger zunahm, erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung.“ Apostelgeschichte 6,1) Das ist nur ein Beispiel. Wo aber die Liebe das Kriterium ist, an dem sich Vergewisserung festmachen kann, da wird das Scheitern an der Liebe zur massiven Anfrage an sich selbst.

An das Herz. sagt Johannes. Wir heute würden sagen: das Gewissen. Es ist biblisches Denken über den Menschen, das dem Herzen die Funktion zuschreibt, die wir heutzutage dem Gewissen zurechnen. „Das Herz ist der Ort, wo moralische Entscheidungen fallen und Werturteile getroffen werden.“ (H-J. Klauck, aaO. S. 218)

             Und nun also: Das eigene Herz klagt an. Mehr noch: es verdammt. Es nimmt schon das Urteil vorweg. Es übernimmt gewissermaßen die Rolle des Anklägers, der vor dem Thron Gottes vorbringt, was gegen uns spricht. (Hiob 1)  Es ist eine der bedrängenden Erfahrungen in der Seelsorge, dass Menschen sich manchmal nicht nur anklagen, sondern sich selbst regelrecht verurteilen. Sie sehen keinen Weg mehr für sich selbst. Sie sehen nur noch ihre Tat. Sich in ihrer Tat. Sich schuldig.

Diese Anklagen und Urteile des eigenen Herzens bringt Gott zum Schweigen. Er  ist größer ist als unser Herz. Er ist der, der alles weiß, genauer: erkennt – darauf heben die johanneischen Schriften oft ab, auch hier: Er  erkennt alle Dinge. Aber das, was in Angst und Schrecken versetzen müsste: Vor der letzten Instanz der Welt stehe ich nackt und bloßgestellt da, gerade das wird zum Trost: Es ist der erbarmende Gott. Sein Erkennen ist nicht liebloses Bescheidwissen, sondern in diesem Erkennen wird die Liebe bewahrt.

„In die Allwissenheit des richtenden Gottes wird gerade dieses Phänomen integriert, dass das Herz zu Recht anklagt, Gott in seiner vergebenden Liebe aber nicht dem Strafantrag der Anklage folgt, sondern, um im Bild zu bleiben, dem Plädoyer seines Sohnes.“ (H-J. Klauck, aaO. S. 221) Mit alle diesen Gedanken greift Johannes zurück auf das, was er früher schon geschrieben hat: „Wir haben einen Fürsprecher bei dem Vater, Jesus Christus, der gerecht ist.“(2,1)

Bei Paulus, gefragt nach seiner Rechtfertigung gegen fremde Vorwürfe, hört sich das so an: „Mir aber ist’s ein Geringes, dass ich von euch gerichtet werde oder von einem menschlichen Gericht; auch richte ich mich selbst nicht. Ich bin mir zwar nichts bewusst, aber darin bin ich nicht gerechtfertigt; der Herr ist’s aber, der mich richtet.“ (1. Korinther 4,3-4) Auch hier: nicht das eigene Herz, nicht das eigene Urteil. Das Urteil des Herrn ist das, was zählt.

 21 Ihr Lieben, wenn uns unser Herz nicht verdammt, so haben wir Zuversicht zu Gott, 22 und was wir bitten, werden wir von ihm empfangen; denn wir halten seine Gebote und tun, was vor ihm wohlgefällig ist.

             Aus dem Wissen um diesen Fürsprecher, um dieses zum Schweigen Kommen der Anklagen im eigenen Herzen, entsteht Zuversicht und die Gewissheit, dass das eigene Beten nichts ins Leere geht, sondern von Gott erhört wird. Das mag ein Wechsel sein: Die eigenen Anklagen werden gegenstandlos, das eigene Beten aber wird empfangen. Ein Jesus-Wort schwingt mit: „Bittet, so wird euch gegeben.“(Matthäus 7,7) Aus dem Leben mit den Geboten erwächst die Gewissheit, dass Beten erhört wird und das eigene Leben Gott recht ist.

 23 Und das ist sein Gebot, dass wir glauben an den Namen seines Sohnes Jesus Christus und lieben uns untereinander, wie er uns das Gebot gegeben hat. 24 Und wer seine Gebote hält, der bleibt in Gott und Gott in ihm.

Sein Gebot? Seine Weisung – so würde ich  ἐντολὴ hier gerne übersetzen. Fast noch lieber: Seine Einladung. Ich ahne aber, dass das zu schwach formuliert ist. Es geht ja nicht nur um ein „Versucht es doch einmal.“ An diesem Glauben hängt ja das ewige Leben.(2,25) Dieser Glaube ist wirklich geboten, angeboten und uns eröffnet durch die Gabe des Sohnes.

Ob Johannes hier Sätze derer im Ohr hat, die er für gefährlich für die Gemeinde hält. Es ist ja eine deutliche Zuspitzung, die zugleich von anderen trennt, dass es das Gebot Gottes sei, dass wir glauben an den Namen seines Sohnes Jesus Christus. Wahrscheinlich stimmt es, auch wenn nicht klar ist, ob sie das Gegenüber des Johannes sind: „Das gerade hätten Schriftgelehrte und Pharisäer nie und nimmer als Gottes Gebot anerkannt.“ (W. de Boor, aaO.  S. )

Wir begegnen hier einem Doppelgebot: Glauben an Jesus Christus und einander lieben. Das macht deutlich: Es geht um Glauben und Liebe, nicht nur um Glauben und auch nicht nur um Liebe. Johannes würde wohl sagen: Die so gern benutzte Formel „Christsein ist Nächstenliebe“ greift zu kurz. „Der Glaube ist nicht einfach als liebe darstellbar, er realisiert sich mit anderen Worten nicht erst in der geschwisterlichen Liebe, sondern hat seine eigene Wirklichkeit…. Der Glaube erst sagt mir, dass ich geliebt bin von Gott und deshalb lieben kann.“ (H-J. Klauck, aaO. S. 225)

 Und daran erkennen wir, dass er in uns bleibt: an dem Geist, den er uns gegeben hat.

             Wieder wird den Lesern und Leserinnen ein Kriterium an die Hand gegeben zur eigenen Vergewisserung. Der Geist. Das ist gut paulinisch: „Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind.“ (Römer 8,16) Ich bin wohl auf der Spur des Johannes, wenn ich inhaltlich fülle: Der Geist zeigt sich im Glauben an den Sohn, im Bekenntnis zu ihm und in der geschwisterlichen Liebe.

 

Lieber Herr Jesus, glauben und lieben, lieben und glauben. Beides willst Du schenken, in mir entzünden.

Gib meinem Glauben, dass er zum Tun der Liebe findet. Gib meinem Tun, dass darin mein Glauben aufleuchtet.

Mache Du einen Menschen aus mir, in dem sich Deine Liebe spiegelt und der sich im Glauben an Dich hält.

Lass meine Nächsten etwas davon haben, dass ich glauben und lieben will. Amen