Das alte Gebot – neu

  1. Johannes 2, 7 – 11

7 Meine Lieben, ich schreibe euch nicht ein neues Gebot, sondern das alte Gebot, das ihr von Anfang an gehabt habt. Das alte Gebot ist das Wort, das ihr gehört habt.

             Spielt Johannes hier mit dem Wissen der Gemeinde? Das Wort vom neuen Gebot ist ein Grundwort der Gemeinde. „Die Vermittlung des Liebesgebotes gehört zu den grundlegenden Dingen, die in der Taufkatechese (=Taufunterweisung) der johanneischen Gemeinde nicht fehlen durften.“ (H-J. Klauck, aaO. S. 121) In der Liebe zueinander zeigt sich in Wahrheit der Glauben. Es ist ein Wort, das sie gelernt haben und insofern ein altes Gebot. Ein vertrautes Wort.

Es mag sein, dass mit diesem Hinweis auf das alte Gebot, das vertraute Wort andere stimmen abgewehrt werden, die mit neuen Parolen die Gemeinde irritieren. Wirklich fassbar aber sind diese Stimmen für mich nicht.

 8 Und doch schreibe ich euch ein neues Gebot, das wahr ist in ihm und in euch; denn die Finsternis vergeht und das wahre Licht scheint jetzt.

             Neu ist das vertraute Gebot deshalb, weil es das Lebensgesetz der hereinbrechenden Gottesherrschaft aussagt. In Jesus sind die Christen auf eine neue Basis gestellt, eine Wirklichkeit, die ein Vorschein der Ewigkeit ist. Es fällt im Griechischen auf, dass Johannes für neu das Wort καινός verwendet und nicht νέος. καινός steht in einem reichen Bezugsfeld endzeitlicher Heilserwartung und Heilsgewissheit.“ (H-J. Klauck, aaO. S. 122) Das Licht des kommenden Tages vertreibt schon die Finsternis. So kann man nur reden, wenn man glaubt, was Jesus sagt: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ (Johannes 8,12) Hinter all den Worten des Briefes, die scheinbar nur auf Verhalten abzielen, steht als Begründung der Glauben an Jesus.

 9 Wer sagt, er sei im Licht, und hasst seinen Bruder, der ist noch in der Finsternis. 10 Wer seinen Bruder liebt, der bleibt im Licht, und durch ihn kommt niemand zu Fall.

Sofort aber bindet Johannes alle Überlegungen wieder an das praktische Verhalten. Man kann nicht im Licht sein und den Bruder hassenDen Nächsten. Dabei geht es nicht, wie wir das leicht hören, um Affekte und Emotionen. „Schon Gleichgültigkeit, Überheblichkeit und Geringschätzung gegenüber dem vermeintlich zurückgebliebenen Durchschnittsgläubigen würden genügen, um den Verfasser auf Seiten der Gegner „Bruderhaß“ diagnostizieren zu lassen.“ (H-J. Klauck, aaO. S. 125) Was für ein Licht wirft diese Aussage auf so gedankenlose Bezeichnungen wie U-Boot-Christen, Kartei-Leichen, etc.

Durch ihn kommt niemand zu Fall. Darin zeigt sich die Liebe. Wer liebt, wird  dem anderen nicht zum σκάνδαλον, zum Anstoß. Eine Warnung Jesu wird mit diesen Worten aufgenommen: „Wer aber einen dieser Kleinen, die an mich glauben, zum Abfall verführt, für den wäre es besser, dass ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ersäuft würde im Meer, wo es am tiefsten ist. Weh der Welt der Verführungen wegen! Es müssen ja Verführungen kommen; doch weh dem Menschen, der zum Abfall verführt!“ (Matthäus 18,6-7) Das gleiche Wort   σκάνδαλον wird in diesen Worten gebraucht. Und deutlich ist an allen Stellen: es geht um das Verhalten innerhalb der Gemeinde, nicht um Verhalten von Leuten, die mit dem Glauben nichts zu tun haben.

  11 Wer aber seinen Bruder hasst, der ist in der Finsternis und wandelt in der Finsternis und weiß nicht, wo er hingeht; denn die Finsternis hat seine Augen verblendet.

             Vielleicht ist das die größte Gefahr, dass jemand sagt: Ich hasse doch niemanden. Das ist nicht mein Problem. Die Anderen sind mir einfach nur egal. Gleichgültig. Was gehen sie mich an? Oder, in biblischer Sprache: „Soll ich meines Bruders Hüter sein?“ (1. Mose 4,9) Es ist ein hartes Urteil: Wer sich so für nicht zuständig erklärt für die Mitchristen, Brüder und Schwestern, der ist verblendet. Sagt Johannes. Er ist in der Finsternis und weiß nicht, wie es um ihn steht.

So jemand spricht: Ich liebe Gott! Und hasst doch seine Brüder,                                Der treibt mit Gottes Wahrheit Spott, und reißt sie ganz darnieder.                          Gott ist die Lieb, und will, dass ich den Nächsten liebe, gleich als mich.                                Christian Fürchtegott Gellert   1757, EG 412

             So diese Worte zu lesen, macht betroffen. Wie wenig trifft uns der Exodus der Vielen, die sich von der Gemeinde abwenden? Wie wenig trifft es uns, dass sich im Gottesdienst am Sonntag nur ein kleines Häuflein zusammen findet? Wie wenig trifft es uns, dass die Frage nach einem Leben in der Spur Christi, nach einem Handeln in der Ausrichtung am Gebot, an den zehn Geboten, aber auch an seinem neuen Gebot nur noch die Sache einiger religiöser Exoten zu sein scheint?  Haben wir als Volkskirchen uns damit nicht längst abgefunden und machen sogar eine „Tugend“ daraus, indem wir wertneutral von unterschiedlichem Mitgliederverhalten sprechen? Wandeln wir in der Finsternis und merken es nicht, weil wir verblendet sind? Mich plagen diese Fragen.

 

Herr Jesus, ich hasse niemanden. Ich wünsche niemand Unglück, keinen dahin wo der Pfeffer wächst. Ich wünsche keinen zum Teufel.

Aber es gibt viele, die mir gleichgültig sind, nicht nur die weit weg, von denen ich nur durch die Tagesschau weiß. Es gibt auch viele, die mir nahe sind und doch nehme ich nicht Anteil an ihrem Leben, nicht im Glück und nicht im Leid.

Herr, rühre mein Herz an, dass ich mitleide, dass ich fürsorglich werde, Anteil nehme am Glück, tue was Not wendet. Öffne mir die Augen für die Brüder und Schwestern. Amen