Bei Jesus bleiben

Johannes 21, 20 – 25

20 Petrus aber wandte sich um und sah den Jünger folgen, den Jesus lieb hatte, der auch beim Abendessen an seiner Brust gelegen und gesagt hatte: Herr, wer ist’s, der dich verrät? 21 Als Petrus diesen sah, spricht er zu Jesus: Herr, was wird aber mit diesem?

Wie irritierend menschlich geht es in diesem Evangelium zu. Da wird ein Petrus durch Jesus „rehabilitiert“, neu berufen – und findet doch nicht heraus aus seinem Konkurrenzdenken. Oder ist das schon zu viel gesagt? So kann man das ja lesen: Er sieht den Jünger folgen, den Jesus lieb hatte,und sofort fragt er: Und er? Was ist mit ihm? Was wird mit ihm?

Das Verhältnis dieser beiden Jünger wird ja wiederholt im Evangelium angesprochen.   Die Mutter Jesu wird dem anderen anvertraut. Er ist auch der Schnellere beim Lauf zum Grab. Der Schnellere auch im Erkennen, als Jesus am Ufer steht. Und jetzt? Ganz spannungsfrei ist das Miteinander jedenfalls nicht.

Aber das wäre auf der anderen Seite ja auch verwunderlich und würde jeder Erkenntnis der Gruppendynamik widersprechen, wenn es in so einer Gruppe, noch dazu einer, die von außen misstrauisch beobachtet wird,  nicht auch Rivalitäten und Konkurrenzen gäbe.     

22 Jesus spricht zu ihm: Wenn ich will, dass er bleibt, bis ich komme, was geht es dich an? Folge du mir nach! 23 Da kam unter den Brüdern die Rede auf: Dieser Jünger stirbt nicht.

            „Fast schroff“ (J. Schneider, aaO.; S.333) weist Jesus die Frage des Petrus zurück. Das ist nicht deine Baustelle. Das ist nicht das, worum du dich zu kümmern hast. Ich habe meinen Weg mit ihm – das genügt. Das Einzige, was für dich, Petrus, zählt: Folge du mir nach! Noch einmal dieser Ruf – mehr brauchst du nicht. Bleibe Du auf dem Weg, den ich vor dir her gegangen bin.

Es gibt viel Kraftvergeudung, auch in der christlichen Gemeinde, weil man sich nicht auf den eigenen Weg konzentriert, nicht die eigenen Aufgaben anpackt, sondern immer interessiert schaut: `Was wird denn aus diesem und jenem?’ Und es gibt viel versäumte Nachfolge, weil man statt den eigenen Weg zu gehen sich alle Mühe macht, den weg eines anderen nachzuahmen.

Die Zuhörer reagieren nicht auf die Rivalität. Sie hören im Wort Jesu über den Jünger, den Jesus lieb hat, etwas anderes. So etwas wie eine Zusage, „dass er bis zur Parusie am Leben bleiben werde.“ (R. Bultmann, aaO.; S.554)

            So ganz fern liegt so ein Gedanke nicht, gibt es doch ein Jesus-Wort, das man getreu überliefert hat: „Wahrlich, ich sage euch: Es stehen einige hier, die werden den Tod nicht schmecken, bis sie sehen das Reich Gottes kommen mit Kraft. (Markus 9,1) Dass es diese Erwartung einer Wiederkunft Jesu in ganz naher Zeit gibt, dafür finden sich ja auch bei Paulus genügend Hinweise. In seinem wohl ältesten Brief schreibt er: „Denn das sagen wir euch mit einem Wort des Herrn, dass wir, die wir leben und übrig bleiben bis zur Ankunft des Herrn, denen nicht zuvorkommen werden, die entschlafen sind. Denn er selbst, der Herr, wird, wenn der Befehl ertönt, wenn die Stimme des Erzengels und die Posaune Gottes erschallen, herabkommen vom Himmel, und zuerst werden die Toten, die in Christus gestorben sind, auferstehen. Danach werden wir, die wir leben und übrig bleiben, zugleich mit ihnen entrückt werden auf den Wolken in die Luft, dem Herrn entgegen; und so werden wir bei dem Herrn sein allezeit.“ (1. Thessalonicher 4, 15 – 17)

            Und doch handelt es sich im Blick auf den Lieblingsjünger um ein Missverständnis, wie anschließend sofort klar gestellt wird.  

 Aber Jesus hatte nicht zu ihm gesagt: Er stirbt nicht, sondern: Wenn ich will, dass er bleibt, bis ich komme, was geht es dich an?

Ich frage: Steht hinter dieser Richtigstellung das Wissen, dass er gestorben ist? Lange nach Petrus. In einem sehr hohen Alter. Es gibt viele Anzeichen dafür, dass in Ephesus ein Jünger namens Johannes ein hohes Alter erreicht hat und eine uneingeschränkte Autorität besaß. Er könnte gut der Jünger, den Jesus lieb hatte, gewesen sein. Der Jünger, der bleibt. Aber auch er nicht für immer.

24 Dies ist der Jünger, der dies alles bezeugt und aufgeschrieben hat, und wir wissen, dass sein Zeugnis wahr ist.

Auf diesen Jünger, Augenzeuge des Weges Jesu, wird das Evangelium nun zurück geführt. „Jetzt ist der Lieblingsjünger eindeutig als der Verfasser des Evangeliums bezeichnet.“ (S. Schulz, aaO.; S.253) Es gibt andere Exegeten, die hier Vorbehalte anmelden. Er muss nicht der Verfasser des Evangeliums sein. Aber er könnte es sehr wohl auch sein. So viel steht fest: Es steht in seiner Schule und trägt sein Gepräge. Man könnte auch sagen: Es ist von ihm autorisiert. Und: Die hinter dem „wir“ stehen, stehen für seine Zeugnis ein. Es gibt eine Gemeinde, die dieses Zeugnis trägt und bestätigt. Durch ihren Glauben.

25 Es sind noch viele andere Dinge, die Jesus getan hat. Wenn aber eins nach dem andern aufgeschrieben werden sollte, so würde, meine ich, die Welt die Bücher nicht fassen, die zu schreiben wären.

Keine vollmundige Übertreibung. Auch nicht einfach nur ein Rückgriff auf den ursprünglichen Schluss: „Noch viele andere Zeichen tat Jesus vor seinen Jüngern, die nicht geschrieben sind in diesem Buch.“(20,30) Es geht wohl überhaupt nicht um die Menge der Bücher. Eher um die Fähigkeit, der Welt, die Bücher zu fassen, ihren Inhalt zu begreifen. Es ist nicht die Menge, Überfülle der Informationen, die Glauben möglich macht.

Darum höre ich in diesem Schluss eine bescheidene und doch zugleich starke Botschaft: Was Du, Leser, Leserin, in Händen hältst mit dem Evangelium ist genug. Genug, um zu sehen, wer Jesus ist. Genug, um zu glauben.

 

Herr Jesus, Du rufst mich und willst, dass ich Deine Stimme höre. Ungeteilt. Ganz aufmerksam für das, was Du mit mir vorhast, was Du  mir zugedacht hast als meinen Weg .

Und ich irre so leicht ab, finde die Wege anderer spannender, geistreicher, erfüllter. Du suchst das ungeteilte Herz, den einfältigen Gehorsam, der sich Dir vertraut und sich an Dir genügen lässt.

Gib mir den Glauben, der nur dieses Eine will, hinter Dir her gehen und bei Dir bleiben. Amen