Die Entscheidung ist gefallen

Johannes 19, 1 – 16a

1 Da nahm Pilatus Jesus und ließ ihn geißeln. 2 Und die Soldaten flochten eine Krone aus Dornen und setzten sie auf sein Haupt und legten ihm ein Purpurgewand an 3 und traten zu ihm und sprachen: Sei gegrüßt, König der Juden!, und schlugen ihm ins Gesicht.

            Ist das der Anfang vom Ende Jesu? Üblicherweise werden die, die zur Kreuzigung verurteilt sind, zuvor gnadenlos gegeißelt. Geschlagen, bis die Knochen blank liegen. Viel sterben schon unter dieser Prozedur. Wenn Pilatus hier anordnet, dass Jesus gegeißelt wird, dann muss das für die jüdischen „Prozessbeobachter“ wie ein Richtspruch wirken: Schuldig!

Und die Spielchen der Soldaten sind auch nicht so, dass man dem Angeklagten noch viel Lebenszukunft zugestehen würde. Sie verspotten ihn – und mit ihrem Spott Sei gegrüßt, König der Juden! verspotten sie zugleich das jüdische Volk mit. Was ist das für ein Volk, dessen „König“ so zur Schau gestellt werden kann. Es ist eine rohe Persiflage, die sie da aufführen.

Mich wundert ein bisschen, dass Kommentare fast wie mit einer Stimme diese grausame Misshandlung Jesu als einen letzten Rettungsversuch des Pilatus interpretieren. Sie sagen, er lässt ihn so zurichten, um Mitleid zu erregen. „Mitleid soll die Ankläger veranlassen, von ihrem Ansinnen abzustehen.“ (G. Voigt, aaO.; S.263) Als ob es nicht gelten würde, dass man sich solche Elendsgestalten erst recht schleunigst aus den Augen schaffen will!

4 Da ging Pilatus wieder hinaus und sprach zu ihnen: Seht, ich führe ihn heraus zu euch, damit ihr erkennt, dass ich keine Schuld an ihm finde. 5 Und Jesus kam heraus und trug die Dornenkrone und das Purpurgewand. Und Pilatus spricht zu ihnen: Seht, welch ein Mensch!

Jetzt steht der Römer vor der Menge und lässt den Gefolterten vorführen. Ich finde keine Schuld an ihm. Wie zynisch ist das. Fertiggemacht, aber schuldlos. Der ganze Vorgang – eine Karikatur des „Rechtsstaates Rom“, der Pax Romana. Wie man diese Darstellung als Versuch einer Entlastung Roms lesen kann, erschließt sich mir nicht.

Aber in der Darstellung des Johannes ist ein wichtiger Punkt erreicht: Dieser da, fertig gemacht, verhöhnt, erniedrigt – dieser ist der Mensch. Ο άνθρωπος. „Siehe – der Mensch“ so kann man übersetzen. Oder eben auch wie Luther:  Seht, welch ein Mensch! Und hört im Hintergrund mit, was Johannes zu Anfang geschrieben hat: „Das Wort ward Fleisch.“ (1,14) Das ist die „extremste Konsequenz“ (R. Bultmann, aaO.;, S. 510) der Fleischwerdung, der Inkarnation, von Weihnachten! Und der so da steht, hingestellt, zur Schau gestellt  ist der König der Wahrheit (18,37). Aber zu sehen ist eben nur ein Mensch.

 6 Als ihn die Hohenpriester und die Knechte sahen, schrien sie: Kreuzige! Kreuzige! Pilatus spricht zu ihnen: Nehmt ihr ihn hin und kreuzigt ihn, denn ich finde keine Schuld an ihm.

Ekel und Hass statt Mitleid. Ein Anblick, den man nicht mehr ertragen will. Es mag auch die Wut über die Erniedrigung des eigenen Volkes sein, die hier die Hohenpriester und die Knechte so schreien lässt. Sie sind ja nicht blind und sehen, wie der Römer sie verhöhnt mit diesem Elendskönig. Darum: Kreuzige! Kreuzige! Sie wollen sein Mitleid nicht. Nicht für diesen da. Diesen Menschen.

Und Pilatus macht einen Vorschlag, der unsinnig ist von Anfang an. Nehmt ihr ihn hin und kreuzigt ihn. Als ob die Juden das dürften. Als ob ein römischer Kommandant ernsthaft zulassen würde, dass Juden sich römisches Recht anmaßen. Es ist ein zynischer Vorschlag, so wie es auch ein zynisches Urteil ist: Ich finde keine Schuld an ihm. Sagt er doch damit nicht weniger als: Ich habe einen Unschuldigen fertig machen lassen, in einen rohen Klumpen Fleisch verwandeln lassen, einfach so. Was liegt daran. Es ist ja nur ein Mensch.

Von Sympathie für den römischen Staat lese ich in diesen Worten des Johannes nichts. Auch nichts vom Versuch, Pilatus von seiner Verantwortung freizusprechen. Vielmehr sehe ich – bloßgestellt durch die nüchterne Sachlichkeit der Schilderung – ein menschenverachtendes System mit menschenverachtenden Beamten am Werk.

 7 Die Juden antworteten ihm: Wir haben ein Gesetz und nach dem Gesetz muss er sterben, denn er hat sich selbst zu Gottes Sohn gemacht.

            Es ist nicht die amorphe Menschenmenge, όχλος, von der die Synoptiker reden, wenn sie von den Juden erzählen, die den Tod Jesu fordern. Hier, vor dem Palast des Pilatus stehen rechtskundige Leute. Keine fanatisiert schreiende Meute, sondern die Führungs-Schicht, die das Sagen hat.

Und sie wechseln nun das Thema. Kein Wort mehr von Aufruhr, politischen Umtrieben. Die Anklage bekommt einen neuen Punkt: Er hat sich selbst zu Gottes Sohn gemacht. Das aber ist Gotteslästerung – und für Gotteslästerer verlangt das Gesetz die Todesstrafe. „Wer des HERRN Namen lästert, der soll des Todes sterben; die ganze Gemeinde soll ihn steinigen.“ (3. Mose 24,16) So soll also der Römer der Arm des jüdischen Gesetzes werden.

8 Als Pilatus dies Wort hörte, fürchtete er sich noch mehr 9 und ging wieder hinein in das Prätorium und spricht zu Jesus: Woher bist du? Aber Jesus gab ihm keine Antwort.

Warum greift jetzt die Furcht nach Pilatus, mehr als zuvor? Hat er durchschaut, wie er instrumentalisiert werden soll?  Oder packt ihn eine Scheu, ähnlich wie bei der Schar (18,3), die Jesu verhaften sollte und vor ihm zurück wich? Jedenfalls: Jetzt fragt er erstmals wirklich seinen Gefangen, diesen zusammengeschlagenen Menschen. Woher bist du? Keine Frage nach dem Heimort, sondern nach der Herkunft hinter der Herkunft! Nach dem Geheimnis hinter diesem Menschen. „Stammst du von Menschen ab, oder bist du göttlichen Ursprungs?“ (J. Schneider, aaO.; S.305) Und Jesus schweigt.

10 Da sprach Pilatus zu ihm: Redest du nicht mit mir? Weißt du nicht, dass ich Macht habe, dich loszugeben, und Macht habe, dich zu kreuzigen? 11 Jesus antwortete: Du hättest keine Macht über mich, wenn es dir nicht von oben her gegeben wäre. Darum: der mich dir überantwortet hat, der hat größere Sünde.

Es hört sich ein wenig beleidigt an. Weißt du nicht, wie abhängig du von mir bist? Dein Leben liegt in meiner Hand. Jetzt antwortet Jesus. Jetzt ist es Zeit, die Stunde, um klar zu stellen: Du, Pilatus, spielst nur eine Rolle. Du bist kein Akteur mit eigener Macht. Und dann – pure Ironie, wie Johannes hier schreibt: Deine Macht ist von oben. Sagt der, der selbst von oben ist (3,31). Wahrheit über den Staat aus dem Mund eines Ohnmächtigen! Und fordert Pilatus so ein letztes Mal heraus: Tust du, was deines Amtes ist, dann wirst du mich nicht verurteilen können oder tust du, was „man“ von dir will und wirst so zum Werkzeug des Hasses und der Blindheit? Dann aber wandelt sich auch deine Macht. Sie wird dann in Wahrheit zur Macht aus den Händen des Fürsten dieser Welt.

12 Von da an trachtete Pilatus danach, ihn freizulassen.

Hat Pilatus verstanden? Ich weiß es nicht. Ich höre nur in seinem Trachten eine Suche nach einem Ausweg. Ein Trachten, das keine Folgen hat. Ein hilfloses Wollen. Absichten, die Absichten bleiben. Ein blödes Gefühl in der Magengegend. Aber nichts, was ihn wirklich anders handeln lässt.

Die Juden aber schrien: Lässt du diesen frei, so bist du des Kaisers Freund nicht; denn wer sich zum König macht, der ist gegen den Kaiser.

Und da ist diese Menge, die schreit – und jetzt die Ängste des Pilatus trifft. Du spielst mit deiner Karriere, verlierst jede Loyalität von oben (!), wenn du einen frei-lässt, der den Thron beansprucht. Jetzt wird wieder die politische Karte ausgespielt. Das Netz von Verbindungen. Wir haben auch Menschen, die das Ohr des Kaisers erreichen. Wird Pilatus so an seine prekäre, instabile Position nach dem Tod seines Gönners Sejan erinnert?

13 Als Pilatus diese Worte hörte, führte er Jesus heraus und setzte sich auf den Richterstuhl an der Stätte, die da heißt Steinpflaster, auf Hebräisch Gabbata. 14 Es war aber am Rüsttag für das Passafest um die sechste Stunde.

Der Evangelist wird zum Bericht-Erstatter. Mit ganz wenigen Worten skizziert er die letzte Szene des Tribunals. Ort und Zeit werden benannt. Es ist kurz vor der Schlachtung der Lämmer im Tempel für das Passafest. Jetzt geht es nur noch um das eine „Lamm“ (1,29) Pilatus setzt sich – ein Richterspruch wird folgen.

Und er spricht zu den Juden: Seht, das ist euer König!

            Er muss gar nicht mehr auf den Angeklagten, den Gegeißelten, den Gefolterten zeigen. Seine Worte reichen: Seht, das ist euer König! Im Griechischen fast wörtlich parallel zu: „Seht, welch ein Mensch.“(19,4) Und wieder klingt es wie Hohn aus dem Mund des Römers und muss für die Juden vor seinem Richterstuhl wie Hohn klingen: So gehen wir mit einem um, der euer König ist. Ein Nichts für uns Römer.   

15 Sie schrien aber: Weg, weg mit dem! Kreuzige ihn! Spricht Pilatus zu ihnen: Soll ich euren König kreuzigen? Die Hohenpriester antworteten: Wir haben keinen König als den Kaiser.

Jetzt wird das ganze Theater auf die Spitze getrieben. Es ist ein demagogisches Spiel mit den Emotionen, das Pilatus spielt. Kein Versuch, Jesus zu retten, sondern nur einer, der das Volk reizt, über alle Maßen und alle Tradition hinweg reizt. Was sollen sie sagen auf seine Frage: Soll ich euren König kreuzigen? Es ist doch am Tage, dass mit dieser Frage Unterwerfung, gänzliche Preisgabe  der eigenen Identität im Spiel ist.

Und prompt kommt die Antwort: Wir haben keinen König als den Kaiser. Schreien nicht irgendwelche Spinner, Fanatiker, Dummköpfe, sondern es ist die Antwort der Hohenpriester. Der Leute, die die Schriften kennen, die Schriften hüten. Der Leute, die es inwendig und auswendig gelernt haben:

Gott ist König über die Völker, Gott sitzt auf seinem heiligen Thron.“   Psalm 47,9

So spricht der HERR, der König Israels, und sein Erlöser, der HERR Zebaoth: Ich bin der Erste und ich bin der Letzte, und außer mir ist kein Gott.“ (Jesaja 44, 6)

Es ist das Drama dieser Worte: Es ist nicht nur eine Verwerfung dieses Mannes aus Nazareth. Es ist nicht nur eine Preisgabe eines der Ihren an die Römer. Das alles wäre schlimm genug. Aber in ihrem Hass auf den Römer und auf diesen Jesus geben sie sich selbst preis, die eigene Identität. „Damit verleugnen die Juden, dem Zwang der Situation nachgebend, ihre ganze Messiashoffnung.“ (G. Voigt, aaO.; S. 265) Sie werden ein Volk wie alle Völker, dem Kaiser als der letzten Instanz unterworfen.

Und auch daran besteht wohl für Johannes kein Zweifel: In diesem letzten Satz offenbart sich die Blindheit derer, die so reden für Gott, den Vater. So hatte Jesus es gesagt: „Es ist aber mein Vater, der mich ehrt, von dem ihr sagt: Er ist unser Gott; und ihr kennt ihn nicht; ich aber kenne ihn.“ (8, 54-55) Und jetzt wird aus dieser Blindheit für den Vater die Absage an ihn.

 16 Da überantwortete er ihnen Jesus, dass er gekreuzigt würde.

Es bleibt nichts mehr zu tun, als das Urteil auszufertigen. Ein Verwaltungsakt. Was sich mit der Geißelung schon ankündigte, wird jetzt vollzogen werden. Jesus geht den Weg zum Kreuz.

 

Herr Jesus, wie quälend lang ist das alles. Du, ein Spielball im Machtspiel des Pilatus. Preisgegeben, ausgeliefert, ausgestellt. Über Dich wird verfügt. Du wirst ausdiskutiert, Objekt in den Händen der Menschen.

Und doch stehst Du da, König der Wahrheit, der Mensch, in dem sich das Mensch-Sein vollendet, Sohn nach dem Willen des Vaters  und trägst das alles – für uns. Christe, Du Lamm Gottes.Amen