Auf dass sie eins seien

Johannes 17, 20 – 26

20 Ich bitte aber nicht allein für sie, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden,

            Der Blick weitet sich, weit über die Stunde des Abschiedes hinaus., Dieses Gebet Jesu nimmt die Gemeinde aller Zeiten mit hinein in die Fürbitte für den armen Jüngerhaufen am Vorabend der Kreuzigung. Wird gleich davon die Rede sein müssen, wie die Jünger sich n Sicherheit bringen, zerstreut, versprengt werden – hier kommt das andere zur Sprache: Durch ihr Wort werden Menschen zum Glauben an Jesus finden. Man könnte auch sagen: durch ihre Lehre. Λόγος meint kein Zufallswort, nichts so dahin Gesagtes. Es ist das Wort, das Jesus als das Wort Gottes (1,1) als das Fleisch gewordene Wort (1,14) bezeugt.

Und Jesus ist der Fürsprecher (1.Johannes 2,1) für die einen wie für die anderen – für die Jüngerinnen und Jünger, die jetzt bei ihm sind, und für die, die durch ihr Zeugnis für den Glauben gewonnen werden im Lauf der Zeit. „Wenn man übe die großen Kirchhöfe eurer Stadt geht und die Tausende und Zehntausende betrachtet, die hier liegen, Staub vom Staub, und wenn nun ein Stab sich zum anderen fügt und ein Grab an’s andre sich reiht, dann hat man nur den einen Trost, sonst müsste man ja vergehen oder in das helle Lachen eines Irrsinnigen ausbrechen, nur den einen Trost: „Ich bitte für sie.“ (H. Bezzel, aaO.; S.126)

               Darum heißt dieses Gebet Jesu zu Recht das „hohepriesterliche Gebet“, weil es uns ihn vor Augen stellt in dem, was er auch heute tut, unaufhörlich bis ans Ende der Zeit: Er vertritt uns. Er bittet für uns. Er legt sein gutes Wort ein für uns. Er ist der große Hohepriester  (Hebräer 4,14), von dessen Fürsprache wir alle leben.   

21 damit sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast. 22 Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, damit sie eins seien, wie wir eins sind, 23 ich in ihnen und du in mir, damit sie vollkommen eins seien und die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast und sie liebst, wie du mich liebst.

               Das ist das Leitwort dieser Gedanken: Damit sie eins seien, wie wir eins sind. Das Eins-Sein des Vaters mit dem Sohn spiegelt sich in dem Eins-Sein der Jünger aller Zeiten. Es macht keinen Unterschied, ob es die erste oder die 20. Generation der Christen ist – sie sind alle Gott gleich nah. Sie sind alle – über alle Grenzen hinweg – eins.

Zum Eins-Sein der Christen und Christinnen braucht es keine einheitlichen Riten, Gewänder, Sitten, Festkalender, keine uniformen Liederbücher und keine gleichförmigen Wortlaute in den Bekenntnissen. Zum Eins-Sein der Christen braucht es nur dies eine, dass sie eins sind in Gott, gebunden an den Vater und den Sohn durch den Geist.

Eins sein ist tiefer gegründet als einig sein. Einigkeit könnten wir vielleicht selbst herstellen. Einheit herzustellen durch Gleichförmigkeit ist die große Versuchung aller Zeiten, die das Neue Testament durch die Vielstimmigkeit seiner Zeugen schon ein wenig konterkariert. Eins-Sein aber ist Gottes Gabe, seine Wirklichkeit, in die er uns hinein stellt, hinein zieht. An diesem Eins-sein von Vater und Sohn, Sohn und Vater will Jesus der Gemeinde Anteil geben. Das ist ihr Lebensgrund.

Und wo das aufleuchtet, wird für die Welt die Wirklichkeit Jesu sichtbar, erkennbar. Da ist es auf einmal klar, dass Jesus für den Vater steht, dass er von ihm gesandt ist. Da wird dann auch sichtbar: So wie der Sohn sind die Jüngerinnen und Jünger Geliebte Gottes – geliebt in dieser Liebe, die aus dem Tod ins Leben ruft, die sich nicht schont, sondern alles schenkt und durchhält bis ans Ziel.

24 Vater, ich will, dass, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast, damit sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast; denn du hast mich geliebt, ehe der Grund der Welt gelegt war.

Das ist ein neuer Klang: „Ich will“ dem Vater gegenüber ist einmalig im Johannes-Evangelium. Sonst sagt Jesus immer: „Ich bitte“. Inhaltlich knüpft dieser Wille an frühere Aussagen an: „Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen, damit ihr seid, wo ich bin.“ (14,3) Neu ist, so könnte man, mit Rückgriff auf das „ich will“ Jesu, sagen: dass diese bleibende Gemeinschaft regelrecht gefordert wird!

Neu auch, dass damit das Ziel verbunden wird, damit sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast.  Ein Horizont wird eröffnet, der die Welt übersteigt: „Deutlich ist, dass für die Glaubenden ein Sein mit dem Offenbarer (= Jesus ) über den Tod hinaus erbeten und damit auch verheißen wird.“ (R. Bultmann, aaO.; S.399)

Markant ist auch die Zuspitzung: Die Herrlichkeit Jesu hat ihren Grund in der Liebe des Vaters. Von Anfang an. Vor der Grundlegung der Welt. Sie ist nicht erworben. Sie ist der Grund, auf dem er seinen Weg geht. Auch das ist schon ganz früh im Evangelium angedeutet: „Wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit“ (1,14). Es ist eine Eigentümlichkeit des Johannes-Evangeliums, dass Gedanken, Satzteile, Worte wie mit einem Netz über den ganzen Text gespannt werden. Das verstärkt den Eindruck: Ich lese in diesem Evangelium Jesus-Meditationen, die sich Schritt für Schritt voran tasten.

 25 Gerechter Vater, die Welt kennt dich nicht; ich aber kenne dich und diese haben erkannt, dass du mich gesandt hast. 26 Und ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun, damit die Liebe, mit der du mich liebst, in ihnen sei und ich in ihnen.

Es ist wie eine Zusammenfassung vieler Fäden: Die Blindheit der Welt für Gott. Das Kennen des Vaters, das Jesus hat und lebt. Die Offenbarung des Vaters an die Jünger durch Jesus. Und indem er den Jüngern den Vater zeigt, zieht er sie hinein in die Liebe – zwischen dem Vater und sich. Christsein – so könnte ich, mich lösend von diesem konkreten Wort, sagen – ist nichts anders als in die Liebe des Vaters zum Sohn hineingezogen zu werden. Anteil zu gewinnen an ihr durch die Zugehörigkeit zu Jesus.

Und, indem das geschieht, wohnt die Liebe in den Jüngern und mit der Liebe Jesus. Wohnt Jesus in ihnen und mit ihm die Liebe. Gewinnt Jesus Gestalt in ihnen. Indem sie seine Brüder und Schwestern werden.

 

Herr Jesus, wie gut, dass nicht wir die Einheit herstellen müssen. Wir würden die Einen überfordern, Andere bremsen, Dritten ihre Eigenart nehmen, alles aus der Angst, dass wir die Einheit verlieren und versäumen.

Wie gut, dass Du eins bist mit dem Vater und uns hinein nimmst in dieses Eins-sein, uns erlaubst, verschieden zu bleiben, bunt, eigentümlich und eigenartig, sonderbar

Und doch können wir eins sein untereinander im Beten zu Dir, im Glauben an Dich, in der Hoffnung auf Deine Herrlichkeit.

Wo dieses Eins-sein aufleuchtet, da öffnet sich der Horizont der Welt hin zu Deiner Herrlichkeit und Deiner Freude. Amen