Was genügt

Johannes 16, 12 – 15

12 Ich habe euch noch viel zu sagen; aber ihr könnt es jetzt nicht ertragen.

Es ist noch nicht alles gesagt. Es wäre noch viel zu sagen. Später wird Johannes schreiben: es gäbe noch viele andere Dinge zu erzählen, die Jesus getan hat.“ (21,25) Es liegt dem Johannes-Evangelium nicht an Vollständigkeit. Den Grund liefert das Wort Jesu: Das würde die Jünger überfordern. Es gibt auch ein zu viel an guten Worten und an Wissen, auch an geistlichem Wissen. Es mag gute Gründe haben, dass Gott sich manches vorbehalten hat aus seinem Plan, und wir nicht alles wissen. Schon den Tag unseres Todes Jahre voraus zu kennen würde doch unser Leben unter schier unerträglichen Druck setzen.

13 Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird, wird er euch in alle Wahrheit leiten.

            Ist es nur jetzt noch nicht? Fast klingt es so. Der Geist der Wahrheit deckt die Wahrheit auf. Alle Wahrheit übersetzt Luther. Die ganze Wahrheit kann man auch übersetzen. Umfassend, so dass ihr leben könnt. Das steckt ja wohl hinter diesem Satz – nicht ein Wissen  um des Wissens willen, schon gar keine Theorie-Kenntnis. Tragfähige Wahrheit. „Ich lebe und ihr sollt auch leben. (14,19)  hat Jesus zu seinen Jüngern gesagt. Und der Geist wird sie so leiten, dass sie Schritte des Lebens tun können. Mitten in einer Welt, die den Todesgeruch an sich trägt.

Die ganze Wahrheit zum Leben: „Wer mich sieht, sieht den Vater.“ (14,9) – „Meinen Frieden gebe ich euch.“ (14,27) – „Ich will wiederkommen und euch zu mir nehmen, damit ihr seid, wo ich bin.“ (14,3) Die ganze Wahrheit ist eine Wahrheit, die Jesus verherrlicht (12,28), die uns vor Augen stellt, was wir an ihm haben,   

Denn er wird nicht aus sich selber reden; sondern was er hören wird, das wird er reden, und was zukünftig ist, wird er euch verkündigen. 14 Er wird mich verherrlichen; denn von dem Meinen wird er’s nehmen und euch verkündigen.

            Es gibt für den Geist der Wahrheit  nur ein Thema: Jesus. Der Geist selbst ist kein Thema. Das hat christliche Theologie manchmal so wörtlich genommen, dass man sie der Geistvergessenheit beschuldigen konnte. Wahr ist aber, dass der Geist den Namen Jesus groß macht, dass er das Sprachrohr Gottes auf Erden ist. In allem, ob es das Verstehen der Vergangenheit, der Durchblick durch die Gegenwart und der Ausblick in die Zukunft ist,  bindet der Geist sich selbst und uns an Jesus. Er erinnert uns an Jesus. Indem er unser Inneres mit ihm erfüllt.

Ich beobachte im Augenblick eine theologische Debatte: Welchen normativen Vorsprung haben biblische Texte, die doch nur „Gotteserfahrungen“ widerspiegeln, vor den Gotteserfahrungen heute? Im Resultat steht häufig da: Keine. Johannes widerspricht: Alle Erfahrung des Geistes kennt nur ein Thema: Jesus. An ihm misst sich, ob wir Gott erfahren oder irgendeiner Chimäre folgen. An ihm, dem Fleischgewordenen. An seinen Worten, seinen Taten.

15 Alles, was der Vater hat, das ist mein. Darum habe ich gesagt: Er wird’s von dem Meinen nehmen und euch verkündigen.

Liest man diese Worte, so ist es schwer zu verstehen, dass es über der Frage nach der Sendung des Geistes zum Schisma, zur Kirchentrennung kommen konnte. Der Geist geht vom Vater und von Sohn aus. So bekennt es der Westen mit der Formel: „et in Spiritum Sanctum, Dominum vivificantem, qui ex Patre Filioque procedit“ Damit waren orthodoxe Kreise (und Greise) des Ostens nicht einverstanden. Hörten sie doch darin eine Minderung der Ehre des Vaters, eine Gleichstellung von Vater und Sohn und sie glaubten den Sohn  dem Vater unterstellt. Subordination.

Ich lese Johannes: Alles, was der Vater hat, das ist mein. Da wird dem Vater nichts genommen. Da wird der Sohn nicht überhöht. Vielmehr ist es gerade so: Weil der Vater dem Sohn in allem Anteil gibt, darum hat der Geist kein anderes Thema als Jesus.

Ein letzter Gedanke kommt mir beim Lesen, der am Erzählen Jesu im Lukas-Evangelium anknüpft: Da erzählt Jesus, dass der Vater sagt: „Mein Sohn, du bist allezeit bei mir und alles, was mein ist, das ist dein.“(Lukas 15,31) So kühn kann wohl nur reden, wer wirklich völlig aus der Einheit mit dem Vater lebt und redet. In diese Einheit will uns der Geist führen – als Söhne und Töchter Gottes.

 

Herr Jesus, Du gibst uns, was wir brauchen für den Weg heute. Du gibst uns, was uns stark werden lässt, die Herausforderungen des Tages anzunehmen. Du gibst uns Deinen Geist.

Du sagst uns zu, dass Du uns nahe bist, Dein Geist uns leitet, dass wir in Dir den Halt haben, der uns hält, die Fülle, aus der wir leben können. Das genügt. Amen