Beständigkeit verleihe…

  1. Johannes 3, 1 – 10

1 Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch! Darum kennt uns die Welt nicht; denn sie kennt ihn nicht.

             Ein großes Staunen liegt in diesen Worten: Wir sind Gottes Kinder. Wir heißen so – uns wird dieser Name beigelegt. Nicht von uns selbst, Sondern der Vater lässt uns so heißen. „Kinder Gottes ist für ihn (den Verfasser) so etwas wie ein christlicher Hoheitstitel, ein Würdenamen, den alle Glaubenden voll Stolz tragen dürfen.“ (H-J. Klauck, aaO. S. 180)

Es gibt ein Reden von der Gotteskindschaft, das sie im Naturgegeben festmacht. Hier wird deutlich, dass Johannes anders denkt: Es ist ein Sein, das zugeeignet wird, das nicht von Natur aus dem Menschen eignet. Ein Sein, das in der Liebe des Vaters – ich ergänze: die sich im Sohn zeigt – seinen Grund hat.

Und so, wie die Welt den Sohn nicht erkannt hat und dadurch auch blind ist für den Vater – „Jesus antwortete: Ihr kennt weder mich noch meinen Vater; wenn ihr mich kenntet, so kenntet ihr auch meinen Vater.“ (Johannes 8, 19) – , so erkennt sie auch nicht dieses Wesen der Christen. Sie sind ihr nur irgendwelche religiösen Leute. Sie sieht nicht: Das sind die Kinder Gottes. Das ist ja nicht an der Lebensqualität der Christen, auch nicht an ihrer moralischen Qualität erkennbar. Das sieht nur, wer Gott sieht, der sie als seine Kinder „adoptiert“ hat.

2 Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen aber: wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.

Was Johannes bisher gesagt hat, ist Gegenwart. Es gilt im Jetzt der Lesenden. Aber es ist noch nicht das Ende der Reise, noch nicht der Endzustand. Genauer: Wir sind noch nicht das Ziel, wenn wir Christen sind.

Es gibt im Leben der Christen schon heute eine Transformation, eine Wandlung: Aus einem Menschen, der Gott nicht kennt zu einem Menschen, der von Gott erkannt ist und deshalb auch geöffnet ist für Gott. Das ist ein Geschehen an uns, kein Prozess, den wir initiieren und selbst steuern. Dieser Prozess ist zugleich so etwas wie eine Verheißung, ein Versprechen für die Zukunft. In der Zukunft werden wir ihm gleich sein.

In der Offenbarung des Johannes wird das in einem schlichten Satz ausgedrückt: „Wer überwindet, der wird es alles ererben, und ich werde sein Gott sein und er wird mein Sohn sein.“ (Offenbarung 21, 7) Das ist das Ziel der Wandlung: Aus Kindern Gottes werden Söhne und Töchter Gottes.  μοι υἱός, mein Sohn – das ist bei Johannes als „messsianischer Titel streng für Christus reserviert.“(H-J. Klauck, aaO. S. 180)

            Aber in dieser Wandlung, auf die es zugeht, werden die Christen ihm gleich, nicht nur ein bisschen wie er. Auch wenn man ὅμοιος mit ähnlich übersetzt – es geht um eine ganz und bleibend von Gott bestimmte und durchdrungene Existenz.  Wodurch: Durch das Sehen auf ihn, auf Christus. Anschauen setzt Verwandlung in Gang. Das weiß auch der Volksmund schon: Du wirst, was du siehst, ansiehst. Das steht wohl auch hinter der Aufforderung: „Lasst uns aufsehen auf Jesus.“ (Hebräer 12,2) Dieses Aufsehen setzt einen Verwandlungsprozess in Gang. Der hier schon beginnt und sich im Gegenüber zu Christus in der Ewigkeit vollendet. Zusammengefasst auf einen Satz gebracht:

3 Und ein jeder, der solche Hoffnung auf ihn hat, der reinigt sich, wie auch jener rein ist.

             Sofort macht er deutlich: Diese Sicht auf die zukünftige Gleichheit mit Christus setzt Handeln jetzt frei. Sie wird anfangsweise schon eingeübt – im Ringen um das rein sein. Es ist eine Eigenart biblischen Denkens über die Zukunft: Wo es um die Zukunft Gottes geht, wird sie immer ein Vorwegnehmen auslösen,  ein „so tun als ob“ die Zukunft schon begonnen hätte.

  4 Wer Sünde tut, der tut auch Unrecht, und die Sünde ist das Unrecht. 5 Und ihr wisst, dass er erschienen ist, damit er die Sünden wegnehme, und in ihm ist keine Sünde. 6 Wer in ihm bleibt, der sündigt nicht; wer sündigt, der hat ihn nicht gesehen und nicht erkannt.

             Vom Stichwort rein kommt Johannes auf das andere Stichwort zurück, auf Sünde. Und erinnert daran: Das ist der Grund des Kommens Christi, dass  er die Sünden wegnehme. Wenn er die Sünde wegnimmt, dann macht er nicht nur den Weg zu Gott wieder frei. Er beseitigt auch die Wurzel des Unrechts. Unrecht könnte man auch lesen als Verstoß gegen die Gerechtigkeit.  Ἀνομίαν meint Gesetzlosigkeit und Unrecht. Die Sünde bringt es mit sich, dass sie Ungerechtigkeiten gebiert – Machtmissbrauch, Gewalt, Übergriffe, Lügen. Die Reihe lässt sich beliebig fortsetzen.

Das alles widerstreitet dem Sein in Christus. Und wenn sich jemand in dieser Art zu leben einrichtet, wird er irgendwann nicht mehr in Christus sein wollen. Irgendwo und irgendwann ist mir der Satz zugefallen: „Wenn wir lange nicht tun, was wir wissen, wissen wir irgendwann nicht mehr, was wir tun.“ Das ist der Verlust, den das Unrecht mit sich bringt. Wir wissen nicht mehr, was wir tun.

 7 Kinder, lasst euch von niemandem verführen! Wer recht tut, der ist gerecht, wie auch jener gerecht ist. 8 Wer Sünde tut, der ist vom Teufel; denn der Teufel sündigt von Anfang an. Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre.

             Darum warnt Johannes so eindringlich. Es geht ja nicht um Harmlosigkeiten. Es geht um ein Verhalten, das sich festsetzen kann, das dem widerspricht, was Gott uns zugedacht hat. „Wer die Sünde tut, verrät damit, auf welche Seite er sich endgültig geschlagen hat und wohin er fortan wesensmäßig gehört.“ (H-J. Klauck, aaO. S. 191) Es geht um Teufeleien, in denen sich einer einnistet.

Mit dem Teufel haben wir es nicht mehr so. Er erscheint allenfalls als Schreckensfigur in Kindergeschichten. Aber doch nicht wirklich. Ich halte die Rede vom Teufel für eine sehr wesentliche Erinnerung. „Johannes wendet sich gegen eine rein individualistische Auffassung von der „Sünde“…. Wir stehen nicht einfach für uns selbst da. Immer sind wir eingegliedert in große Zusammenhänge und werden von einer Macht bestimmt, die uns regiert.“ (W. de Boor, aaO.  S. 84) Es geht um strukturelle Schuldzusammenhänge, in die jede und jeder verstrickt ist in seinem eigenen Tun. Das ist regelrecht „teuflisch“.

Ich empfinde die folgenden Sätze hilfreich: „Viele Christinnen und Christen glauben nicht an die Existenz des Teufels. Und doch empfehle ich, die Bilderwelt und den Sprachgebrauch des neuen Testamentes nicht gänzlich über Bord zu werfen…..  Die Macht der Versuchung kann, ob sie nun aus uns selbst oder von außen kommt, auf jeden Fall so stark, geistreich und dominant werden, dass sie geradezu personale – eben „teuflische“ – Züge annimmt. Der bloße Begriff Versuchung ist meiner Meinung nach für dieses Phänomen zu blass. Auch die „Macht der Versuchung ist nur ein Bild, aber eben ein deutlich schwächeres.“ (K.Douglass/F. Voigt; Expedition zum Anfang, Glashütten 2013, S. 190)

Und doch erschrecke ich über dieses harte Urteil des Auslegers. Habe ich doch vorher noch – fast wie eine Befreiung gelesen:  Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst. (1,8) und weiter auch gelesen und auswendig gelernt als ein Trostwort über Jahrzehnte hin: „Wenn wir aber unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit.“ (1,9) Und jetzt diese harte Auskunft.

Ich kann es nur so verstehen. Die Adressaten dieser Worte sind Christen, die in der Sünde heimisch geworden sind. „Das macht doch nichts.“ – „Das machen doch alle.“ – „Solange es keinem schadet.“ – „Sei nicht so eng.“ – „Das ist doch Moral von vorgestern.“ – „Wir sind frei zu tun, was wir wollen. Alles!“ so klingen die Parolen und rechtfertigen eben alles. Die Frage nach der Verträglichkeit mit Gott, mit dem Glauben an Christus scheint sich nicht zu stellen.

Wie anders klingt da das Konzept der Freiheit bei Paulus: „Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber es soll mich nichts gefangen nehmen.“ (1. Korinther 6,23) Und im gleichen Brief weiter vorne, noch nicht im direkten Bezug auf ethische Entscheidungen, aber doch schon als ein Grundsatz-Wort: „Alles ist euer, ihr aber seid Christi, Christus aber ist Gottes. (1. Korinther 3, 22.23) Ich ahne: Paulus und Johannes sind sich hier ganz einig. Es gibt eine Freiheit, die sich selbst zerstört und in Gefangenschaft stürzen lässt. Der Wille Christi aber ist unsere Freiheit.

  9 Wer aus Gott geboren ist, der tut keine Sünde; denn Gottes Kinder bleiben in ihm und können nicht sündigen; denn sie sind von Gott geboren. 10 Daran wird offenbar, welche die Kinder Gottes und welche die Kinder des Teufels sind: Wer nicht recht tut, der ist nicht von Gott, und wer nicht seinen Bruder lieb hat.

             Wie denn nun? Können die aus Gott geboren gar nicht mehr sündigen? Meint Johannes das? Der gleiche Johannes, der im Anfang seines Briefes (s. o.) noch anderes geschrieben hat? Oder meint er: Christen müssen nicht mehr sündigen? Sie stehen nicht unter diesem Zwang, der auf der Welt liegt, sind aus dieser Unfreiheit befreit. Dann hätte er es auch sagen sollen!

Ich tue mich schwer mit diesen Worten. Meine Erfahrung ist: Christen geraten in Sünde. Sie verletzen andere. Sie verschließen sich manchmal vor Gott. Sie liegen mit Gott auf Kriegsfuß. Und sind ein Leben lang darauf angewiesen ,dass Gott sie davor bewahrt, dass sich solche Haltungen verfestigen und zum Gefängnis der Seele werden, dass sie sich ein schleifen und verharmlost werden. Das ist die große Gefahr: Wir finden uns ab damit mit den Worten: So bin ich halt und strecken uns nicht mehr aus nach dem Erbarmen Gottes, das uns in Jesus zugeeignet ist. Wir glauben nicht mehr, dass das Erbarmen an unserem Leben im konkreten Tun etwas ändert.

Und dann geschieht es auf einmal: Wir tun nicht mehr, was recht ist. Wir halten uns nicht mehr Gott mit leeren Händen hin. Wir lassen den Bruder und die Schwester links liegen.

 

Heiliger Gott, hilf mir tun, was Dir entspricht. Hilf mir leben aus dem Stand, in den Du mich gerufen hast, als Dein Kind.

Hilf mir zu widerstehen, Deinen Willen zu suchen, auch wenn ich verlockt werde zu eigensinnigen Wegen.

Hilf mir, dass ich die Freiheit bewähre, die Du mir eröffnet hast, mich nicht wieder binden lasse.

Lass mich fest stehen, beständig werden und gerecht, weil ich in Dir bleibe. Amen