Vor Pilatus

Johannes 18, 28 – 40

28 Da führten sie Jesus von Kaiphas zum Prätorium; es war früh am Morgen. Und sie gingen nicht hinein, damit sie nicht unrein würden, sondern das Passamahl essen könnten.

            Kaiphas scheint nur eine Zwischenstation. Er hatte früher (11,49.50) gesagt, was zu sagen war. Jetzt tut er, was zu tun ist. Er lässt den Gefangenen gleich weiter transportieren. Zu den Römern. Die waren ja  – so Johannes (18,3) – schon bei der Gefangennahme aktiv beteiligt. Jetzt haben sie ihn.

Sie – die Juden, die Jesus übergeben – achten darauf, dass sie rein bleiben. Sie wollen sich nicht vom Fest ausschließen. Das Passa ist schließlich nicht irgendein Fest. Es ist das Fest, das an die Verschonung Gottes erinnert, sie ins Gedächtnis ruft.  Merkwürdig: die so die Verschonung Gottes feiern wollen, denken nicht daran, den zu verschonen, den sie in ihrer Gewalt haben. Die so auf ihr Rein-Bleiben achten, kommen gar nicht auf die Idee, dass sie durch ihr Handeln an dem Gefangenen Jesu sich beschmutzen, Lasten auf sich laden könnten. „Während die Juden den himmlischen Gesandten der Weltmacht Rom ausliefern, halten sie sich peinlich genau an ihre väterlichen Satzungen!“ (S. Schulz, aaO.;S.228)

29 Da kam Pilatus zu ihnen heraus und fragte: Was für eine Klage bringt ihr gegen diesen Menschen vor?30 Sie antworteten und sprachen zu ihm: Wäre dieser nicht ein Übeltäter, wir hätten ihn dir nicht überantwortet. 31 Da sprach Pilatus zu ihnen: So nehmt ihr ihn hin und richtet ihn nach eurem Gesetz. Da sprachen die Juden zu ihm: Wir dürfen niemand töten. 32 So sollte das Wort Jesu erfüllt werden, das er gesagt hatte, um anzuzeigen, welchen Todes er sterben würde.

Pilatus zeigt sich entgegenkommend. Er achtet die Angst um die Reinheit. So führt er, so will es scheinen, eine öffentliche Vorverhandlung: Fällt der Fall in meine Zuständigkeit? Muss ich mich mit diesem Jesus befassen? Dabei ist ihm Jesus nur dieser Mensch. Wirkliches Interesse sieht anders aus und klingt auch anders.

Die Juden ihrerseits setzen auf Überrumpelung: Schon dass wir mit ihm da sind, ist doch ein Schuldbeweis! Juristisch ist das dummes Zeugt und genau betrachtet eine unverschämte Zumutung. (S. Schulz,aaO.;S.228) Man will von Pilatus gar keine selbstständige Beurteilung des Falles, sondern nur seine Zustimmung zum eigenen Urteil.

Wie kann es zu solcher unverfrorenen Forderung kommen? „Pilatus wird nicht mehr gefürchtet. Am 18. 10. 31 ist sein Gönner Sejanus in Rom gestürzt und hingerichtet worden; jetzt darf Pilatus es mit niemand mehr verderben, schon gar nicht mit dem jüdischen Volk, dessen Totalausrottung Sejan – ein antiker „Eichmann“ – vorgehabt hatte.“ (G. Voigt, aaO.; S.259) Das würde die rüde Antwort der Juden erklären – und wäre zugleich ein Hinweis auf das Todesjahr Jesu: Es könnte nicht vor 32 n. Chr. sein.

Die Antwort des Pilatus entlarvt: Das Todesurteil steht für die Juden schon fest. Nur, sie können es leider nicht vollstrecken. Das hat sich die römische Besatzungsmacht vorbehalten.  Was sich auf den ersten Blick bei Johannes wie eine Entlastung der Juden in der Frage nach der Beteiligung am Tod Jesu liest, wird bei genauem Hinsehen doch sehr fragwürdig: Sie wollen ihn um fast jeden Preis, wie es sich noch zeigen wird, endgültig weghaben – auch ohne ein eigenes, formales jüdisches Urteil, denn es gibt kein Urteil eines jüdischen Gremiums im Johannes-Evangelium! – und instrumentalisieren dafür den Römer.

33 Da ging Pilatus wieder hinein ins Prätorium und rief Jesus und fragte ihn: Bist du der König der Juden? 34 Jesus antwortete: Sagst du das von dir aus oder haben dir’s andere über mich gesagt?

            Pilatus führt die Verhandlung fort, jetzt nicht mehr öffentlich, sondern im Prätorium, dem Amtssitz des römischen Prokurators. Er lässt den Gefangenen vorführen und stellt ihm die Frage: Bist du der König der Juden? Das ist eine politische Frage. Erhebt Jesus den Anspruch auf den Davids-Thron? Ist er einer,  der die Macht will, sich als Messias fühlt? Wenn ja, dann muss sich Pilatus  dazu verhalten. Wenn nein, dann ist der Fall Jesus für ihn erledigt.

Seltsam, dass Jesus nicht mit Ja und auch nicht mit Nein antwortet, sondern mit einer Gegenfrage: Wie kommst du darauf? Stecken hinter deiner Frage meine Ankläger? Und: Was weißt du überhaupt über mich?

35 Pilatus antwortete: Bin ich ein Jude? Dein Volk und die Hohenpriester haben dich mir überantwortet. Was hast du getan? 36 Jesus antwortete: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wäre mein Reich von dieser Welt, meine Diener würden darum kämpfen, dass ich den Juden nicht überantwortet würde; nun aber ist mein Reich nicht von dieser Welt.

            Pilatus reagiert: Ich frage so, weil dein Volk und die Hohenpriester mich dazu nötigen. Sie sind die Ankläger, nicht ich. Sie haben dich hierher bringen lassen. Und noch einmal will er es wissen: Warum? Was hast du getan? Meldet sich in diesem Fragen ein letztes Unbehagen des Pilatus? Spürt er, wie er gebraucht, missbraucht wird?

Jesu Antwort klärt: Es geht nicht um Macht, um Politik, nicht um das, was Rom sonst interessiert, um politische Ambitionen und Suche nach Einfluss und Geltung. Ja, ein Reich, eine βασιλεία ist es schon, für die Jesus steht, aber nicht nach dem Muster der Welt. Nicht mit Kämpfern, nicht mit Waffen, nicht mit Ansprüchen auf Territorien und Rechte. Wäre sein Reich von dieser Art, der Art der Welt – seine Leute würden kämpfen. Aber da ist niemand, der das Schwert hebt. Da ist keiner, der um Macht und Ansehen kämpft. Da ist kein Rechtsanspruch, der proklamiert wird. Das hat nur einen Grund: Mein Reich ist nicht von dieser Welt.

Der Leser des Evangeliums hat es ja früher schon gelesen, gehört aus dem Mund Jesu über die Jünger: Sie sind nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin.(17,14 + 17,16) Und so wie er selbst und seine Leute nicht von der Welt sind, nach der Art der Welt denken und handeln, so ist auch sein Reich nicht nach der Ordnung und der Art der Welt.

Das heißt doch: Wann immer in der Kirche die Forderung nach „Entweltlichung der Kirche“ gestellt wird, hat sie das Wort des Johannes-Evangeliums auf ihrer Seite! Es geht darin um eine dringend nötige Selbstbesinnung der Kirche auf ihr Wesen, ihren Grund, ihre Art. Sonst bläuft sie immer mehr in Gefahr, den Gesetzen und Spielregeln zu unterliegen, die für Großorganisationen in der Welt gelten.

So lese ich in der „Barmer Theologischen Erklärung“, auf die ich auch ordiniert bin, den Artikel III als eine große Herausforderung zur Selbstprüfung der Kirche: „Die christliche Kirche ist die Gemeinde von Brüdern, in der Jesus Christus in Wort und Sakrament durch den Heiligen Geist als der Herr gegenwärtig handelt. Sie hat mit ihrem Glauben wie mit ihrem Gehorsam, mit ihrer Botschaft wie mit ihrer Ordnung mitten in der Welt der Sünde als die Kirche der begnadigten Sünder zu bezeugen, dass sie allein sein Eigentum ist, allein von seinem Trost und von seiner Weisung in Erwartung seiner Erscheinung lebt und leben möchte.

Wir verwerfen die falsche Lehre, als dürfe die Kirche die Gestalt ihrer Botschaft und ihrer Ordnung ihrem Belieben oder dem Wechsel der jeweils herrschenden weltanschaulichen und politischen Überzeugungen überlassen.“ (Die Theologische Erklärung der Bekenntnissynode von Barmen 29. – 31. 5. 1934, zitiert nach EG-EKHN 810) Oder ganz schlicht gesagt: Sind wir in der Art und Weise, wie wir unser Kirche-Sein leben, noch „Gemeinde des Herrn“? „Sind wir Gemeinde des Herrn, sind wir mit den Anliegen des Herrn beschäftigt, sind wir Kirche?“ (J. Hendriks, Gemeinde von morgen gestalten, Gütersloh 1996, S.177)

37 Da fragte ihn Pilatus: So bist du dennoch ein König? Jesus antwortete: Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeugen soll. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme.

Pilatus hat zugehört! Deshalb fragt er nach. So bist du dennoch ein König? Ist es die Hoheit seines Gefangenen, die ihn so fragen lässt? Ein Spüren: da steht mir einer gegenüber, dessen Geheimnis mir verschlossen ist? Einer, der aus so anderen Kräften lebt als ich selbst?

Ja, sagt Jesus. Ich bin ein König. Einer mit einer Würde, die ihm verliehen ist, von oben (3,31) Ein Zeuge der Wahrheit. Das ist die königliche Würde, mit der Jesus lebt und die er beansprucht. Und Wahrheit meint mehr als nur richtige logische und auch theologische Sätze: „Gottes Wirklichkeit der Welt gegenüber wirksam werden zu lassen.“ (R. Bultmann, aaO.; S.507) Durch sein Wort und in seinem Tun wirkt diese Wahrheit in die Welt, so dass er sie nicht nur ringt, sondern in Person ist (14,6).

Und es ist, als würde Jesus den Pilatus zu einer Antwort fast zwingen wollen, wenn er sagt: Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme. Hört Pilatus seine Stimme? Sieht er in dem Mann vor sich mehr als einen Gefangenen, einen, der ihn nach dem Grund seines Lebens fragt? Ist er ein Kind der Wahrheit? Oder ist er nur ein Kind der Macht, der Nützlichkeiten, der Eigeninteressen?

38 Spricht Pilatus zu ihm: Was ist Wahrheit?

Wie soll das der Römer Pilatus verstehen? Deshalb fragt er zurück: Was ist Wahrheit? So bricht er das Verhör ab – und mit dem Verhör zugleich das Gespräch, in dem ihm Jesus die Tür zum Glauben geöffnet hatte. Kein böser Wille. Er ist nicht fähig zu begreifen. Wir machen es uns zu leicht mit Pilatus, wenn wir aus ihm den allzu willfährigen Opportunisten machen. In ihm haben wir ein Beispiel dafür, dass der Glaube nicht einfach logisch einleuchtet, nicht einfach abrufbar ist. Er ist immer Geschenk, Gabe aus der Ewigkeit.

Und als er das gesagt hatte, ging er wieder hinaus zu den Juden und spricht zu ihnen: Ich finde keine Schuld an ihm.

So viel aber hat Pilatus verstanden: die Anklagen gegen Jesus sind gegenstandslos. Hier geht es nicht um Aufruhr und Macht, Widerstand gegen Rom und Durchsetzung von Messias-Ansprüchen aus der politischen Mottenkiste. Darum sein Eingeständnis vor den Juden an der Pforte seines Palastes:   Ich finde keine Schuld an ihm.

39 Es besteht aber die Gewohnheit bei euch, dass ich euch einen zum Passafest losgebe; wollt ihr nun, dass ich euch den König der Juden losgebe?

Darum auch sein Angebot: Amnestie für einen Unschuldigen. Für einen harmlosen Narren, den König der Juden. Das ist auch eine Kränkung an die Adresse der Juden. Er hält ihnen ihre falsche Anklage vor, indem er sie fragt: Wollt ihr euren König zurück?

40 Da schrien sie wiederum: Nicht diesen, sondern Barabbas! Barabbas aber war ein Räuber. 

Sie aber, die mit dem vermeintlichen Unruhestifter und Aufrührer Jesus vor den Prokurator gekommen waren, die ihm klarmachen wollten: Du musst für Ruhe und Ordnung sorgen – sie fordern jetzt die Freilassung des Barabbas. Lieber der Räuber, der politische Aufrührer als dieser Jesus, der uns so in unserem erlernten Denken und Glauben in Frage stellt.

 

Wo hätte ich gestanden an jenem Tag? Bei denen, die schreien: Weg mit ihm. Bei denen, die nur stumm zusehen. Bei denen, die innerlich zittern: Was wird werden? Wo stehe ich heute mit meinem Glaubensbekenntnis, meiner Liebe, meinem Leben.

Herr Jesus, Du König der Wahrheit, öffne mir die Ohren und das Herz, Dich zu hören und zu Dir zu gehören. Lass mich zu Dir gehören durch den Glauben, durch die Liebe, durch die Treue, die in Deiner Wahrheit ihren Grund gefunden haben. Mache unsere Herzen fest in Dir. Amen