Auslieferung

Johannes 18, 1 – 11

1 Als Jesus das geredet hatte, ging er hinaus mit seinen Jüngern über den Bach Kidron; da war ein Garten, in den gingen Jesus und seine Jünger. 2 Judas aber, der ihn verriet, kannte den Ort auch, denn Jesus versammelte sich oft dort mit seinen Jüngern.

            „Steht auf und lasst uns von hier weggehen.“(14,31)so überliefert es Johannes nach der Fußwaschung und den Worten über das neue Gebot. Jetzt bricht Jesus mit seinen Jüngern auf. Zwischen Ölberg und Tempelberg ist das Kidron-Tal. Dort ist ein Garten – Johannes nennt den Namen Gethsemane (Markus 14,32) nicht. Ein vertrauter Ort für Jesus und seine Jünger, auch für Judas. Kein Versteck.

3 Als nun Judas die Schar der Soldaten mit sich genommen hatte und Knechte von den Hohenpriestern und Pharisäern, kommt er dahin mit Fackeln, Lampen und mit Waffen.

Weil Judas den Ort kennt, kann er eine gemischte Truppe dorthin führen – eine Schar römischer Soldaten und Knechte der Hohenpriester. Johannes liegt daran zu zeigen: Schon bei der Verhaftung Jesu sind die Römer beteiligt. Weiß er mehr als die anderen Evangelisten? Oder ist das eine Tendenz seines Erzählens. Jedenfalls: ein Großaufgebot. σπει̃ρα, die Schar,  kann die Kohorte (=600 Mann) oder die Manipel (=200 Mann) sein. (S. Schulz, aaO.;S. 225)  In jedem Fall ziemlich viele zur Verhaftung eines Wanderpredigers, Rabbis, auch wenn er als ein Wundertäter gilt.

4 Da nun Jesus alles wusste, was ihm begegnen sollte, ging er hinaus und sprach zu ihnen: Wen sucht ihr?

Das ist eine Wendung, die Johannes liebt: Da nun Jesus alles wusste, was ihm begegnen sollte… Nach dem Brotwunder hält er fest: „Jesus wusste von Anfang an, wer die waren, die nicht glaubten (6,64) In der Lazarus-Erzählung, unmittelbar vor dem ruf an Lazarus in seinem Grab betet er: “Ich weiß, dass du mich allezeit hörst.“(11,42) Vor der Fußwaschung notiert er: „Jesus aber wusste, dass ihm der Vater alles in seine Hände gegeben hatte.“ (13,3) Es geht nicht um eine theoretische Allwissenheit – die fände Johannes vermutlich albern. Aber es geht ihm darum zu zeigen: Jesus ist sich seines Weges gewiss. Er weiß ihn als den Weg Gottes. Darum geht er dieser Schar entgegen. Er löst sich aus dem Garten,  aus dem Dunkel, aus dem Haufen der Jünger und steht als Einzelner den Vielen gegenüber. Jesus bestimmt die ganze Szenerie.

5 Sie antworteten ihm: Jesus von Nazareth. Er spricht zu ihnen: Ich bin’s! Judas aber, der ihn verriet, stand auch bei ihnen. 6 Als nun Jesus zu ihnen sagte: Ich bin’s!, wichen sie zurück und fielen zu Boden.

Sie fragen nach ihm. Sie suchen ihn. Und sie erschrecken vor ihm.  Als er sagt: Ich bin’s! wirft es sie nieder. Zu Boden. Das ist sicherlich bewusste Darstellung. Man kann das so lesen: „So war es noch bei keinem, den sie zu verhaften hatten: Ruhe, Überlegenheit, Festigkeit.“  (G. Voigt, aaO.; S. 252) Kurz: Majestät. Man kann aber auch anders lesen: Sie hören das offenbarende „Ich bin’s!“ – vom brennenden Dornbusch her. Es trifft sie, ohne dass sie begreifen, was sie da so zu Boden wirft. „Die Häscher weichen zurück und fallen zu Boden, wie man vor der epiphanen Gottheit niedersinkt.“ (R. Bultmann, aaO.; S. 495)    

Ich verstehe die Scheu der Kommentare, so zu denken, weil es doch da, wo Gott so offenkundig spürbar wird, zum Glauben kommen müsste. Aber in Wahrheit ist es so, dass nicht jede Gotteserfahrung zum Glauben führt. Nicht jede Ahnung Gottes schließt das Herz so auf, dass es sich im Glauben festmacht. Es gehört zu meinen „Unterstellungen“, dass jeder Mensch in seinem Leben wenigstens einmal Gott in seiner Gegenwart erfährt. Gott lässt sich nicht unbezeugt (Apostelgeschichte 14,17) einem jeden gegenüber.  Aber es kommt – und das ist das große Geheimnis, an dem wir herum buchstabieren – nicht in jeder Gotteserfahrung zum Glauben. So auch hier: Sie stehen vor dem Offenbarer und sehen nur einen Menschen. Vor dem aber erschrecken sie.

Auffällig: Judas steht irgendwie unbeteiligt herum. Nichts mehr von seiner Führungsrolle: Judas hatte die Schar der Soldaten mit sich genommen. Das klingt nach Wichtigkeit. Aber jetzt nur noch eine Nebenrolle. Kein Kuß, kein: „Das ist er!“ Nichts. Er steht bei ihnen. Auf der falschen Seite.

 7 Da fragte er sie abermals: Wen sucht ihr? Sie aber sprachen: Jesus von Nazareth. 8 Jesus antwortete: Ich habe euch gesagt, dass ich es bin. Sucht ihr mich, so lasst diese gehen!

            Wie Zeitlupenwiederholung heutzutage wird die ganze Szene noch einmal durchgespielt in Frage und Antwort. Nur der Schrecken der Häscher entfällt. Statt dessen die Fürsprache Jesu für die Seinen: Ihr sucht doch mich. Lasst meine Jünger gehen. In Frieden! Was er vorher gebetet hatte: „Ich bitte dich nicht, dass du sie aus der Welt nimmst, sondern dass du sie bewahrst vor dem Bösen.“ (17,15) das lebt er jetzt. Er bewahrt sie vor dem Bösen, das ihn treffen wird. Es ist sein Werk – in der Zeit und in Ewigkeit, vor Gott und den Menschen: Fürsprecher zu sein für die Seinen.

 9 Damit sollte das Wort erfüllt werden, das er gesagt hatte: Ich habe keinen von denen verloren, die du mir gegeben hast.

Das alles, damit sich sein Wort erfüllt. Er hat vor Gott nicht groß daher geredet, als er das gesagt hat, nicht den Mund zu voll genommen. Ist dieses Wort sonst auf die Bewahrung vor dem ewigen Verderben bezogen, so geht es hier um das irdische Leben. Darin sehe ich den Hinweis, dass es nicht angeht, die Wirklichkeiten des Lebens immer nur zu spiritualisieren, zur Symbol-Geschichte zu machen. Die Bewahrung im Irdischen ist nicht alles, aber sie ist nicht weniger wirklich und wichtig als die Bewahrung in Ewigkeit.

10 Simon Petrus aber hatte ein Schwert und zog es und schlug nach dem Knecht des Hohenpriesters und hieb ihm sein rechtes Ohr ab. Und der Knecht hieß Malchus. 11 Da sprach Jesus zu Petrus: Steck dein Schwert in die Scheide! Soll ich den Kelch nicht trinken, den mir mein Vater gegeben hat?

Ganz so feige wie wir gerne tun, sind die Jünger nicht. Namentlich Petrus nicht. Er stellt sich. Er wagt den Kampf. Einer gegen Zweihundert! Und nimmt das Schwert und trifft den, der ihm am nächsten steht. Malchus, einen Knecht des Hohenpriesters. Er trifft ihn. Genauer: Sein Ohr. Der erste Verwundete der Christenheit?

Es kommt nicht zum Kampf. Jesus geht dazwischen. Er bremst seinen Jünger. Er will keine um sich schlagenden Jünger, die ihn mit Waffengewalt verteidigen. Er will keine Jünger, die seine Ehre retten, indem sie andere verwunden. Er will seinen Weg gehen. Weil es der Weg des Vaters ist.  Für mich ist es wie ein Hinweis auf den Gebetskampf Jesu in Gethsemane, von dem Markus und Matthäus erzählen, wenn Jesus sagt: Soll ich den Kelch nicht trinken, den mir mein Vater gegeben hat? Von diesem Ringen Jesu im Gebet erzählt Johannes nicht. Nur hier klingt er an.  Aber es passt zu Johannes, dass er davon schweigt – geht doch Jesus in seiner Sicht den Weg seines Lebens (!) und der Passion mit dem tiefen Wissen: Das ist des Vaters Weg für die Welt, den ich auf mich nehme.

Seltsam genug: Es kommt auch nicht zur Anklage gegen Petrus: Widerstand gegen die Staatsgewalt. „An der Geschichte vom Schwertstreich des Petrus, deren Historizität nicht bestritten werden kann, ist immerhin merkwürdig, dass sie keine weiteren Konsequenzen gehabt und nicht zu seiner Festnahme geführt hat; sie konnte doch nicht unbemerkt bleiben.“ (J. Schneider, aaO.;, S. 294, Anm. 4) So tapfer treten Kommentare nur selten für die Historizität biblischer Geschichten ein!

 

Herr Jesus, in der Stunde der Nacht stehst Du vor Deinen Jüngern, stellst dich vor Deine Jünger. Ihr sucht mich – hier bin ich. Du verbirgst Dich nicht,  suchst nicht das Weite, entziehst Dich nicht

Und die Dich ergreifen, begreifen Dich doch nicht.

Das erschreckt mich, dass man vor Dir stehen kann, vor Dir erschrecken, berührt von Deiner Majestät und Dich doch nicht erkennt.

Wie oft habe ich Dich geahnt, Deine Gegenwart gespürt und bin doch auf meinen Wegen geblieben.

Herr, erbarme Dich. Amen