Sich stellen

Johannes 18, 12 – 27

12 Die Schar aber und ihr Anführer und die Knechte der Juden nahmen Jesus und banden ihn 13 und führten ihn zuerst zu Hannas; der war der Schwiegervater des Kaiphas, der in jenem Jahr Hoherpriester war. 14 Kaiphas aber war es, der den Juden geraten hatte, es wäre gut, “ein” Mensch stürbe für das ganze Volk.

            Die Soldaten und ihre Anführer haben sich erholt von ihrem Schrecken. Sie tun, wozu sie gekommen sind: Sie nehmen ihren Gefangenen, gebunden und führen ihn ihren Auftraggebern zu. Zuerst zu Hannas. Kaiphas bleibt hinter seinem Schwiegervater „im Halbdunkel“. Nur an seine Worte wird erinnert, an seine unbewusste Prophetie. (11,49.50) Das gibt diesem ersten Verhör eine merkwürdige Note. Müsste nicht von Rechts wegen der amtierende Hohepriester das Verhör führen? Warum der informelle Zwischenschritt?  

 15 Simon Petrus aber folgte Jesus nach und ein anderer Jünger. Dieser Jünger war dem Hohenpriester bekannt und ging mit Jesus hinein in den Palast des Hohenpriesters. 16 Petrus aber stand draußen vor der Tür. Da kam der andere Jünger, der dem Hohenpriester bekannt war, heraus und redete mit der Türhüterin und führte Petrus hinein.

                             Zwei Jünger folgen dem Zug. Simon Petrus, trotz seines Schwertstreiches immer noch in Freiheit und ein anderer Jünger. Die Frage stellt sich wie von selbst: Verbirgt sich hinter dieser Formulierung der Evangelist? Ist er Augenzeuge? Und damit sein Bericht nahe an dem dran, was geschehen ist? Es gibt eine lange Tradition in der Auslegung des Evangeliums, die diese Frage zumindest offen halten möchte. „Sollte tatsächlich der „andere Jünger“ der Evangelist sein, dann wäre die Detailkenntnis, die Johannes der übrigen Überlieferung voraus hat, leicht zu erklären.“ (G. Voigt, aaO.; S.255) Es gibt freilich auch den entschiedenen Widerspruch gegen diese Augenzeugenschaft.

Dieser andere Jünger hat Kontakte in die Kreise des Hohenpriesters. Das mag ein Hinweis darauf sein, dass die Jünger nicht einfach nur kleine Leute waren. Jedenfalls nicht alle. Es gibt Berührungspunkte, Kontakte „nach oben“. Schließlich gibt es ja auch Nikodemus und Joseph von Arimathia, die nicht zu den kleinen Leuten da unten gehören. So ist der andere Jünger der Türöffner für Petrus.  

17 Da sprach die Magd, die Türhüterin, zu Petrus: Bist du nicht auch einer von den Jüngern dieses Menschen? Er sprach: Ich bin’s nicht. 18 Es standen aber die Knechte und Diener und hatten ein Kohlenfeuer gemacht, denn es war kalt und sie wärmten sich. Aber auch Petrus stand bei ihnen und wärmte sich.

Petrus traut sich in den Hof und wird erkannt. In Frage gestellt. Die Frau am Eingang identifiziert ihn, fragend: Bist du nicht auch einer von den Jüngern dieses Menschen? Zum Glück für Petrus war sie nicht bei der Verhaftung, sonst könnte sie fragen: Warst du das nicht mit dem Schwert? Petrus aber leugnet, streitet ab, geht auf Distanz.  Er steht bei denen, die sich wärmen am Feuer. Wird ihm innerlich kalt?

19 Der Hohepriester befragte nun Jesus über seine Jünger und über seine Lehre. 20 Jesus antwortete ihm: Ich habe frei und offen vor aller Welt geredet. Ich habe allezeit gelehrt in der Synagoge und im Tempel, wo alle Juden zusammenkommen, und habe nichts im Verborgenen geredet. 21 Was fragst du mich? Frage die, die gehört haben, was ich zu ihnen geredet habe. Siehe, sie wissen, was ich gesagt habe.

Die Szene wechselt. Das Verhör beginnt. Über seine Jünger und über seine Lehre wird Jesus befragt. Und sagt zu Recht: Was für Fragen! Ich habe nie heimlich geredet, keine konspirativen Treffs organisiert. Ich bin eine öffentliche Person und was ich gesagt habe, habe ich  allezeit in der Synagoge und im Tempel gelehrt. Dahinter steht die Frage: In welche Ecke drängst Du mich mit solchen Fragen? Es ist offensichtlich. Es soll um Geheimbündelei gehen, um Mittäter und Gesinnungsgenossen. Um politische Sachverhalte.

Diesen Versuch wehrt Jesus ab. „Jesu Erwiderung lässt das Verhör von vornherein als Farce erscheinen.“ (R. Bultmann, aaO.; S.500) Er verweist auf die, die ihm zugehört haben, die anwesend waren, die wieder und wieder seine Worte gehört und und geprüft, von seinen Taten berichtet haben. Es ist doch alles in der Öffentlichkeit bekannt.

22 Als er so redete, schlug einer von den Knechten, die dabeistanden, Jesus ins Gesicht und sprach: Sollst du dem Hohenpriester so antworten? 23 Jesus antwortete: Habe ich übel geredet, so beweise, dass es böse ist; habe ich aber recht geredet, was schlägst du mich?

Solche souveräne Replik provoziert. Wo die Argumente fehlen, muss Gewalt her. So schlägt einer zu und beanstandet mangelnden Respekt. Angeklagte haben zu gestehen und nicht so zu agieren. Es ist das Verhalten der Macht, tausendfach geübt, das fehlende Beweise durch Härte zu ersetzen sucht,  auf Einschüchterung setzt und sich selbst so bloß stellt als pure Macht ohne Recht.

Das entlarvt die Antwort Jesu. „Der Angeklagte hat nach dem Gesetz das Recht auf eine sachliche Behandlung; er darf nicht beschimpft, ihm darf nicht Gewalt angetan, er darf nicht entehrt werden.“ (G. Voigt, aaO.; S.256) Das Verhör ist schon entgleist. Es geht nicht um Recht. Es geht nur um die Macht, die sich alle Rechte nimmt. Dafür steht der schlagende Knecht. Jetzt ist die Stunde des Bösen

24 Und Hannas sandte ihn gebunden zu dem Hohenpriester Kaiphas.

Das Verhör ist zu Ende. Hannas gibt den Gefangenen weiter. An Kaiphas.  Mag der zusehen, was er heraus findet. Und er wird ja doch noch wissen, was er zu tun hat: „Es ist besser für euch, ein Mensch sterbe für das Volk, als dass das ganze Volk verderbe.“ (11,50)

25 Simon Petrus aber stand da und wärmte sich. Da sprachen sie zu ihm: Bist du nicht einer seiner Jünger? Er leugnete und sprach: Ich bin’s nicht. 26 Spricht einer von den Knechten des Hohenpriesters, ein Verwandter dessen, dem Petrus das Ohr abgehauen hatte: Sah ich dich nicht im Garten bei ihm? 27 Da leugnete Petrus abermals, und alsbald krähte der Hahn.

            Draußen im Hof aber geht die Geschichte weiter. Noch immer steht Petrus da, sucht sich zu wärmen. Aber er fällt auf als einer, der nicht immer da ist. Und wird gefragt von denen, die mit ihm herumstehen: Bist du nicht einer seiner Jünger? Es ist die Frage, die die Gemeinde Jesu wieder und wieder hört, damals und bis heute. Petrus ist nur der Erste in einer langen Reihe. Gehörst Du zu ihm?

Gefährlich wird es erst recht, als sich einer erinnert, der wohl bei der Nacht-Aktion dabei war: Sah ich dich nicht im Garten bei ihm? Was wäre, wenn es ihm einfiele: Das ist der Schwert-Mann! Der meinen Verwandten verwundet hat. Petrus streitet wieder alles ab.

und alsbald krähte der Hahn. Johannes verzichtet – das ist hohe Erzählkunst – darauf, daran zu erinnern, was er als Worte Jesu an Petrus notiert hatte: „Petrus spricht zu ihm: Herr, warum kann ich dir diesmal nicht folgen? Ich will mein Leben für dich lassen. Jesus antwortete ihm: Du willst dein Leben für mich lassen? Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Der Hahn wird nicht krähen, bis du mich dreimal verleugnet hast. (13, 37-38) Der Leser wird  es auch so noch in Erinnerung haben. Und sich selbst fragen: Und wie steht es mit Dir und Deinem Bekennen?

 

Was werde ich sagen, wenn sie mich fragen: Bist Du auch einer von denen? Ja – aber nicht so? Nein – mit denen habe ich nichts zu tun!

Stelle ich mich zu Dir, Jesus, zu Deinen Leuten, auch dann, wenn sie lächerlich gemacht werden, wenn sie kalt abserviert werden. Stelle ich mich zu ihnen auch dann, wenn Andere deshalb auf Abstand gehen zu mir, mich nicht mehr kennen, mich nicht mehr für voll nehmen.

Ich muss ja nicht um mein Leben fürchten, nur um mein Ansehen. Bist Du es mir wert, weil Du mich ansiehst mit Augen der Liebe?

Schenke es mir, dass ich mich stelle – zu Dir und Deinen Leuten. Amen