Unruhig ist unser Herz

  1. Johannes 2, 12 – 17

12 Liebe Kinder, ich schreibe euch, dass euch die Sünden vergeben sind um seines Namens willen.

             Das klingt jetzt nach einer Zusammenfassung der vorigen Gedanken. Das wollte er seinen Leserinnen und Lesern nahe bringen, zusagen, so dass sie sich darin festmachen, gewiss werden:  Euch sind die Sünden vergeben um seines Namens willen. Der Stand der Christen ruht auf ihm, Jesus Christus. „Wo der Name Christi, d. h. seine Person gilt und die Glaubenden von seinem Heilswerk her leben, da ist auch Vergebung.“ (H. Balz, Die Johannesbriefe, NTD 10, Göttingen 1973,  S. 173)

             Die Vergebung der Sünden ist ein Kernpunkt des Glaubens der Christen. Und doch nur Mittel und nicht Zielpunkt. Zielpunkt ist die Gemeinschaft mit Jesus Christus, die die Gemeinschaft mit dem Vater eröffnet. Die Vergebung ermöglicht diese Gemeinschaft.

Wenn Johannes hier Liebe Kinder schreibt, so ist das übertragen zu sehen. Es ist eine Anrede an die ganze Gemeinde. Sie sind durch den Glauben Kinder Gottes (3,1), Söhne und Töchter Gottes, Brüder und Schwestern. „Kindlein“ könnte man τεκνία auch übersetzen. Darin schwingt Zuneigung mit, Verbundenheit – und Fürsorge. Das ist ja wohl auch das Motiv für das ganze Schreiben: Der Verfasser nimmt seine Fürsorge für die Gemeinde wahr, ermutigend und ermahnend. 

13 Ich schreibe euch Vätern; denn ihr kennt den, der von Anfang an ist. Ich schreibe euch jungen Männern; denn ihr habt den Bösen überwunden.

             Auf den ersten Blick erinnert das an Haustafeln bei Paulus. Da werden auch unterschiedliche Lebensstände angeredet: Eltern, Kinder Sklaven, Sklavenbesitzer… Dann wären hier zwei Gruppen in der Gemeinde angeredet: die Älteren – Väter und die Jüngeren – junge Männer. Die Frauen müssen sich mit angesprochen fühlen in den männlichen Anreden.  Schwierig genug.

Mir gefällt eine andere Leseweise besser: Dass sich Väter und junge Männer nicht auf   die soziologische Schicht beziehen, sondern auf Aspekte des Glaubensstandes. „All christians are (by grace, not nature) children in innocence…, young men in strength, and fathers in experience.“  (Charles Dodd, zit. nach H-J. Klauck, aaO. S. 132) Dann werden also die Christen angeredet darauf, dass sie, wie Väter, schon einen langen Weg des Glaubens unter den Füßen haben und dass sie, wie junge Männer, kämpfen gelernt haben und stand halten.

14 Ich habe euch Kindern geschrieben; denn ihr kennt den Vater. Ich habe euch Vätern geschrieben; denn ihr kennt den, der von Anfang an ist. Ich habe euch jungen Männern geschrieben; denn ihr seid stark und das Wort Gottes bleibt in euch, und ihr habt den Bösen überwunden.

             Diese Anrede und Ermutigung – denn darum geht es – wird jetzt noch einmal variierend wiederholt. Die Gemeinde wird angesprochen auf den Weg hin, den sie schon gegangen ist. „Werft euer Vertrauen nicht weg“ heißt das im Hebräerbrief ( 10,35). Und „Ich bin darin guter Zuversicht, dass der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird’s auch vollenden bis an den Tag Christi Jesu.“ (Philipper 1,6) schreibt Paulus. Jedes Mal geht es um die Stärkung, Bestätigung, Bekräftigung durch die Erinnerung: Ihr seid doch schon auf einem guten Weg. Denn – und das ist die Mitte und der tiefste Grund der Ermutigung: Ihr kennt den Vater.  

15 Habt nicht lieb die Welt noch was in der Welt ist. Wenn jemand die Welt lieb hat, in dem ist nicht die Liebe des Vaters.

             Was ist das für ein Weltbild? Die Welt, ὁ κόσμον, der Kosmos, ist doch Gottes gute Schöpfung. Was ist das für ein Gegensatz? Schließlich gilt doch die Liebe Gottes und seine Erlösungstat der ganzen Welt und nicht nur den Christen allein (2,2). Es geht wohl um ein Lieben der Welt, „als ob es Gott nicht gäbe“ – so die berühmte Formel des Anselm von Canterbury. Etsi deus non daretur. Die Liebe Gottes, die das Heil der Welt sucht, ist für Johannes damit nicht in Frage gestellt.

 16 Denn alles, was in der Welt ist, des Fleisches Lust und der Augen Lust und hoffärtiges Leben, ist nicht vom Vater, sondern von der Welt. 17 Und die Welt vergeht mit ihrer Lust; wer aber den Willen Gottes tut, der bleibt in Ewigkeit.

Aber man kann, das ist die Erfahrung der Seelsorge bis heute, über den Gaben der Welt, über ihrer Attraktion den Geber aller Gaben aus den Augen verlieren. Davon erzählt ja schon die Geschichte vom Fall im Paradies. „Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte.“ (1. Mose 3,6) Es geht um ein Leben in der Welt, das den Vater aus den Augen verliert, die Gaben der Welt nicht aus seinen Händen empfängt und sich so an die Gaben verliert. Besitz kann besessen machen. Begierde versklaven. Hochmut zu Fall bringen.

„So taumel’ ich von Begierde zum Genuss                                                                            und im Genuss verschmacht ich nach Begierde.“   J. W. Goethe, Faust  

In solchem Lebenstaumel ist kein Bleiben. Nur ein Jagen und Vorwärts-treiben. Es herrscht die Vergänglichkeit. Und es ist für Johannes außer Frage: Die Zeit der Welt ist begrenzt. Ihre letzte Stunde wird schlagen. Bald. Dem stellt Johannes steil in seiner Antwort gegenüber: Wer aber den Willen Gottes tut, der bleibt in Ewigkeit. Es gibt ein Tun, das schon die Signatur ewigen Bleibens trägt. Leben aus die Liebe, die er geboten hat. Darum sage ich gerne: alles, was aus der Liebe Gottes her kommend getan wird, hat Folgen bis in die Ewigkeit.

             Schwarz-weiß gemalt? Man kann es auch weniger angriffig und doch einprägsam sagen: „Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in Dir.“  Augustinus, Confessiones/Bekenntnisse, I, 1,1)  

 

Heiliger Gott, Du hast uns Deine Welt gegeben, Ort unseres Lebens, Geschenk Deiner Güte. Ich freue mich an der Schönheit, die mich umgibt, an der Landschaft, in der ich lebe. Ich genieße das Leben.

Gib Du mir, dass ich über aller Freude am Leben nie vergesse: Es ist Deine Gabe, Dein Geschenk. Und dass ich es einmal voller Vertrauen zurück gebe in Deine Hände. Amen