Im Halbdunkel – eine Ahnung

Johannes 20, 1 – 10

 1 Am ersten Tag der Woche kommt Maria von Magdala früh, als es noch finster war, zum Grab und sieht, dass der Stein vom Grab weg war.

Es ist ein schlichter Anfang: Maria von Magdala geht zum Grab. Früh. Im Halbdunkel.  Warum wird nicht erzählt. Ist es Kummer, der sie auf den Weg bringt? Sucht sie die Nähe des Grabes, weil die Nähe zu Jesus nicht mehr möglich ist? Alles bleibt ungesagt.

Nur, was sie sieht, lesen wir: Der Stein vom Grab war weg. Wir haben es zuvor nicht erfahren, dass ein Stein vor dem Grab lag. Aber jetzt sehen, hören, lesen wir: Er ist weg!

2 Da läuft sie und kommt zu Simon Petrus und zu dem andern Jünger, den Jesus lieb hatte, und spricht zu ihnen: Sie haben den Herrn weggenommen aus dem Grab, und wir wissen nicht, wo sie ihn hingelegt haben.

Das offene Grab lässt sie – erschrocken – umkehren. Zurück zu Simon Petrus und zu dem andern Jünger, den Jesus lieb hatte. Wieder erfahren wir nicht: Sind die ohnehin in der Nähe, auch auf dem Weg zum Grab? Gibt es ein Versteck der Jünger in der Gegend? Was wir erfahren, ist die Überlegung der Maria:  Sie haben den Herrn weggenommen aus dem Grab, und wir wissen nicht, wo sie ihn hingelegt haben. Sie mögen die Juden sein oder: Unbekannte. Und weder der neue Ort noch der Grund der Entfernung aus dem Grab sind Maria – und auch den anderen Frauen, hier steht merkwürdigerweise ein wir im griechischen Text! – klar.

Auffällig auch. Maria sagt: den Herrn. Ο κύριος ist sonst im Johannes-Evangelium ungebräuchlich für Jesus (Ausnahmen: 6,23, 11,2). Ist es schon eine Andeutung auf das Folgende?

3 Da ging Petrus und der andere Jünger hinaus und sie kamen zum Grab. 4 Es liefen aber die zwei miteinander und der andere Jünger lief voraus, schneller als Petrus, und kam zuerst zum Grab,5 schaut hinein und sieht die Leinentücher liegen; er ging aber nicht hinein.

Es kommt zu einem „Wettlauf“ der beiden Jünger zum Grab. Der andere Jünger ist schneller. Er schaut hinein, sieht, was zu sehen ist, geht aber nicht hinein.

Dieser Wettlauf bietet viel Anlass zu klugen Überlegungen. Immer wieder einmal wird er zum Bild für die Rivalität zwischen Judenchristentum (Petrus) und Heidenchristentum (der andere Jünger). „Sind Petrus und der Lieblingsjünger die Repräsentanten des Juden- und des Heidenchristentums, so ist der Sinn offenbar der: aus Judenchristen besteht die erste Gemeinde, erst nach ihnen kommen die Heidenchristen zum Glauben. Aber das bedeutet keinen Vorrang jener; sachlich stehen beide dem Auferstandenen gleich nahe, ja die Bereitschaft zum Glauben ist bei den Heiden größer als bei den Juden.: Der Lieblingsjünger ist schneller zum Grab gelaufen als Petrus.“ (R. Bultmann, aaO.; S. 531)

Ich gestehe, dass mich das nicht überzeugt. Es kommt mir zu sehr wie vom sicheren Schreibtisch getrennter Konfessionen her gedacht vor. Wir können uns solche Rivalitäten leisten. In der Situation der Bedrängnis ist für derlei kleinliche Gedanken kein Raum. Es gibt Unterschiede, Spannungen – kein Zweifel. Es braucht lange Zeit, bis der Weg zu den Heiden akzeptiert ist. Aber ich denke nicht, dass diese Zeit sozusagen zurück-projiziert wird in das Zeugnis der Auferstehung.

 6 Da kam Simon Petrus ihm nach und ging in das Grab hinein und sieht die Leinentücher liegen, 7 aber das Schweißtuch, das Jesus um das Haupt gebunden war, nicht bei den Leinentüchern liegen, sondern daneben, zusammengewickelt an einem besonderen Ort.

            Dann ist auch Simon Petrus da und er geht in das Grab hinein. Und auch er sieht nur, was zu sehen ist. Leinentüchter, Leichentücher. Ordentlich aufgeräumt. „Alles in guter Ordnung“ (S. Schulz, aaO.; S.242) Mir unvergesslich eingeprägt: „Der Herr verlässt die Stätte seiner Auferstehung im aufgeräumten Zustand“ (Klaus Vollmer vor nicht so sehr ordentlich aufgeräumten Studenten 1970) Seriöser formuliert: „Leichenräuber hätten sich nicht die Zeit gelassen, die Tücher so ordentlich hinzulegen.“ (G. Voigt, aaO.; S.277)

Nur eines stimmt nicht an der guten Ordnung: Die Leiche fehlt!

8 Da ging auch der andere Jünger hinein, der zuerst zum Grab gekommen war, und sah und glaubte.

Merkwürdig: der andere Jünger hat Petrus den Vortritt ins Grab gelassen. Jetzt tritt auch er ein, sieht und glaubt. Was glaubt er? „Der Glaube, von dem hier die Rede ist, kann nur der Glaube an  die Auferstehung Jesu sein. Die Größe seines Glaubens besteht darin, dass er glaubt, wie wenn er den Auferstandenen selbst gesehen hätte. Das leere Grab war ihm der Beweis dafür, dass Jesus nicht mehr zu den Toten gehört“(J. Schneider, aaO.;, S. 319) Ist das alles so? Ich gestehe, dass ich es nicht weiß und dass mir die Auslegung zu fromm erscheinen will. Zumal sie doch deutlich in Spannung zum nachfolgenden Vers steht.    

9 Denn sie verstanden die Schrift noch nicht, dass er von den Toten auferstehen müsste. 10 Da gingen die Jünger wieder heim.

Die beiden, die so vor dem leeren Grab stehen, ja, in dem leeren Grab stehen, verstehen noch nicht. Was sie sehen, nicht, und die Schriften, die ihnen helfen könnten zu verstehen, verstehen sie auch noch nicht. Und auch die Botschaft der Schriften, dass er von den Toten auferstehen müsste. ist ihnen noch nicht wirklich zugänglich. Selbst wenn sie das alles kennen – es ist wie bei der Auferweckung des Lazarus: „Marta spricht zu ihm: Ich weiß wohl, dass er auferstehen wird – bei der Auferstehung am Jüngsten Tage.“ (11, 24) Es ist ja die Erfahrung des Glaubens bis heute: Es gibt Sätze, die wir glauben, bekennen, aber wir bringen sie nicht zusammen mit der Situation hier und jetzt. Und das heißt eben: Wir verstehen sie nicht! Sie öffnen uns noch nicht die Augen.

Ist von daher nicht auch das Glauben des anderen Jüngers nicht eher ein tastendes Ahnen, ein Suchen, ein Fragen? Ich kann ganz gut damit leben, dass das leere Grab nicht hinreicht, um zum Glauben an den Auferstanden zu führen. Es erschüttert die Sicherheit des Todes. Aber Glauben ist mehr als solche Erschütterung.

 

Gott, wenn das Dunkel sich lichtet, dann kann die Ahnung wachsen, dass das Leben größer ist, dass der Kreis unserer Tage nicht geschlossen ist und das Grab nicht das Ende aller Wege.

Zwischen Dunkel und Tag, verschwommen, schemenhaft, was ist da wirklich? Wer sollte da nicht erschrecken, wenn das Grab offen steht?   Wenn die Liebe keinen Ort mehr findet für ihre Tränen, ihren Schmerz, ihre Erinnerungen?

Gott, ich brauche Zeit für die Fragen in der Ratlosigkeit. Ich muss hinsehen, überlegen, prüfen und weiterfragen. Lass Du, Gott, das Dunkel sich lichten, lass Du es  tagen, dass ich sehen kann und glauben über mein Verstehen hinaus. Amen