Platz frei für den Tröster

Johannes 16, 5 – 11

5 Jetzt aber gehe ich hin zu dem, der mich gesandt hat; und niemand von euch fragt mich: Wo gehst du hin? 6 Doch weil ich das zu euch geredet habe, ist euer Herz voll Trauer.

Johannes hat keine Himmelfahrt-Geschichte. Ich glaube, dass er sie nicht braucht, weil er so unüberbietbar deutlich vom Weg Jesu redet, der die Welt übersteigt. Ich gehe hin zu dem, der mich gesandt hat. Das sagt er vor der Passion, vor Kreuz und Auferstehung. Damit wird dieser Weg vor ihm von ihm als Heimweg gekennzeichnet. Er ist nicht der Weg in die Gottesferne – so „lesen“ Matthäus (27,46) und Markus (15,39) das Kreuz. Hier: Es ist der Weg zu dem, der mich gesandt hat.

Aber auch jetzt noch verstehen die Jünger nicht. Und sie fragen nicht, weil sie nicht verstehen. Sie hören nur „Abschied“. Sie hören nicht „Heimweg“. Sie hören nicht „Wegbereitung“. Sie sind gefangen im engen Kreis der Welt, des Kosmos Erde. Weil sie nur dieses Weggehen hören, sind sie voller Traurigkeit. Das zeigt etwas von ihrer Verbundenheit mit Jesus, aber zugleich auch von ihrer engen Sicht.

7 Aber ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, will ich ihn zu euch senden.

Das Weggehen Jesus macht den Platz frei für den Tröster. Es ist auch anderswo in den Evangelien der ähnliche Gedanke zu finden: Erst das Zurückgeben des Geistes Jesu in die Hände des Vaters (Lukas 23,46) macht die Gabe des Geistes an die Jünger möglich. Erst wenn Jesus an der Seite des Vaters ist, kann er mit ihm den Geist senden.

Tausendfache Analogie im Alltag unseres Lebens: Wenn alle Plätze besetzt sind, muss einer aufstehen und gehen, damit andere ihren Platz finden können. Und wie oft ist es ein quälender Prozess, dass Leute auf ihrem Platz festsitzen, ihn nicht räumen wollen und so verhindern, dass Neues werden kann. Jesus jedenfalls will dem Geist nicht im Weg stehen. Er macht durch sein Gehen den Weg frei für das Kommen des Geistes. Er selbst wird ihn senden.

 8 Und wenn er kommt, wird er der Welt die Augen auftun über die Sünde und über die Gerechtigkeit und über das Gericht; 9 über die Sünde: dass sie nicht an mich glauben; 10 über die Gerechtigkeit: dass ich zum Vater gehe und ihr mich hinfort nicht seht; 11 über das Gericht: dass der Fürst dieser Welt gerichtet ist.

Der Geist hat nicht nur die eine Aufgabe an den Jüngern, sie mutig und sprachfähig zu machen. Der Geist hat auch eine Aufgabe an der Welt, dem Kosmos. Er beendet die Blindheit der Welt, weil er ihr die Augen auftun wird. In den alten Übersetzungen steht: Er wird die Welt strafen. ελέγχει  hat die Grundbedeutung „ans Licht bringen, aufdecken“. „Strafen“ geht also zu weit. Es wird offenbar, was bis dahin nicht zu erkennen war, weil es verhüllt war. Lukas nennt das gerne „Unwissenheit“ (Apostelgeschichte 3, 17) und entschuldigt damit für diese Zeit der Unwissenheit den Unglauben. Aber auch bei Lukas ist es so, dass durch die Predigt des Evangeliums die Zeit der Unwissenheit vorbei ist. Es gibt keine Entschuldigung mehr für den Unglauben.

So auch hier. Durch die Gabe des Geist sind die Augen aufgetan: Sie werden als Sünde erkennen, dass sie nicht an mich glauben. Vorher mag alles Mögliche als Sünde, αμαρτία,  als Zielverfehlung, gegolten haben – der Verstoß gegen Gesetze, die moralische Verfehlung, der Ungehorsam gegen die Wegweisungen Gottes. Jetzt ist Sünde verdichtet in ein einziges: dass sie nicht an mich glauben. „Sünde ist also nicht jeweils eine einzelne schreckliche Tat, sei es auch die Kreuzigung Jesu als solche; Sünde ist überhaupt nicht eine moralische Verfehlung als solche, sondern der Unglaube gegen den Offenbarer“, gegen Jesus. (R. Bultmann, aaO.; S.434)

            Wahrscheinlich muss man deshalb auch sagen: Sünder sind nicht unmoralisch, sie können ethisch absolut hochstehend sein, aber sie leiden an einer Beziehungsstörung. Sie vertrauen sich nicht Jesus an. Sünde ist nicht Unmoral. Sie ist Unglaube.

                Auch die Gerechtigkeit, δικαιοσύνη, wird durch das Kommen des Geistes neu bestimmt. Sie lebt nicht mehr aus Rechtssätzen und dem Halten der Gebote. Jesus hat den Weg zum Vater frei gemacht durch sein Vorangehen. Das ist seine Gerechtigkeit, dass er uns dem Vater recht macht, uns vor dem Vater vertritt (Römer 9,34). uns sein Erbarmen zueignet.  Diese Gerechtigkeit „ist völlige Freiheit vom Urteil und von der Macht der Welt.“ (R. Bultmann, aaO.;, S. 435) Das gilt uns als die uns zugeeignete Gerechtigkeit. Aber sie zeigt sich auch darin, dass Jesus in Zukunft dem Zugriff der Welt entzogen sein wird –  trotz der bevorstehenden Passion – denn für sie gilt erst recht mit der Grablegung, was den Jüngern gesagt ist: dass ihr mich hinfort nicht seht.

Mir scheint, als habe Paulus diese knappe Wendung im Johannesevangelium gedanklich vorweg genommen und auch vorgeformt: „Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus; durch ihn haben wir auch den Zugang zu dieser Gnade“(Römer 5, 1-2)

               Und schließlich das Gericht: Konnte der Hohe Rat und konnten die Römer noch glauben, dass sie am Kreuz das Gericht über Jesus vollstreckt hätten und dass der Fall Jesus damit abgeschlossen sei, so wird jetzt alles anders. In diesem Gericht am Kreuz ist der Fürst der Welt gerichtet worden. Der am Kreuz Gerichtete ist in Wahrheit der Richter und sein Gericht ist Gnade für die Welt.

 

Komm, Heiliger Geist, öffne uns die Augen, dass wir die Wirklichkeit Gottes sehen.

Wir sind dazu bestimmt, bei ihm zu sein. Uns ist der Weg zu ihm geöffnet durch Jesus, aus lauter Güte und Erbarmen.

Wir sind Gott recht. Wir müssen kein Gericht mehr fürchten, weil das Gericht vollzogen ist, ein für allemal am Kreuz – und wir sind frei.

Öffne Du uns dafür die Augen. Amen