Der Zweifler – Zwillingsbruder für uns

Johannes 20, 24 – 31

24 Thomas aber, der Zwilling genannt wird, einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam.

            Einer hat alles verpasst. Thomas, der Zwilling genannt. Einer, der bereit ist, mit Jesus zu gehen „Da sprach Thomas, der Zwilling genannt wird, zu den Jüngern: Lasst uns mit ihm gehen, dass wir mit ihm sterben!“(11,16) Ein Fragender, der Jesus herausfordert, mehr von sich zu sagen und zu zeigen. „Spricht zu ihm Thomas: Herr, wir wissen nicht, wo du hingehst; wie können wir den Weg wissen? Jesus spricht zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ (14, 5-6) Ein Zwilling, einer mit zwei Seiten. Und darin wohl einer wie wir.

25 Da sagten die andern Jünger zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen.

       Die Jünger sind ganz außer sich. Sie erzählen, sie sind irgendwie aufgekratzt  sie haben Großartiges erlebt. Wir haben den Herrn gesehen. Was Maria erzählt hat, ist ihre eigene Erfahrung geworden. Und sie bezeugen es ihm, der es verpasst hat. Wollen, dass er Anschluss an ihre Erfahrung gewinnt,an ihr Sehen.

Er aber sprach zu ihnen: Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und meinen Finger in die Nägelmale lege und meine Hand in seine Seite lege, kann ich’s nicht glauben.

           „Wovon redet ihr eigentlich?“ möchte Thomas vielleicht fragen. „Ich komme da nicht mit“  Und wenn die Jünger auch noch anfangen zu erklären, zu beschreiben, zu überzeugen, dann ist es ganz aus und vorbei.

Thomas ist mit ihrem Erzählen und Erklären nicht zufrieden. Glauben aus 2. Hand – das reicht mir nicht. Es ist schließlich mein Leben – es ist mein Liebe, es ist meine Hoffnung, um die es geht. Da kann ich mich doch nicht aufs Hörensagen verlassen oder aufs Gefühl vertrauen. Da will ich wissen, wo ich dran bin. Der Zweifler besteht auf seine eigene Erfahrung, auf das recht, sich ein eigenes „Bild“ zu machen.

Wer so fragt, nicht nur ein wenig fragt, sondern sehr grundsätzlich fragt, der hat es schwer. Damals wie heute. Zweifler, Fragende, Skeptiker haben keinen guten Ruf in der christlichen Gemeinde. “Also, wenn einer den Glauben so in Frage stellt, dann soll er doch gleich ganz weg bleiben.” Oder anders formuliert: “Wer sich nicht vorstellen kann, dass Jesus auferstanden ist, der kann doch in unserer Gemeinde nicht mitleben.“ Vielleicht wird genau deshalb die Geschichte von Thomas so ausführlich erzählt. Thomas ist und wird kein leichtgläubiger Christ. Das ist gute Botschaft für alle, die nicht leicht-gläubig sind.

Wenn Thomas seiner Sehnsucht Worte geben würde, auch seiner Skepsis betend Worte geben würde – könnte es so klingen:

Herr Jesus, darauf bin ich angewiesen, dass Du kommst, hineinkommst in mein Leben, meine dicht gemachten Erinnerungen, in meine Angst, den großen Augenblick  verpasst und versäumt zu haben, dass Du hineinkommst in meine Sehnsucht nach dem Leben.

Darauf bin ich angewiesen, dass Du kommst durch die verschlossenen Türen meines Verstandes, meiner Weltsicht, meiner Skepsis, meiner Zweifel, meines angefochtenen Glaubens.

Lass mich nicht zu lange warten. Komm, wenn die acht Tage erfüllt sind. Komm, wenn ich gelernt habe zu bleiben, zu warten, leer auszuhalten.

Du willst doch, dass mein Glaube nicht vergeht. Darum komm neu zu mir. Halte Du  meinen Glauben im Leben. Komm, Herr Jesus, mit Deinem Frieden! Amen

26 Und nach acht Tagen waren seine Jünger abermals drinnen versammelt und Thomas war bei ihnen. Kommt Jesus, als die Türen verschlossen waren, und tritt mitten unter sie und spricht: Friede sei mit euch!

Es ist wieder Sonntag, Tag des Herrn. Die Jünger sind zusammen, hinter verschlossenen Türen. Die erste Begegnung mit Jesus hat nicht schon dazu geführt, dass nun alle Türen offen sind. Das ist mit einem Mal nicht getan. Aber Thomas ist diesmal mit da. Der Zweifler hat sich nicht in seine Skepsis verkapselt, abgeschlossen. Er ist bei den anderen geblieben, deren Reden und Erfahrung er so wenig versteht.

Plötzlich ist Jesus da. In ihrer Mitte. Und grüßt sie mit dem Friedensgruß. Stellt sie in seinen Frieden. Alles wie in der Begegnung zuvor. Und dann ist doch alles anders. Es ist, als wäre der Auferstandene nur um Thomas willen gekommen. Alle anderen im Raum spielen keine Rolle mehr in dem, was jetzt geschieht.

27 Danach spricht er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!

Du hast ein Recht auf Deine eigene Erfahrung. So lese ich diesen Satz Jesu an Thomas. Es ist kein unbillige Forderung, auch keine ungläubige Forderung. „Der Auferstandene wendet sich dem Zweifler zu. Dieser soll sich augenscheinlich und handgreiflich der Realität und Identität Jesu versichern dürfen.“ (G. Voigt, aaO.; S. 284)

 28 Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein Herr und mein Gott!

            Thomas ist überwältigt. Ὁ κύριός μου καὶ ὁ θεός μου. Es ist ein einzigartiges Bekenntnis im ganzen Johannesevangelium. Thomas sieht sich im Auferstandenen seinem Gott gegenüber. „Jetzt hat Thomas Jesus so gesehen, wie er gesehen werden will und soll.“(R. Bultmann, aaO.; S.539) – „Wer mich sieht, der sieht den Vater!“ (14,9)

Aus einem Buch zum Johannes-Evangelium: „Wir kommen in ein längeres Gespräch über die Frage: Was hat eigentlich den Thomas überzeugt?….  Ja, aber Jesus zeigt dem Thomas doch seine wunden, seine Verletzungen. So etwas mache ich nicht mit jedem. Ich meine, das waren doch auch schlimme Verletzungen. Ich meine, was de alles Jesus getan hatten. Und das alles zeigt er doch dem Thomas. Ich meine, so etwas zeigt man doch nur einem Menschen, dem man vertrauen kann und der einem nahe steht. Das hätte mich auch umgehauen, dass er so ein Vertrauen zu mir hat.“…. Jesus kommt nicht als der Überlegene, der etwa dem Thomas den Kopf zurecht rücken und ihm den Zweifel austreiben will. Nein, er kommt als der Verletzliche. Er zeigt Thomas das, was man nur einem Menschen zeigt, dem man ganz tief vertraut.“(T. Popp, Hier finde ich Freude. Ein Gemeinde-Modell nach dem Johannes-Evangelium, Neukirchen 2004, S.169f.) Was für eine Sicht auf diese Geschichte!  Was für eine Einsicht!

29 Spricht Jesus zu ihm: Weil du mich gesehen hast, Thomas, darum glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!

Ist das Kritik an Thomas? An seiner Forderung, Herausforderung? Ist es das Plädoyer für einen Glauben, der sich mit dem Wort zufrieden gibt? Auf das Sehen verzichtet? Reicht für den Glauben die „Aussage der Augenzeugen“? (R. Bultmann, aaO.; S.539) Auf die Wunder verzichtet?

Ja, es mag sein: „Wunder gibt es immer wieder“ (K. Ebstein), aber der Glaube darf sich nicht von Wundern abhängig machen. Es gibt einen Glauben, der sich am Wort festmacht, sich im Wort gründet. Es ist ein Wort, nicht in erster Linie an Thomas, sondern eines an die, die durch das Zeugnis der Jünger glauben werden, „für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden.“(17,20)

Und doch braucht es auch bei denen, bei uns, die Erfahrungen der unfassbaren Gegenwart Gottes in unserem Leben. Im Alltag. Tief verhüllt in die Worte von Menschen, in das Tun der Liebe, in die Kraft, die uns zuwächst. Wir haben nichts in Händen, nichts zur Verfügung. Aber es geschieht. Über unser Sehen und Begreifen hinaus.

30 Noch viele andere Zeichen tat Jesus vor seinen Jüngern, die nicht geschrieben sind in diesem Buch. 31 Diese aber sind geschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen.

Das ist wohl der ursprüngliche Schluss des Johannes-Evangelium. Eine Art Redaktions-Notiz. Sie gibt Auskunft über die Absicht, in der das Buch geschrieben ist: damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen. Das also ist das Ziel, dass Johannes hat: Wir, die Leserinnen und Leser sollen zum Glauben finden. Uns sollen die Augen aufgehen – wie Thomas, so dass wir mit ihm, dem Zweifler, bekennen und seine Zwillinge werden:  Mein Herr und mein Gott!

In diesem Bekennen haben wir das Leben.

 

Jesus, Ich war nicht dabei, kann nicht mitreden, mich nicht mitfreuen. Ich bin abgehängt. Ich bin zu spät dran.

Jesus. Ich verstehe die Worte der anderen nicht. Ich höre sie reden. Ich sehe ihre Freude. Ich spüre ihr Glück. Ich ahne die Kraft, die sie neu erfüllt. Aber ich verstehe sie nicht.

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.

Muss ich mich zufrieden geben: Du bist zu spät. Muss ich glauben – aufs Hörensagen hin?

Jesus, ich möchte Dich herausfordern – wie Thomas: Zeige mir deine Wunden. Lass mich sehen, dass Du es bist, der mit uns auf dem Weg war, gekreuzigt vor unseren Augen, gestorben und ins Grab gelegt und doch durch den Tod gebrochen. Lass mich Dich sehen, gezeichnet von den Wunden des Lebens, Du Träger des neuen Lebens.

Komme zu mir, damit ich glauben kann – Dich an meiner Seite, mich an Deiner Seite. Du gegenwärtiger, unsichtbarer Herr, schenke mir Deine Nähe und das Vertrauen, dass auch meine Lebenswunden im Tod gewandelt werden in Leben aus der Ewigkeit. Amen