Eine Einladung zum Lauschen

Johannes 17, 1 – 5

Früher, als Kind, habe ich manchmal gelauscht, wenn Vater und Mutter miteinander über uns Kinder geredet haben. Das war spannend. Und irgendwie habe ich mich dann gefreut, wenn ich vorkam, noch mehr, wenn es etwas Gutes über mich zu hören gab. Es war aber auch peinlich, beim Lauschen erwischt zu werden – es gab einen roten Kopf und tiefe Verlegenheit. Und irgendwann stellte sich dann auch das schlechte Gewissen ein: Lauschen gehört sich nicht.

Das 17. Kapitel des Johannes-Evangelium ist eine Einladung zum Lauschen. Ganz ohne schlechtes Gewissen. Wir hören hinein in das Gespräch Jesu mit seinem Vater. Es ist ein „innerliches“, Gespräch – in vielen Bibelausgaben mit der Überschrift „Das hohepriesterliche Gebet“ versehen. Das geht auf den Rostocker Theologen Chyträus (†1600) zurück.

Die Evangelien erzählen zwar öfters davon, dass Jesus wieder und wieder mit dem Vater spricht, dass er Nächte lang im Gebet zubringt. Aber sie sind sparsam in dem Erzählen, was der Inhalt dieser Gebete Jesu ist. So oft sie auch sagen, dass Jesus mit dem Vater redet, so selten sagen sie doch, was Jesus mit dem Vater redet. Hier aber, geformt in der Sprache des Johannes, hören wir dem Beter Jesus zu.

1 So redete Jesus und hob seine Augen auf zum Himmel und sprach:

            Der Weg neigt sich dem Ende zu. „Steht auf und lasst uns von hier weggehen.“ (14,31) hatte Jesus gesagt. Und jetzt, bereit zum Aufbruch sieht er auf zum Himmel. Er sieht nicht in das Dunkel der Nacht mit dem, was er sagt. „Zöllnerart ist es, das Auge zu senken, Kindesrecht ist es, das Auge zu erheben.Verlorenen Sohnes Weise ist es, die Augen niedergeschlagen zu haben, aber der geliebte Sohn kehrt heim mit dem Blick zur Heimat gerichtet.“ (Hermann Bezzel, Das Gebet Jesu für die Seinen, Hrsg. J. Rupprecht, München 1936, S.10) Jesus also sieht betend in den Himmel. Das ist mehr als nur ein Hinweis auf die äußere Gebetshaltung. Das Gebet Jesu wie sein ganzes Leben lebt aus diesem Blick in den Himmel, hat von daher seine Eigenart.    

Vater, die Stunde ist da: verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrliche; 2 denn du hast ihm Macht gegeben über alle Menschen, damit er das ewige Leben gebe allen, die du ihm gegeben hast.

            Jetzt ist die Zeit erfüllt. Die Stunde ist da. So oft zuvor hatte Jesus auf seine Stunde gewartet , nach ihr gefragt, sich dem Drängen der Menschen verweigert. Jetzt sieht er: Es ist so weit. Erfüllte Zeit. „Vater, verherrliche Deinen Namen“ (12,15) hatte er früher gebetet – jetzt bittet er: Verherrliche deinen Sohn. Kein Gegensatz: In der Herrlichkeit des Sohnes wird die Herrlichkeit Gottes aufleuchten.

Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit. (1,14) hatte Johannes im Prolog als sein Bekenntnis geschrieben. Die Herrlichkeit, um die Jesus hier bittet, leuchtet auf im Weg dessen, der durch Israel geht, sich Menschen zuwendet, heilt, tröstet, zurechtbringt. Es ist eine irdische Herrlichkeit, Fleisch geworden, menschlich – und darin göttlich.

Es ist zugleich eine machtvolle Herrlichkeit. Εξουσία, Macht, Vollmacht. Dieser irdische Jesus weiß um seine Macht. Er duckt sich nicht, macht sich nicht klein. Er wird ja auch im Prozeß vor Pilatus sehr aufrecht dastehen. Seine Macht aber ist nicht selbstbezogen. Sie dient anderen, damit er das ewige Leben gebe allen, die du ihm gegeben hast. Aus seinen Händen kommt die Gabe des ewigen Lebens, des gültigen Lebens, des Lebens, das bleibt im Wechsel der Zeiten. Nicht Vergabe irdischer Macht – die Gabe des ewigen Lebens ist sein Geben. Darin ist er herrlich, dass wir die Ewigkeit von ihm empfangen.

3 Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen.

Wie ein dogmatischer Lehrsatz mag es klingen – und ist doch mehr. Im Erkennen Gottes und im Erkennen des Sohnes – für Johannes fällt immer beides in eins – gewinnen die Glaubenden die Ewigkeit. Nicht ein Lehrsatz, sondern ein Lebens-Satz. „Dass das Erkennen Anerkennen bedeutet, versteht sich von selbst.“ (R. Bultmann, aaO.; S.378)  So lapidar urteilt der große Exeget. Jesus als den Christus erkennen ist der Schritt ins Leben, in die Wirklichkeit, die sich vor den Augen der Glaubenden öffnet.

„Beziehung“ sage ich und spüre: Zu wenig. Hingabe – und spüre: zu wenig.Es ist ein großes Stottern. Erkennen ist alles –  sich hingeben, öffnen, schenken, fallen lassen. Ich in dir – du in mir. Vielleicht ist es so, dass hier nur die Sprache der Mystiker sich noch ein wenig annähern kann, die Sprache der Liebe.

Ich will dich lieben, meine Stärke, ich will dich lieben, meine Zier;
ich will dich lieben mit dem Werke und immerwährender Begier!
Ich will dich lieben, schönstes Licht, bis mir das Herze bricht.                                                J. Scheffler (Angelus Silesius) 1657, EG 400

4 Ich habe dich verherrlicht auf Erden und das Werk vollendet, das du mir gegeben hast, damit ich es tue. 5 Und nun, Vater, verherrliche du mich bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war.

            Mit diesen Worten unterstellt sich Jesus dem Urteil des Vaters: Ich habe deinen Willen erfüllt. Ich habe nichts gesucht auf dem Weg meines Lebens, als Dir die zu gewinnen, die du mir gegeben hast.(17,6) Sein Wirken ist einzig und allein: Die Herrlichkeit des Vaters suchen. Darum ist seine Bitte auch nichts anderes als dass diese Herrlichkeit nun an ihm aufleuchten möge. Und darin deutlich wird: Das war vor aller Zeit, ehe die Welt war, schon so. Jesus und der Vater sind eins in ihrer Herrlichkeit. Und darin ist die Bitte begründet: Bringe mich an Dein Ziel.

Es ist schon hier ein Bogen, der Himmel und Erde, Welt und Vollendung, Zeit und Ewigkeit zusammen spannt. Der „Seher“ Johannes sieht den irdischen Jesus und sieht zugleich immer mehr, den Sohn des Vaters, den Fleischgewordenen, den aus der Ewigkeit Gekommenen, der uns den Weg in die Ewigkeit öffnet.

 

Jesus, davon lebe ich, dass Du mich erkannt hast, beim Namen gerufen, Deine Hand auf mich gelegt hast und mich festhältst

Davon lebt mein Glauben, dass ich auf Dich schaue, Deine Worte aufnehme, Dein Tun sehe, Dir vertrauen lerne

In Dir leuchtet mir die Herrlichkeit Gottes auf. Amen