Wovon ich lebe

Johannes 17, 6 – 13

6 Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. Sie waren dein und du hast sie mir gegeben, und sie haben dein Wort bewahrt.

            Menschen, die du mir gegeben hast. So sieht Jesus seine Leute an: Petrus mit seiner fehlenden Selbsteinschätzung, Philippus und Thomas mit ihren Fragen, Maria Magdalena mit ihrer zerrissenen Lebensgeschichte: Ich habe sie gerufen, mit ihrer Lebensgeschichte, mit ihren Brüchen, mit ihren Gaben, mit ihren Träumen und ihren Ängsten. Ich habe sie gerufen – aber der Vater hat sie gegeben. Und wenn sie weglaufen werden in dieser Nacht: Der Vater hat sie mir gegeben. Und wenn sie weinen werden über ihre Feigheit: Der Vater hat sie mir gegeben. Und wenn sie scheitern werden an ihrem kleinen Glauben: Aber der Vater hat sie mir gegeben. 

Warum? Dafür gibt es nur eine Begründung. Sie waren dein, von Anfang an dein, Eigentum Gottes. Geschöpfe Gottes, Kinder Gottes, von Ewigkeit her erwählt. Seit Beginn der Schöpfung steht das fest. In der Jüngerschaft wird nur sichtbar, was zuvor schon im Willen Gottes da war. Wenn man das Prädestination nennen will, so kann man das wohl tun. Aber der Ton liegt hier nicht auf Prädestinations-Überlegungen. Sondern es geht um die Tragkraft dieser Wahl – „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt“ (15,16) -, die aus der Ewigkeit kommt und in die Ewigkeit festhält. Die Wahl Jesu bringt nur die Wahl Gottes ans Licht.

Was haben sie von Jesus empfangen? Er hat ihnen den Namen des Vaters offenbart. Mit dem Namen den Vater selbst. Wer den Namen kennt, kann in Kontakt treten. Jesus hat ihnen – so sage ich es mit meinen Worten – Gott bekannt und zugänglich gemacht. Er hat für sie mit dem Namen den Weg zum Sternen-Thron frei gemacht, so dass sie ohne Furcht zu Gott kommen können. Alle Hindernisse weggeräumt. Alle Blindheit überwunden.

Einmal mehr hilft mir Paulus, Johannes zu verstehen:  „Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus; durch ihn haben wir auch den Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit, die Gott geben wird.“ (Römer 5, 1 -2) Der Quartiermeister Jesus (14, 1-3) hat den Weg ins Vaterhaus frei gemacht.

7 Nun wissen sie, dass alles, was du mir gegeben hast, von dir kommt. 8 Denn die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben, und sie haben sie angenommen und wahrhaftig erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin, und sie glauben, dass du mich gesandt hast.

Diese Wahl des Vaters ist nicht ins Leere gelaufen. Die er ihm aus der Welt gegeben hat, die haben in Jesus den erkannt, sich mit ihm verbunden, der der Gesandte Gottes ist. Ihnen sind die Augen aufgegangen, die Herzen erfüllt worden mit dem Wissen: Jesus ist der, der vom Vater kommt und uns zum Vater führt. Sie sehen in ihm nicht nur einen Boten Gottes, sondern Gott selbst auf ihrer Seite. „Wer mich seht, sieht den Vater (14,9) Das glauben sie wahrhaftig. αληθω̃ς. In Wahrheit. Als die Wahrheit, auf der ihr Leben gründet.   

9 Ich bitte für sie und bitte nicht für die Welt, sondern für die, die du mir gegeben hast; denn sie sind dein. 10 Und alles, was mein ist, das ist dein, und was dein ist, das ist mein; und ich bin in ihnen verherrlicht.

Hat Jesus bis hierhin seinen Weg, seinen Gehorsam ins Wort gefasst, so wechselt jetzt das Thema seines Betens immer mehr in Richtung „Fürbitte“. Gerade weil er nicht vergeblich an ihnen gehandelt hat, weil sie seinen Ruf gehört haben, weil sie ihn erkannt (17,7) haben, gerade darum bittet er für sie. Sie sind ja nicht nur seine Jüngerinnen und Jünger. Sie sind schon immer Gottes geliebte Leute, die Seinen (1,11) Weil sie ihn aufnahmen sind sie wirklich mitten in der Welt die Seinen. Und ihr Glauben lässt die Herrlichkeit Jesu aufleuchten.

Der Glanz Gottes, die Herrlichkeit Jesu zeigt sich nicht auf dem Gesicht von Engel-Wesen, sondern in der Existenz von Menschen. Von Menschen, die Fehler haben und Fehler machen, die langsam zum Verstehen sind und manchmal schnell zum Zorn, die angefochten sind und ihre Haut zu retten suchen. Und doch: Ich bin in ihnen verherrlicht. Von diesem Wort Jesu lebt der Satz, den Christen Sonntag für Sonntag sprechen: Ich glaube die heilige, christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen…..

11 Ich bin nicht mehr in der Welt; sie aber sind in der Welt, und ich komme zu dir. Heiliger Vater, erhalte sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, dass sie eins seien wie wir.

Diese seine Leute soll der Vater bewahren. Erhalten in seinem Namen. Ihnen zur Treue helfen im Gegenwind der Welt. Es ist gut, sich zu erinnern: Das sind Bitten unmittelbar vor  der Nacht, in der er verraten wird. Vor der Flucht der Jünger. Am Tag vor der Kreuzigung. Vor dem völligen Zusammenbruch all ihrer Hoffnungen. Die Jünger werden nicht einfach tapfer weiter machen, die Sache Jesu nicht fahren lassen. „Die Kirche schafft, erhält, trägt, schützt, heilt sich nicht selbst.“ (G. Voigt, aaO.; S.245) Sie lebt von der Fürbitte des Sohnes vor dem Vater, so wie sie hier in diesem Gebet beginnt und in der Zeit niemals endet.

12 Solange ich bei ihnen war, erhielt ich sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, und ich habe sie bewahrt, und keiner von ihnen ist verloren außer dem Sohn des Verderbens, damit die Schrift erfüllt werde.

                        Noch einmal wird es spürbar, wie sehr der Verrat des Judas schmerzt, auch Jesus schmerzt. Er ist nicht kühl einkalkuliert als Heilsnotwendigkeit. Wohl war: Sein Tun dient dazu, damit die Schrift erfüllt werde. Aber das ändert nichts daran: Er ist ein Verlust. Judas fehlt. Unersetzlich. Dieses Gebet überspringt den Schmerz Gottes nicht.

            Aber auch: ich habe keinen von ihnen verloren. Das ist der Blick Jesu auf sein Werk: Ich habe sie alle bewahrt. Dazu die Worte eines großen Bischofs: „Sein himmlischer Vater hat ihm alle Seelen, nicht bloß die Getauften ans Herz gelegt, alle, die Heidenwelt, Israel, das ganze, arme, abgestandene Christenleben, diese verzerrte Nachfolge, diesen Kirchentod und diese Kirchenlauheit, die Satten, die Sicheren, die im Bekenntnis Erstarrten, die Wortgläubigen, die Mundbekenner, die bequemen Märtyrer, die Salon-Christen. Er hat sie ihm alle anbefohlen, alle – und er verliert keinen, keinen.“ (Hermann Bezzel, Das Gebet Jesu für die Seinen, Hrsg. J. Rupprecht, München 1936, S.82)

Auch darin gilt: damit die Schrift erfüllt würde. Johannes hat nicht vergessen, was er als Wort Jesu aufgeschrieben hat: „Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ (3,16) Es geht Jesus – und damit Gott – wirklich um alle. „Alle, alle, alle!“ wie es bei Heinrich Schütz in einer seiner Motetten heißt.

13 Nun aber komme ich zu dir und rede dies in der Welt, damit meine Freude in ihnen vollkommen sei.

Und doch: Es gibt einen Weg über den Schmerz hinaus. Das Ziel des Betens Jesu ist die vollkommene Freude. Auch hier werden wieder frühere Worte aufgegriffen, so wie dieses ganze Gebet immer wieder zurückgreift auf früher schon einmal Gesagtes. „Das sage ich euch, damit meine Freude in euch bleibe und eure Freude vollkommen werde.“ (15,11) War das Wort zuerst ein Ruf in die Freude an die Jünger, so ist es jetzt eine Bitte, die den Vater sucht. Er mag es schenken, dass sich die Freude Jesu in seinen Jüngern erfüllt.

            In dir ist Freude in allem Leide, o du süßer Jesu Christ!
Durch dich wir haben himmlische Gaben, du der wahre Heiland bist;
hilfest von Schanden, rettest von Banden.
Wer dir vertrauet, hat wohl gebauet, wird ewig bleiben. Halleluja.
Zu deiner Güte steht unser G’müte, an dir wir kleben im Tod und Leben;
nichts kann uns scheiden. Halleluja.                C. Schneegass 1598, EG 398

 

Höher als alle Vernunft, stärker als alle Kraft, tiefer als alle Angst, reicht Deine Liebe, Jesus.

Und ich berge mich in sie, ohne sie zu begreifen. Ich suche sie, ohne ihr jemals entsprechen zu können. Ich spüre sie und bin doch zugleich so weit weg, sie zu fassen.

Es ist Deine Liebe, die mir den Himmel öffnet, mir die Angst vor dem ewigen Gott nimmt, mich sorglos werden lässt über mein Leben, ob es denn reichen wird, um vor Dir zu bestehen.

Es ist Deine Liebe, die keinen verloren gibt, mich auch nicht. Dafür danke ich Dir. Amen