Jesus hat keinen Rosengarten versprochen

Johannes 15, 26 – 16,4

26 Wenn aber der Tröster kommen wird, den ich euch senden werde vom Vater, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, der wird Zeugnis geben von mir. 27 Und auch ihr seid meine Zeugen, denn ihr seid von Anfang an bei mir gewesen.

            Mir will es wie eine Antwort erscheinen auf die Fremdheit von der Welt, auf den Hass der Welt: Der Tröster wird kommen. Das ist das Versprechen Jesu. In eine Welt, die sich von ihm absondert, sendet er mit dem Vater, durch den Vater den Geist. Tröster und Beistand, Fürsprecher und Rückenwind. Der das Zeugnis vorsagt, so dass es die Jünger nachsagen. Der vorspricht, damit sie nachsprechen.

Diese Doppelung ist kein Zufall. Sie ist sachlich begründet. Der Geist redet durch das Zeugnis der Jünger und er befähigt zum Zeugnis. Das Zeugnis des Geists dispensiert nicht von der Verantwortung für das eigene Reden, sondern es setzt es regelrecht in Bewegung. Und gibt ihm Kraft. Vollmacht.

Das ist das Versprechen Jesu an die Jünger. Sie sind seine Zeugen, denn ihr seid von Anfang an bei mir gewesen. Kommentare heben gerne darauf ab, dass dieses Zeugnis mehr ist als „ein historischer Bericht von dem, was war“(R. Bultmann, aaO.;, S. 427) Mir dagegen fällt Lukas ein, der erzählt, was für die Nachwahl des Judas-Ersatzes wichtig ist: „So muss nun einer von diesen Männern, die bei uns gewesen sind die ganze Zeit über, als der Herr Jesus unter uns ein und aus gegangen ist, von der Taufe des Johannes an bis zu dem Tag, an dem er von uns genommen wurde -, mit uns Zeuge seiner Auferstehung werden.“ (Apostelgeschichte 1,21-22) Dafür stehen  die Zeugen Jesu, dass sie von seinem Weg erzählen, dass sie ihn bezeugen als den, der den Weg Gottes gegangen ist und den Gott nicht in den Toten gelassen hat. Das ist gewiss mehr als nur ein historischer Bericht. Aber es nimmt zugleich ernst, dass da auch ein Weg erzählt wird, der irdische Spuren hinterlassen hat.   

Eine letzte Beobachtung, die den deutschen Text korrigiert. Wörtlich steht da: Ihr seid von Anfang an bei mir. Ohne gewesen. Präsenz. Nicht Vergangenheit. Das Zeugnis lebt von dem gegenwärtigen Herrn. Es ist nie nur Erinnerung. Es ist auch Erinnerung, aber eben Erinnerung an die Gegenwart. Schlicht gesagt: Weil Jesus lebt, reden die Christen von ihm. Weil sie ihn erfahren, gegenwärtig im eigenen Leben, können sie nicht von ihm schweigen. Und der Geist schenkt den Mut zu solchem Reden.

16, 1 Das habe ich zu euch geredet, damit ihr nicht abfallt.

Es ist oft so: Wenn ich weiß, was auf mich zukommt, kann ich mich darauf einstellen. Darum bereitet Jesus seine Jünger vor, damit ihr nicht Ärgernis an mir nehmt. So kann man das griechische Wort σκανδαλισθη̃τε auch übersetzen. Das gleiche Wort steht in der Antwort Jesu an den Täufer Johannes: „Selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.“ (Matthäus 11, 6) Davor will Jesus die Jünger bewahren, dass sie sich abwendet von ihm, um sich die Abwendung von Menschen zu ersparen – und damit die „Seligkeit“ verspielen, die Verbindung zu ihm..

2 Sie werden euch aus der Synagoge ausstoßen. Es kommt aber die Zeit, dass, wer euch tötet, meinen wird, er tue Gott einen Dienst damit.

Ausblick nach vorne oder Blick in die Gegenwart, in der Johannes sein Evangelium schreibt? Die Gemeinde des Johannes erlebt wohl diesen Prozess, dass sie in der Synagoge keine Heimat mehr findet, dass sie ausgeschlossen und ausgestoßen ist. „Seit etwa 90 (n. Chr.) wandte die Synagoge den „großen Bann“ an, den völligen Ausschluss aus der synagogalen Gemeinde; das traf die Judenchristen hart.“ (G. Voigt, aaO.; S.232)

               Damit verloren sie ja auch den Schutz, den der jüdische Glaube als „religio licita“, als „erlaubte Religion“ im römischen Reich hatte. Sie waren Sektierer, auf allen Seiten unerwünscht und misstrauisch beäugt. Und von diesem Misstrauen ist es ein winziger Schritt zur Verfolgung, die das Leben kosten kann. Zur Zeit des Kaiser Domitian ( 81 – 96) gibt es in Kleinasien Christenverfolgungen, die blutig enden, im Zirkus, in der Hinrichtung.

Dabei haben die Verfolger ein gutes Gewissen, glauben sie sich doch nicht nur im Recht, sondern als solche, die den Willen Gottes erfüllen. Hinrichtung als Gottesdienst. Vernichtung der Ungläubigen als Gottesdienst. Die Selbstmordanschläge irgendwelcher Islamisten heutzutage haben hier schreckliche Vorläufer. Solche Untaten „um Gottes willen“ sind nicht auf eine Religion beschränkt. Immer, wenn Religion gewalttätig wird, glaubt, den Willen Gottes mit Gewalt durchsetzen zu dürfen oder gar zu müssen, dann drohen solche Blutbäder.

„Im Namen Gottes zu töten – das ist die wohl größte Tragik des religiösen Menschen und seine gefährlichste und grausamste Wahnidee, die wie ein Schatten alle Phasen der Menschheits- und auch Kirchengeschichte begleitet hat!“ (S. Schulz, aaO.;S. 202) Es braucht geistliche Klarheit, um hier zu widerstehen. Sie hat in der Geschichte der Kirchen zu oft gefehlt.

3 Und das werden sie darum tun, weil sie weder meinen Vater noch mich erkennen.

Jesus aber lässt keinen Zweifel. Wer so handelt, kennt weder mich noch den Vater. Wer so handelt, kann sich nicht auf den Gott berufen, der die Welt so sehr liebt, dass er seinen eingeborenen Sohn für sie gibt (3,16). Wer so handelt, ist blind für die Liebe Gottes, die Menschen sucht.

Es ist gut, dass hier nicht steht: die Juden. Oder: die Römer. Oder… Wo immer Menschen andere töten um des Glaubens willen, haben sie den Vater aus den Augen verloren.  Das gilt für Kreuzzüge, Ketzerverbrennungen, Hexenprozesse, Selbstmordanschläge. Auch wenn es Prediger gegeben hat, die das alles „um des Kreuzes und um Christi willen“ forciert haben – es ist eine große Gottesblindheit, die sich da austobt.

4 Aber dies habe ich zu euch geredet, damit, wenn ihre Stunde kommen wird, ihr daran denkt, dass ich’s euch gesagt habe.

Das sind Worte zur Vorbereitung. So sind sie wohl auch gelesen worden. Und so sollen sie über alle Zeiten hinweg gelesen werden. Jesus hat seiner Gemeinde nie einen irdischen Rosengarten versprochen. Er hat es nicht verschwiegen, dass der Weg mit ihm ein Weg im Gegenwind ist. Er hat sie immer vorbereitet. In den synoptischen Evangelien nimmt diese Vorbereitung auf den Widerspruch der Umwelt oft breiten Raum ein. Es ist ja die Wirklichkeit der ersten Gemeinde bis ins 3. Jahrhundert hinein, dass sie Repressalien ausgesetzt ist, dass das Einstehen für den Glauben das Leben kosten kann.

Zu Anfang aber habe ich es euch nicht gesagt, denn ich war bei euch.

Fast hört es sich wie eine Entschuldigung an. Aber es ist keine Entschuldigung, nur eine Erklärung. Jesus hat die Jünger nicht unter falschen Versprechungen auf den Weg des Glaubens gelockt. Nur so viel: Solange er leibhaftig, sichtbar unter ihnen ist, solange ist „Hochzeit“(Markus 2,19) Für diese Zeit braucht es die Warnungen nicht. Erst für die Zeit ohne den sichtbaren Herren in der Mitte ist die Vorbereitung not-wendig.

 

Wie gut, Herr Jesus, dass Du uns nicht alleine lässt. Du gibst uns Deinen Geist, Weggeleit durch die Zeit, Beistand in der Angst, Festigkeit im Zeugnis, Zuversicht über alle Bedrängnis hinaus.

Du hast Deine Gemeinde geleitet durch die Zeiten, damit wir uns nicht verirren, nicht unsere eigenen Wege gehen, Dich verlieren, uns abwenden von Dir, weil wir anderen mehr trauen.

Dein Geist öffne uns die Augen für Dich, für den Vater und mache uns treu. Amen