Raum für das größere Leben

Johannes 17, 14 – 19

14 Ich habe ihnen dein Wort gegeben und die Welt hat sie gehasst; denn sie sind nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin.

            Es ist ein schreiender Gegensatz: die Jünger bergen sich in die Worte Jesu und diese Worte bringen ihnen gleichzeitig den Hass der Welt ein. Sie haben einen Halt in seinem Wort und dieser Halt macht sie der Welt fremd. Es ist das Wort Jesu, das sie der Welt entfremdet. Nicht irgendwelche sonderbaren und leicht antiquierten Riten. Nicht eine Sprache, die von gestern ist. Das Wort, aus dem sie leben trennt sie von der Welt. Wer aus den Kräften der Welt lebt, das Machtspiel mitspielt, die Werte der Welt verinnerlicht – der erfährt keine Feindschaft. Wer aber sich an das ihm gegebene Wort bindet, der gerät in Widerspruch und Widerstreit.

„Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“(Apostelgeschichte 5,29) Mit solchen Worten macht sich keiner Freunde, klingt das doch sehr nach begrenzter Loyalität und nach dem Vorbehalt, im Zweifelsfall aus der Reihe zu tanzen. „Die Torheit Gottes ist weiser, als die Menschen sind, und die Schwachheit Gottes ist stärker, als die Menschen sind.“(1. Korinther 1, 25) Wer so etwas sagt, stellt die Herrschaft der autonomen menschlichen Vernunft radikal in Frage. Freunde unter den Weisen der Welt macht man sich damit nicht.

Und, um nur einen Laster-Katalog zu zitieren: „Offenkundig sind aber die Werke des Fleisches, als da sind: Unzucht, Unreinheit, Ausschweifung, Götzendienst, Zauberei, Feindschaft, Hader, Eifersucht, Zorn, Zank, Zwietracht, Spaltungen, Neid, Saufen, Fressen und dergleichen. Davon habe ich euch vorausgesagt und sage noch einmal voraus: Die solches tun, werden das Reich Gottes nicht erben.“ (Galater 5, 19-21) Ist es nicht so: Das ist Alltagsmoral auf allen Ebenen, nicht nur zur Zeit des Paulus. Wer ernsthaft behauptet, dass unser Tun vor Gott gegen uns sprechen könnte und nicht gleichgültig ist – so wie die Liebe ja auch nicht gleichgültig ist – der muss sich heute schon Fragen gefallen lassen, an was für einen Gott er denn glaubt und ob Gott wirklich so engstirnig und antiquiert moralisch sein könnte, wie er tut.

Das alles gilt es, als Widerspruch der Welt, als ihre Distanz, als ihr überlegenes Kopfschütteln auszuhalten. Ich scheue mich, diese gegenwärtige Erfahrung Hass zu nennen, weiß aber, dass es auch heute Gegenden in der Welt gibt, in denen aus der Fremdheit der Christen in der Welt blanker Hass wird, der blutige Opfer fordert.

15 Ich bitte dich nicht, dass du sie aus der Welt nimmst, sondern dass du sie bewahrst vor dem Bösen. 16 Sie sind nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin.

                Das dürfen wir nie vergessen, nie überspringen: Der Ort der Gemeinde Jesu ist die Welt. Der Kosmus, κόσμος. Das Johannes-Evangelium hat keine negative Sicht von der Welt, ist sie doch die Schöpfung Gottes. Auch wenn sie sich dem Gesandten Gottes verweigert, ihn nicht aufnimmt, der in sein Eigentum  kommt (1,11). Diese Welt bleibt sein Eigentum!.

Die Gemeinde Jesu soll und darf darum nicht in einer heiligen Sonderwelt leben wollen. Sie soll sich der Welt nicht verweigern, sondern in ihr leben. Aber sie soll sich der Welt auch nicht gleichstellen. Das meint wohl die so missverständliche Formel von der „Entweltlichung“ Benedikts XVI. Sich nicht dem Regelwerk der Welt unterwerfen. Sich nicht der eigenen Freiheit berauben durch Anpassungen und Existenzängste.

Eine Zwischenbemerkung: Klöster und Communitäten sind der Versuch, das als Gemeinschaft in Lebenspraxis umzusetzen. Sie sind nie Flucht vor der Welt, sondern Einübung in ein gemeinschaftlich-widerständiges Leben.

Was Jesus für die Gemeinde erbittet, ist Bewahrung. Bewahrung und Bewährung. Das hängt ja so eng zusammen. Bewahrung vor dem Bösen ist nicht der Schutz vor allen Unheil.  Es ist die Bewahrung davor, sich irgendwann doch enttäuscht abzuwenden und abzusagen, sich zu ergeben in den Lauf der Welt und resigniert zu sagen: Das mit dem Glauben war nur ein schöner Traum. Bewahrung ist die Kraft, auch in allem Unheil festzuhalten am Glauben, sich zu bergen in der Liebe Gottes, seine Zuversicht nicht zu verlieren, dass Gott am Ende doch mit uns an sein Ziel kommt.

So wie Gott mit Jesus durch Kreuz und Auferstehung an sein Ziel kommt, so wird er auch mit uns an sein Ziel kommen. Warum? Nicht, weil wir so tapfer glauben, sondern weil wir durch den Glauben Anteil an seinem Sein gewinnen. Christsein ist mehr als eine irgendwie geartete religiöse Überzeugung zu haben. Es ist eine neue Existenz, ein Leben auf neuem Grund.  In der Welt, aber nicht von der Welt, eingewurzelt, „eingeleibt“ in Jesus Christus. Oder, wie Paulus es sagt: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ (2. Korinther 5,18)

Nebenbei: In dieser Bitte bewahre vor dem Bösen klingt das Vaterunser an, das im Johannes-Evangelium ja nicht wörtlich vorkommt.  Aber Anklänge gibt es doch, wie auch  in der anderen Bitte: „Erhalte sie in deinem Namen.“ (17,11) und in dem ständigen Suchen Jesu nach der Übereinstimmung mit dem Willen des Vaters.

17 Heilige sie in der Wahrheit; dein Wort ist die Wahrheit. 18 Wie du mich gesandt hast in die Welt, so sende ich sie auch in die Welt.

So, als in Jesus gegründete Gemeinde, die an ihm bleibt, steht sie der Welt gegenüber. Dass das so bleibt und nicht nur eine Augenblickserscheinung ist, darauf zielt die Bitte: Heilige sie in der Wahrheit. Es geht um die Beständigkeit des Glaubens, Um das Bleiben in der Wahrheit. Das Bleiben am Wort.  Mit dem Heiligen wird die Gemeinde zum Gegenüber zum Profanen, zur Welt. Sie ist abgegrenzt, auch ausgegrenzt, aber nicht eingeigelt. Sie ist Kontrastgesellschaft (N.Lohfink). Nicht, weil sie aus sich selbst heraus so anders wäre, sondern weil sie einen anderen Lebensgrund hat, Jesus.

Und sie hat, so gegründet, eine Aufgabe in der Welt. Sie setzt die Sendung des Sohnes fort. „Die Existenz der Gläubigen in der Welt ist nach johanneischem Verständnis durch die Sendung bestimmt. Die Mission ist der Beruf der johanneisch verstandenen Jünger schlechthin.“ (S. Schulz, aaO.;S. 217) Das ist die Bringschuld, die die Kirche in der Welt hat: Sie soll Zeuge sein in der Spur des Gesandten, Zeuge für die Liebe, die bis zum Äußersten geht.(13,1)

 19 Ich heilige mich selbst für sie, damit auch sie geheiligt seien in der Wahrheit.

Der Bitte Jesu um die Heiligung der Gemeinde korrespondiert sein: Ich heilige mich selbst für sie. Aus dem Zusammenhang heraus muss man wohl lesen: Ich gebe mich für sie. Ich opfere mich für sie. Hier taucht, was sonst selten genug im Johannes-Evangelium steht, υπέρ auf: für. Wir kennen das Wort aus den Abendmahlsworten: Für euch. „Jesus, der Heilige Gottes (6,69) erweist seine Heiligkeit darin, dass er sich für die Seinen opfert.“  (R. Bultmann, aaO.;, S. 391) Indem Jesus sich selbst gibt, stellt er seine Gemeinde hinein in seinen Lebensvollzug, seine Wahrheit. In sein Eins-sein mit dem Vater.

 

Herr Jesus, in der Welt, aber nicht von der Welt. Nahe bei den Menschen und doch unabhängig, solidarisch und doch nie angepasst. So willst Du unser Leben.

Dafür pflanzt Du uns ein in Dich, schließt uns an an Deine Kraft, verschwendest Deinen Geist in uns hinein.

Weil Du für uns bist, weil wir in Dir verwurzelt sind, können wir in der Welt leben und doch dem größeren Leben Raum geben in unserem Glauben und Reden, Tun und Lassen. Amen