Geschenkter Neuanfang

Johannes 21, 15 -19

15 Als sie nun das Mahl gehalten hatten, spricht Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieber, als mich diese haben? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Lämmer!

            Das Mahl ist gehalten. Jetzt wendet sich der auferstandene einem Einzelnen zu. Einem aus dem Jüngerkreis. Simon Petrus. Schon die Anrede ist ein Signal. Simon, Sohn des Johannes. Nicht Kephas. Nicht Felsenmann. Aber was für eine Frage: Hast du mich lieber, als mich diese haben? Nur, diese Frage wirft Simon zurück auf sich und seine Geschichte. Ist er wirklich der eine Tapfere, der standgehalten hat, als alle anderen sich in Sicherheit gebracht haben. Hat er als Einziger die Liebe durchgehalten?

Die Antwort des Simon Petrus klingt nicht sonderlich überzeugt:  Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Und statt dem großen Wort „lieben“ sagt Petrus: „Ich habe dich gern.“ Ich bin Dir Freund. Φιλῶ. Ihm ist nicht nach großen Worten. Steht er doch dem gegenüber, der weiß, durchschaut bis in die Tiefen der Seele. Wie oft hatte Johannes geschrieben: Jesus wusste…. So ist es auch hier. Jesus weiß, wen er vor sich hat.

Und beauftragt ihn: Weide meine Lämmer! Ist das nur „das Amt der Gemeindeleitung“ (J. Schneider, aaO.; S.332) Oder sind es nicht vielmehr die Menschen, die seiner Fürsorge anvertraut werden? In dieser Zeit der ersten Christenheit von Ämtern zu reden, weckt falsche Assoziationen.  Aufgaben – ja. Aber Ämter?

16 Spricht er zum zweiten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe!

            Der Dialog wiederholt sich. Mit leichten Variationen. Es geht nicht mehr um mehr Liebe, um größere Liebe. Die Frage wird schlichter:  Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Und Petrus antwortet wieder: Ja, Herr, du weißt,… Und wird wieder beauftragt mit der Fürsorge für die Gemeinde.

17 Spricht er zum dritten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Petrus wurde traurig, weil er zum dritten Mal zu ihm sagte: Hast du mich lieb?, und sprach zu ihm: Herr, du weißt alle Dinge, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe!

            Und, als wäre es noch nicht genug, wiederholt sich die Szene ein drittes Mal. Und diesmal nimmt Jesus die Worte des Petrus in seiner Frage auf.  Hast du mich lieb? φιλεῖς με; Nicht mehr das große ἀγαπᾷν. Nicht mehr die große, selbstlose Agape. „Bist du mir Freund?“ könnte ich auch übersetzen.

Und Petrus wird traurig, dreimal so gefragt. Man hat gesagt: „…jedenfalls weist das Stück für sich genommen eine Beziehung zur Verleugnungsgeschichte nicht auf. Die Verleugnung, die Reue des Petrus müssten doch erwähnt sein.“ (R. Bultmann, aaO.;, S. 551) Aber es ist doch mit Händen zu greifen, wie die dreimalige Frage die dreimalige Verleugnung spiegelt. Johannes ist ein viel zu guter Erzähler, als dass er es auch noch überdeutlich sagen müsste. Der Lesende sieht doch förmlich die Spiegelung.

Und indem er dann zum dritten Mal beauftragt wird, wird er doch auch „frei gesprochen. „Petrus empfängt keine ausdrückliche Absolution.“ (G. Voigt, aaO.; S. 293) Wohl wahr. Aber der Auftrag an ihn absolviert ihn. Er ist doch der Vertrauensbeweis schlechthin. Sagt ihm doch der Auferstandene: Ich vertraue dir meine Leute an.

18 Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst, wo du hinwolltest; wenn du aber alt wirst, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hinwillst.

            Der, der so beauftragt wird, andere zu leiten, weiden, führen, dem wird zugleich eine Zukunftsperspektive gezeigt, die dieses Leiten seltsam bricht. Es wird eine Zeit geben im Leben des Petrus, da werden andere ihn führen. Ihn leiten. Auf Wegen, die er sich nie und nimmer selbst gewählt hätte.

Ist es nicht so: Auch diesen Weg, die Gemeinde zu leiten, hätte Petrus sich nicht selbst gewählt. Er ist gerufen worden, Menschenfischer (Lukas 5, 10) zu werden. Er ist gerufen worden, Anteil am Leben Jesu zu haben (13, 8-9) Und jetzt wird er auf einen Weg gerufen, auf dem er auf Führung angewiesen ist vom ersten bis zum letzten Schritt. Die Herde weiden ist kein Ruf in selbstständiges Unternehmertum. Es ist der Ruf in das Hören auf den guten Hirten.

19 Das sagte er aber, um anzuzeigen, mit welchem Tod er Gott preisen würde. Und als er das gesagt hatte, spricht er zu ihm: Folge mir nach!

Und das deckt der Evangelist nun auch auf: In diesem Wort kündigt Jesus schon das Martyrium des Petrus an. Das gibt auch dem letzten Wort seine Färbung:  Folge mir nach!  sagt der Gekreuzigte zu dem, der in Rom den Märtyrer-Tod sterben wird. „Dort, in Rom, wird er, wie wir mit einiger Sicherheit sagen können, im Jahr 64, unter Nero, das Martyrium erleiden.“  (G. Voigt, aaO.; S. 294)

            Von Nachfolge redet das Johannes-Evangelium eher sparsam. Bis auf den Ruf ganz im Anfang an Philippus – „Am nächsten Tag wollte Jesus nach Galiläa gehen und findet Philippus und spricht zu ihm: Folge mir nach!“(1,43) – ist dies das einzige Mal im Johannes-Evangelium, dass Jesus so sagt: Folge mir nach. Umso mehr Gewicht kommt diesem Ruf zu.

 

Jesus, was ist das für eine Frage: Hast du mich lieb? Was soll ich Dir darauf antworten? Ich glaube an Dich. Ich setze mich für Dich ein. Ich stelle mich zu Dir – reicht das nicht?

Es klingt mir zu süß, zu gefühlsmäßig, zu unvernünftig. Und es ist ja auch gefährlich: Liebe kennt keine Grenzen. Liebe geht aufs Ganze. Liebe verliert sich an den anderen. Ob es mir deshalb so schwer fällt, “Ich liebe dich” zu sagen, weil ich Angst habe, mich an Dich zu verlieren? Ob ich das wagen kann, mich loszulassen, mich Dir zu lassen, im Vertrauen der Liebe?

Du weißt alle Dinge, Du weißt, was mich hält und bindet, was mich lähmt und erstarren lässt.

Deine Frage nach meiner Liebe öffnet mir den Weg nach vorne, zu Dir, mit Dir – geliebt – und vielleicht entdecke ich dabei die Liebe zu Dir. Amen