Eins in Christus?

Galater 3, 19 – 29

19 Was soll dann das Gesetz? Es ist hinzugekommen um der Sünden willen, bis der Nachkomme da sei, dem die Verheißung gilt, und zwar ist es von Engeln verordnet durch die Hand eines Mittlers. 20 Ein Mittler aber ist nicht Mittler eines Einzigen, Gott aber ist Einer.

             Mit seinen bisherigen Worten hat Paulus das Gesetz relativiert, in die zweite Reihe geschoben. Und muss sich und seinen Lesern jetzt Rechenschaft geben: Was soll dann das Gesetz? Wenn es kein Heilsweg ist, was ist es denn dann? Antwort: Es ist eine Reaktion auf die Sünde. Es ist nicht ursprünglich, nicht von Anfang an. Von Anfang an, von der Schöpfung her, so lese ich,  ist der Heilswillen Gottes, wie er sich in den Verheißungen zeigt.

Mit diesen Worten wird der Gegensatz zum jüdischen Denken eklatant: „Sieben Dinge sind erschaffen worden, bevor die Welt erschaffen wurde, nämlich die Tora, die Buße, das Paradies, die Hölle, der Thron der Herrlichkeit, das himmlische Heiligtum und der Name des Messias.“ (Strack-Billerbeck; München 1922ff; Bd IV, S. 435) Paulus sieht das anders, weil er einen anderen Blick auf die Heilsgeschichte hat.

Dass das Gesetz nicht ursprünglich ist, zeigt sich schon darin, dass es von Engeln verordnet ist durch die Hand eines Mittlers. Der Mittler kann nur Mose sein. Er empfängt für das Volk das Gesetz und gibt es weiter. Während die Verheißungen von Gott selbst kommen, haben Engel das Gesetz verordnet und durch den Ver-Mittler Mose weitergegeben. Es hat also eine geringere Würde als die Verheißung.   „Eins in Christus?“ weiterlesen

Nebenschauplatz Gebot?

Galater 3, 15 – 18

15 Liebe Brüder, ich will nach menschlicher Weise reden: Man hebt doch das Testament eines Menschen nicht auf, wenn es bestätigt ist, und setzt auch nichts dazu. 16 Nun ist die Verheißung Abraham zugesagt und seinem Nachkommen. Es heißt nicht: und den Nachkommen, als gälte es vielen, sondern es gilt einem: »und deinem Nachkommen« (1.Mose 22,18), welcher ist Christus.

             Paulus sucht die Verständigung mit seinen Lesern. Erst hat er sie an ihre eigenen Erfahrungen erinnert, dann an Abraham. Und jetzt greift er zu einem Vergleich. Menschlich gesprochen – oder: was sagt der gesunde Menschenverstand? Testament. Das gibt es schon damals. Und es gibt eine Praxis: Ein Testament, ein Vermächtnis, das in Kraft gesetzt worden ist, bleibt gültig. Keiner kommt auf die Idee es aufzuheben. Das ist ein allgemein geltender Grundsatz. „In Papyri findetr sich häufig die Wendung: ἡ διαθήκη κυρία „das Testament ist gültig.“(A. Oepke, aaO.;, S. 111)

             Damit kennen die Galater sich aus. An einem gültigen Testament wird nichts mehr herum geändert, auch nichts mehr zugesetzt, Und dann kommt der Vergleich: Die  Verheißung Abrahams ist ihm zugesagt. Sie ist wie ein Testament gültig. Für ihn und seinen Nachkommen. Singular, nicht Plural. Und da liest der ein wenig überraschte Bibelleser jetzt nicht Isaak, sondern Christus! Er ist der eigentliche Nachkommen, auf den hin Verheißung und Segen angelegt sind. „Nebenschauplatz Gebot?“ weiterlesen

Allein Jesus

 Galater 3, 1 – 14

1 O ihr unverständigen Galater!

             Paulus macht sich Luft. Muss sich Luft machen. Weil es ihm sonst die Luft nimmt. Allein daran ist schon zu merken, wie nahe ihm die Angelegenheit geht. Er ist betroffen, auch deshalb, weil ihm an seinen Brief-Empfänger liegt. Sie sind ihm wert – und deshalb ist er so aufgeregt und betroffen. Auch und gerade, weil sie  unverständig sind. Es ist keine Drohung. Ich höre hier eher tiefe Sorge.

 Wer hat euch bezaubert, denen doch Jesus Christus vor die Augen gemalt war als der Gekreuzigte? 2 Das allein will ich von euch erfahren: Habt ihr den Geist empfangen durch des Gesetzes Werke oder durch die Predigt vom Glauben?

             Er erinnert sie: Euch war doch Jesus Christus vor die Augen gemalt war als der Gekreuzigte. Das ist der Anfang ihres Glaubens. Wie kann es sein, dass sie ihn aus den Augen verloren haben?  Bezaubert lese ich nicht als den Hinweis, dass Paulus mit finsteren Mächten und magischen Praktiken rechnet. Sie sind wie bezaubert, berauscht vielleicht, und müssen schleunigst wieder nüchtern werden, erwachen.

Es ist eine große Verlockung, etwas tun zu können für das eigene Heil – bis heute. Übungen auf sich zu nehmen, praktisch zu werden, um so einen Weg gehen zu können, der das Heil garantiert. Das ist ja wohl die Verlockung: Wenn ihr das Gesetz haltet, zusätzlich zum Glauben an Jesus, dann…

Dem stellt Paulus seine Frage entgegen: Sie „müsste schon, wenn sie verständig und ehrlich beantwortet würde, alles entscheiden: Woher der Geist?“ (A. Oepke, aaO.; S. 100) Die Antwort ist klar: Durch die Predigt des Gekreuzigten, durch die Predigt des Evangeliums.

Beispiel: „Und wir sind Zeugen für alles, was er ( Jesus) getan hat im jüdischen Land und in Jerusalem. Den haben sie an das Holz gehängt und getötet. Den hat Gott auferweckt am dritten Tag und hat ihn erscheinen lassen, nicht dem ganzen Volk, sondern uns, den von Gott vorher erwählten Zeugen, die wir mit ihm gegessen und getrunken haben, nachdem er auferstanden war von den Toten. Und er hat uns geboten, dem Volk zu predigen und zu bezeugen, dass er von Gott bestimmt ist zum Richter der Lebenden und der Toten. Von diesem bezeugen alle Propheten, dass durch seinen Namen alle, die an ihn glauben, Vergebung der Sünden empfangen sollen. Während Petrus noch diese Worte redete, fiel der Heilige Geist auf alle, die dem Wort zuhörten.“ (Apostelgeschichte 10, 39-44) Das ist eine Verbindung, die im Neuen Testament geradezu zwingend gesehen wird: Wo Christus gepredigt wird, wird der Geist wirksam. Das Wirken des Geistes gehört mit dem Verkündigen des Heils und der Vergebung der Sünden unlöslich zusammen. Es ist also die eigene Erfahrung der Galater, an die Paulus sie mit seiner Frage erinnern will. „Allein Jesus“ weiterlesen

Keine Konflikt-Scheu

Galater 2, 11 – 21

11 Als aber Kephas nach Antiochia kam, widerstand ich ihm ins Angesicht, denn es war Grund zur Klage gegen ihn. 12 Denn bevor einige von Jakobus kamen, aß er mit den Heiden; als sie aber kamen, zog er sich zurück und sonderte sich ab, weil er die aus dem Judentum fürchtete. 13 Und mit ihm heuchelten auch die andern Juden, sodass selbst Barnabas verführt wurde, mit ihnen zu heucheln.

             Scheint mit dem Apostelkonvent alles geklärt, so ergeben sich doch auch in der Folgezeit neue Konflikte. Paulus war zurück gekehrt nach Antiochia – und kam dorthin. Warum, wird nicht erklärt. Ein Kontroll-Besuch? Ein Missionsbesuch ist schwer vorstellbar, war doch die Gemeinde in Antiochia über wiegend heidenchristlich geprägt und Petrus sah seinen Auftrag der Verkündigung den Juden gegenüber.

Mir fällt auf: Wenn es um die Vereinbarung in Jerusalem geht, redet Paulus von Petrus. Hier, in Antiochia sagt er Kephas. Steckt dahinter, dass er in „seiner“ Gemeinde  Augenhöhe beansprucht und keinen Führungsanspruch des Petrus akzeptieren will – und deshalb auch den Namen Petrus vermeidet? Jedenfalls schreibt Paulus sofort davon, wie er Auge in Auge frontal mit Kephas zusammenstößt – weil es Grund zur Klage gegen ihn gibt.

             Das wird jetzt erklärt. Anfänglich fügt Petrus sich in die Gemeinde in Antiochia ein. Es gibt kein Problem, auch nicht mit dem Essen an einem Tisch – Juden-Christen und Heiden-Christen sind im gemeinsamen Mahl beieinander. Das hatte Petrus ja gelernt als Lektion Gottes:  „Nun erfahre ich in Wahrheit, dass Gott die Person nicht ansieht; sondern in jedem Volk, wer ihn fürchtet und recht tut, der ist ihm angenehm.“(Apostelgeschichte 10,34-35) Und in dieser Erkenntnis war er bei den Heiden um den Hauptmann Cornelius geblieben. Sicherlich nicht fastend. Aus dieser Erfahrung heraus geht er in Antiochia auf die Geschwister zu, auch in seinem Verhalten.

Als aber Jakobus-Leute kommen, auch hier wird nicht begründet, warum, macht Kephas einen Rückzieher. Er „separiert sich von den Heidenchristen“  (H. Brandenburg, aaO.; S. 49) Aus Furcht – sagt Paulus. Feige findet er das. Heuchlerisch. Diese Feigheit des Kephas steckt an. Nicht nur die anderen Juden in der Gemeinde. Sogar Barnabas, der Weggefährte des Paulus über viele Jahre hin, macht plötzlich einen auf „gesetzestreu“.

Es ist kaum zu ermessen, was das für eine Gemeinde bedeutet, wenn auf einmal mitten durch sie ein Riss geht. Wenn es auf einmal Regeln geben soll, an die die einen sich halten und die den andern die Luft zum Atmen nehmen. Die Einheit der Gemeinde wird so fundamental in Frage gestellt. „Keine Konflikt-Scheu“ weiterlesen

Ein akzeptierter Weg – zu den Heiden

Galater 2, 1 – 10

 1 Danach, vierzehn Jahre später, zog ich abermals hinauf nach Jerusalem mit Barnabas und nahm auch Titus mit mir. 2 Ich zog aber hinauf aufgrund einer Offenbarung und besprach mich mit ihnen über das Evangelium, das ich predige unter den Heiden, besonders aber mit denen, die das Ansehen hatten, damit ich nicht etwa vergeblich liefe oder gelaufen wäre. 3 Aber selbst Titus, der bei mir war, ein Grieche, wurde nicht gezwungen, sich beschneiden zu lassen.

Eine lange Phase – 14 Jahre – bevor Paulus wieder nach Jerusalem kommt. Das sind wohl die Jahre seiner ersten Missionstätigkeit. Zusammen mit Barnabas. Mit ihm war Paulus ja in Antiochien ausgesandt worden – auf Geheiß des Heiligen Geistes. „Sondert mir aus Barnabas und Saulus zu dem Werk, zu dem ich sie berufen habe. Da fasteten sie und beteten und legten die Hände auf sie und ließen sie ziehen.“ (Apostelgeschichte 13,2-3) Mit Barnabas zieht er nun aufgrund einer Offenbarung nach Jerusalem. Kein selbst gewählter Weg. Wie es ja auch nicht die Art des Paulus ist, sich seine Wege selbst zu wählen. Aber ausdrücklich sagt Paulus. Ich nahm auch Titus mit mir. „Wir wissen weder seine Heimat noch seine Vorgeschichte. War er aus Antiochien? Hatte ihn Paulus auf seinen Missionswegen in Cilizien oder Syrien gewonnen?“ (H. Brandenburg, aaO.; S. 41)

Es wird, so viel ist deutlich, um die Anerkennung der Heidenmission gehen, um die Zustimmung zu dem Weg, den Paulus mit Barnabas zusammen gegangen ist. Und natürlich geht es nicht nur um Reiserouten. Anerkannt werden muss vor allem die Verkündigung. Der Ruf zum Glauben an Jesus ohne Vorbedingungen, ohne die Voraussetzung, dass jemand Jude werden muss oder jüdisch – durch Beschneidung und Gesetzestreue. Dazu müssen sie in Jerusalem ein Ja finden – bei Petrus und Jakobus, der Herrenbruder, und die Anderen, die das Ansehen hatten, den Säulen der Gemeinde.     „Ein akzeptierter Weg – zu den Heiden“ weiterlesen

Kein Gefälligkeits-Apostel

Galater 1, 10 – 24

 10 Predige ich denn jetzt Menschen oder Gott zuliebe? Oder suche ich Menschen gefällig zu sein? Wenn ich noch Menschen gefällig wäre, so wäre ich Christi Knecht nicht.

Hinter den Worten des Paulus steht eine Kritik an anderen. Die die Galater verwirren, reden, was die Leute hören wollen. Ihr Reden, ihre Verkündigung ist gefällig. Und sie werfen aber umgekehrt Paulus vor, dass er den Heiden nach dem Mund redet! Er macht den Zugang zu Gott billig. Er verrät das Judentum. „Eine Verbrüderung von Juden und Heiden, wie sie in den Gemeinden des paulinischen Missionsgebietes praktiziert wurde, war in ihren Augen Verrat an der Erwählung Israels. Die gesetzesfreie Heidenmission muss die Urkirche in diesen Jahren einem wachsenden Druck von Seiten des jüdischen Widerstandes ausgesetzt haben.“ (Aus der Freiheit leben, aaO.; S. 10)  Für Paulus ist an dieser Stelle Nachgeben sich zum Knecht von Menschen machen und nicht mehr Christi Knecht  sein. Das aber ist doch geradezu sein Ehrentitel!

11 Denn ich tue euch kund, liebe Brüder, dass das Evangelium, das von mir gepredigt ist, nicht von menschlicher Art ist. 12 Denn ich habe es nicht von einem Menschen empfangen oder gelernt, sondern durch eine Offenbarung Jesu Christi.

             Es geht nicht nur um seine Widerstandskraft. Es geht auch darum, dass das Evangelium nicht einfach Menschenmachwerk ist. Es ist ja nicht von Menschen erdacht und erfunden. Es ist anderer Art und anderer Herkunft. Es kommt aus einer Offenbarung Jesu Christi. Das kann doppelt gehört werden: Christus hat sich dem Paulus offenbart – dann geht es um die Begegnung mit dem Auferstandenen und damit wäre auf sein Damaskus-Erlebnis angespielt. Oder: Der Inhalt dessen, was Paulus predigt, geht auf eine Offenbarung zurück. Dann hat er seine Lehre „aus dem Mund Christi“ empfangen. Das Wort Offenbarungἀποκαλύψις (Apokalypsis) könnte für beides stehen. Christus ist Urheber und Inhalt des Evangeliums – und beides ist er durch diese Offenbarung.

Diese Zurückweisung, dass er doch nur weitersagt, was er gelernt hat, ist deshalb erstaunlich, weil Paulus sonst genau darauf abheben kann. „Denn als Erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe.“ (1. Korinther 15,3)  mit seiner Osterbotschaft steht er in einer Traditionskette und beruft sich ausdrücklich auf sie. Hier aber, wo ihm Lehrabhängigkeit vorgehalten wird, verweist er auf seine unmittelbare und unvermittelte Christus-Begegnung und Christus-Beziehung. „Kein Gefälligkeits-Apostel“ weiterlesen

Klare Worte – keine Kompromisse

Galater 1, 1 – 9

1 Paulus, ein Apostel nicht von Menschen, auch nicht durch einen Menschen, sondern durch Jesus Christus und Gott, den Vater, der ihn auferweckt hat von den Toten, 2 und alle Brüder, die bei mir sind, an die Gemeinden in Galatien:

             Ein Briefanfang, wie er im Buch steht. Paulus stellt sich selbst vor. Aber nicht seine leibliche Herkunft, nicht seine Ausbildung. Er stellt sich vor in seiner Berufung. Apostel nicht von Menschen, auch nicht durch einen Menschen, sondern durch Jesus Christus und Gott, den Vater. Überspitzt gesagt, signalisiert er schon hier: Es ist gleich, wer an Menschen hinter ihm steht. Er weiß: Hinter mir steht der Herrgott. Und auch das ist ihm wichtig: Dieser Gott, der Vater, von dem er sich gerufen weiß, der ist der, der Jesus auferweckt hat von den Toten. Das ist ja der Impuls schlechthin der Paulus-Mission. Die Begegnung mit dem Auferstandenen hat ihn auf den Weg gebracht, auf dem er jetzt auch ist.

Durch Jesus, den Auferstandenen, ist er, was er ist: Apostel, ἀπόστολος. Gesandter Gottes. Er betont also in der Absender-Vorstellung seine von Jesus empfangene Autorität. Das mag schon ein früher Hinweis darauf sein, dass diese Autorität auf dem Spiel steht. Für einen Brief an  Gemeinden, die er kennt, wohl selbst gegründet hat,  ist das ein gewichtiger Anfang. Ob man darin gleich „unerhörte Schärfe“ (A. Oepke, Der Brief des Paulus an die Galater, Theol. Handkommentar zum NT; Berlin 1979), S. 44) hören muss, weiß ich nicht.

Als dieser Gesandte Gottes schreibt er zusammen mit den Brüdern, die bei mir sind. In anderen Briefen zählt er an dieser Stelle Namen auf. Hier nicht. Wohl auch, weil er es eilig hat, zum Thema zu kommen. Und weil er diesen Brief als seinen Brief allein verantwortet?

Er schreibt an die Gemeinden in Galatien. Also nicht nur an die Gemeinden in einer Stadt, sondern in einer Landschaft. Darüber rätseln die Ausleger: Ist Galatien nur die Landschaft oder ist es die Bezeichnung der römischen Provinz Galatien, zu der auch die Landschaft gehört?  Für mich kann das offen bleiben.

Ein kleines „Schmankerl“ aber sei erwähnt: Es gab „bis tief ins 19. Jahrhundert hinein die vielfach verfochtene Annahme, dass die ersten Leser unseres Briefes Germanen gewesen seien.“(A. Oepke,aaO.; S. 19)  Das fußt auf der Verwandtschaft der Worte Galatien, Γαλατία,  und Kelten, Κέλται. Aber man muss dann schon aus den Kelten Germanen machen, um sie als die Erst-Leser zu finden.    „Klare Worte – keine Kompromisse“ weiterlesen

Gottes Werben um Akzeptanz für sein Erbarmen

Jona 4, 1 – 11

1 Das aber verdross Jona sehr und er ward zornig 2 und betete zum HERRN und sprach: Ach, HERR, das ist’s ja, was ich dachte, als ich noch in meinem Lande war, weshalb ich auch eilends nach Tarsis fliehen wollte; denn ich wusste, dass du gnädig, barmherzig, langmütig und von großer Güte bist und lässt dich des Übels gereuen.

Gott ist barmherzig und Jona ist sauer darüber. Hat er nicht einen Anspruch darauf, dass Gott das Strafurteil über Ninive vollstreckt? Und wird nicht im Nachhinein seine Flucht gerechtfertigt? „Wie gerne wäre Jona sogleich gelaufen, wäre er seiner Sache sicher gewesen, dass auf sein Wort hin die heidnische Weltstadt unverzüglich in Schutt und Asche zusammen bräche!“(J. Jeremias, aaO.; S.103) So aber hat er es schon geahnt, worauf es hinaus laufen würde. Er kennt doch seinen HERRN. Er wollte nicht der Bote eines Gottes sein, der gnädig, barmherzig, langmütig und von großer Güte ist, auch denen gegenüber, unter denen Israel zu leiden hat.

Das mag ja dahinter stehen: Ninive ist wie eine Chiffre für die Mächte, unter deren Macht Israel im 5. und 4. Jahrhundert stöhnt, die es bedrücken und bedrängen. Es ist wirklich nur zu verständlich, dass Jona sich weigert, Bote zu sein, der statt Vernichtung Versöhnung bringt. Alles, dass ihm Gott nicht noch zumutet, den Niniviten zu sagen: „Gott hat sich das Übel gereuen lassen, das ich euch angekündigt habe.“

3 So nimm nun, HERR, meine Seele von mir; denn ich möchte lieber tot sein als leben.

So sehr trifft ihn diese Umkehr des HERRN, dass er lieber tot sein möchte als leben. Was steckt dahinter? Eine Deutung, die mir einleuchtet: „Jona droht am Versagen seines eigenen Dogmas und an der Wirklichkeit göttlicher Gnade zu scheitern.“ (A. Weiser, aaO., S.226 ) Ihm zerbricht alles, was er bis dahin geglaubt hatte, dass die Heiden nicht davon kommen werden. Und in ihm wehrt sich alles dagegen, dass sie davon kommen sollen. „Gottes Werben um Akzeptanz für sein Erbarmen“ weiterlesen

Von der Umkehr Gottes

Jona 3, 1 – 10

 1 Und es geschah das Wort des HERRN zum zweiten Mal zu Jona: 2 Mach dich auf, geh in die große Stadt Ninive und predige ihr, was ich dir sage!

Gott hat Jona nicht aus den Toten geholt, um nichts mehr mit ihm anzufangen. Eine zweite Chance für ihn. Ein erneuter Auftrag. Es ist der alte Auftrag. Jona soll sagen, was er hört, als das Wort des HERRN. Im Unterschied zum ersten Auftrag. Da hieß es noch: Predige wider sie. Diesmal: was ich dir sage! Ob sich hier schon neue Worte Gottes über die Stadt Ninive ankündigen?

3 Da machte sich Jona auf und ging hin nach Ninive, wie der HERR gesagt hatte. Ninive aber war eine große Stadt vor Gott, drei Tagereisen groß. 4 Und als Jona anfing, in die Stadt hineinzugehen, und eine Tagereise weit gekommen war, predigte er und sprach: Es sind noch vierzig Tage, so wird Ninive untergehen.

Diesmal gehorcht Jona. „Gericht und Rettung haben ihn dem Willen Gottes gefügig gemacht.“ (A. Weiser, aaO.; S.223) Er geht in die Stadt, deren Größe, auch vor Gott besonders betont wird. „Ninive war, wie Ausgrabungen ergeben haben, eine für damalige Verhältnisse ungewöhnlich große Stadt, deren Stadtgebiet einen Durchmesser von etwas 4 Kilometern hatte.“ (A. Weiser, aaO.; S. 224) Der Hinweis auf die Größe Ninives steht im Kontrast zu der Turmbau-Erzählung. Da heißt es von dem Turm, der bis in den Himmel reichen sollte: „Da fuhr der HERR hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten.“ (1. Mose 11,5) So weit her ist es mit dieser Turmhöhe also nicht. Umso beeindruckender die Größe Ninives.

            In dieser Riesenstadt steht also nun der Prophet und richtet seine Botschaft aus. Ein Straßen-Prediger aus einem fremden Volk. Gesandt von einem Gott, der den Niniviten auch nur vom Hören-Sagen bekannt ist. Es sind noch vierzig Tage, so wird Ninive untergehen. kündigt Jona an. Ohne Begründung. Ohne Anklagepunkte und ohne Auskunft, wer diesen Untergang herbeiführen wird. Nicht einmal das wird gesagt: Ninive hat eine letzte Frist. Es ist kein Ruf zur Umkehr, sondern nur eine Ansage des Untergangs.  „Von der Umkehr Gottes“ weiterlesen

Aus der Tiefe

Jona 2, 1 – 11

1 Aber der HERR ließ einen großen Fisch kommen, Jona zu verschlingen. Und Jona war im Leibe des Fisches drei Tage und drei Nächte.

Märchenhaft. Aber alles andere als ein Märchen. Auch da, wo der Weg des Menschen am Ende ist, ist Gott mit seinen Wegen noch nicht am Ende. Der große Fisch ist ein „Werkzeug, dessen sich Gott zur Durchführung seines Planes bedient.“ (A. Weiser, aaO.;  S. 221) Alle Spekulationen darüber, was für eine Sorte Fisch das ist, und ob so etwas in der Wirklichkeit der Welt möglich ist, gehen am Interesse des Erzählers vorbei.

Worum es in Wahrheit geht, macht die Aufnahme der Jona- Erzählung durch Jesus deutlich: „Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Schoß der Erde sein.“ (Matthäus 12,40) Jona ist mit seinem Weg am Ende.

 2 Und Jona betete zu dem HERRN, seinem Gott, im Leibe des Fisches 3 und sprach:

             Und dort, am Ende, beginnt Jona zu beten. Unpassend, wie der ganze Ton des Gebetes zeigen wird. Ein Gebet wie ein Psalm. So dass man auf die Idee gekommen ist: Eigentlich gehört dieses Gebet nicht hierher. Es ist von einem anderen Platz an diese Stelle „versetzt“ worden. Mag sein – aber es ist auch in diesem Satz zuallererst eine Einladung: Wenn Du am Ende bist mit Deinem Leben, hast du immer noch einen, an den du dich wenden kannst. Den HERRN. 

             Und dieser HERR hat nicht aufgehört, sein Gott zu sein, auch wenn Jona vor ihm geflohen ist und mit seiner Flucht das Wüten des Meeres ausgelöst hat. Auch wenn Jona jetzt am „Unort“ ist, im Bauch des Fisches. Kein Ort zum Leben. Nur ein Todesort. „Aus der Tiefe“ weiterlesen