Widerspruch aushalten

Johannes 15, 18 – 25

18 Wenn euch die Welt hasst, so wisst, dass sie mich vor euch gehasst hat. 19 Wäret ihr von der Welt, so hätte die Welt das Ihre lieb. Weil ihr aber nicht von der Welt seid, sondern ich euch aus der Welt erwählt habe, darum hasst euch die Welt.

Das mag ein Wechsel sein. Ist das Wesen der Jüngerschaft Liebe, so ist das Wesen der Welt Hass – Hass auch auf die Jünger. Ihnen widerfährt, was Jesus widerfahren ist: „Er kam in sein Eigentum, und die Seinen nahmen ihn nicht auf.“ (1,11) Dabei ist die Welt durchaus liebesfähig – sie liebt, was ist wie sie selbst. Aber sie liebt dieses Fremde, diesen Fremden und mit ihm diese Fremden nicht. Das wird ja später sogar eine Benennung der Christen: „An die auserwählten Fremdlinge“ (1.Petrus 1,1) Dass sie zu Christus gehören, das macht die Christen weltfremd, entfremdet sie der Welt. Das ist aber, so gewendet, nicht gleichzusetzen mit lebensuntüchtig oder gar lebensuntauglich. Nur: Sie sind von anderer Art.

20 Gedenkt an das Wort, das ich euch gesagt habe: Der Knecht ist nicht größer als sein Herr. Haben sie mich verfolgt, so werden sie euch auch verfolgen; haben sie mein Wort gehalten, so werden sie eures auch halten.

            Schicksalsgemeinschaft. Eintreten in die Jüngerschaft verbindet auch in der Weise mit Jesus, dass den Jüngern widerfährt, was er erleidet. Das hat sich in den ersten Jahrhunderten der Christenheit ja an vielen buchstäblich erfüllt. Sie haben Verfolgung erlitten. Sie sind dahin gegeben worden in den Tod – um Jesu willen.

Dies hat Jesus ja zuvor schon den Jüngern angesagt. Das Wort aus der Fußwaschung (13,16) wird hier aufgegriffen, aber verändert. Dort ist es Einweisung in die Lebenspraxis der Hingabe: Wenn der Herr dient, wie viel mehr die Jünger. Hier ist es die Voraussage: Ihr werdet erfahren, was auch ich erfahren habe. Seid also nicht erstaunt, dass euch das geschieht. „Aus Wesensverbundenheit folgt Schicksalsgemeinschaft“ (R. Bultmann, aaO.;, S.424) Einem Christentum, dass in der Steigerung der äußeren Lebensqualität seinen Wahrheitserweis sieht, redet Johannes jedenfalls nicht das Wort.   

Aber umgekehrt gilt auch: Wo das Wort Jesu aufgenommen worden ist, wo es gehalten wird, da finden auch die Jünger Gehör, da werden auch sie aufgenommen. Eines der schönsten Beispiele ist Lydia, die erste Christin in Europa. „Der tat der Herr das Herz auf… Als sie aber mit ihrem Hause getauft war, bat sie uns und sprach: Wenn ihr anerkennt, dass ich an den Herrn glaube, so kommt in mein Haus und bleibt da. Und sie nötigte uns“(Apostelgeschichte 16,14.15) Es ist die Erfahrung der ersten Gemeinde: Wo es zum Hören des Wortes Jesu in den Worten der Boten kommt, da entsteht ein anderes Hören auch auf die Worte der Boten.

21 Aber das alles werden sie euch tun um meines Namens willen; denn sie kennen den nicht, der mich gesandt hat.

            „Der Grund für diesen Hass wird aufgedeckt: Es ist die völlige Unkenntnis Gottes, des Vaters des Gesandten.“(S. Schulz, aaO.;S.201) Weil sie Jesus nicht als den Gesandten erkennen, kennen sie auch Gott nicht.  Das sind Sätze, die an frühere Worte Jesu erinnern: „Der Vater, der mich gesandt hat, hat von mir Zeugnis gegeben. Ihr habt niemals seine Stimme gehört noch seine Gestalt gesehen und sein Wort habt ihr nicht in euch wohnen,; denn ihr glaubt dem nicht, den er gesandt hat.“(6,37.38) Man muss es sich wohl ehrlicherweise eingestehen: Mit Johannes ist eine Verständigung über einen „allgemeinen Gottesglauben“ – „wir glauben doch alle an einen Gott“ –  nicht zu haben. Bei ihm ist die Erkenntnis Gottes streng an den Glauben an den Sohn Jesus gebunden.

22 Wenn ich nicht gekommen wäre und hätte es ihnen gesagt, so hätten sie keine Sünde; nun aber können sie nichts vorwenden, um ihre Sünde zu entschuldigen. 23 Wer mich hasst, der hasst auch meinen Vater. 24 Hätte ich nicht die Werke getan unter ihnen, die kein anderer getan hat, so hätten sie keine Sünde. Nun aber haben sie es gesehen, und doch hassen sie mich und meinen Vater.

Die Überlegung wird fortgesetzt. Erst mit dem Auftreten Jesu wird die Blindheit als Sünde unentschuldbar. Wer ihn vor Augen hat, der hat keine Ausrede mehr. Er hat ja in ihm  das Bild des Vaters vor Augen. Wer seine Werke sieht, der sieht ja Zeichen, die auf den Vater hinweisen. „Die Welt müsste sich gegen Jesus Christus nicht sperren, aber sie tut es….Jesu Wort fordert nicht nur Antwort, es eröffnet auch die Chance zu neuem Leben. Wer es nicht hören und annehmen will, dem ist nicht zu helfen.“  (G. Voigt, aaO.; S. 234)

25 Aber es muss das Wort erfüllt werden, das in ihrem Gesetz geschrieben steht: »Sie hassen mich ohne Grund« (Psalm 69,5).

Bleibt wieder der Hinweis, dass das längst zuvor gesehen ist, angesagt in ihrem Gesetz. Hier darf ich wohl die Auseinandersetzung mit der Synagoge hören, in die die Gemeinde des Johannes geraten ist. Es ist nicht mehr das Gesetz, schon gar nicht unser Gebot (15,12). Es ist ihr Gesetz., Umso schlimmer. Das Wort, auf das sie sich berufen, stellt sich gegen sie.

Es ist eine Argumentation, die auf einer Linie liegt mit früheren Worten Jesu: „Ihr sucht in der Schrift, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin; und sie ist’s, die von mir zeugt; aber ihr wollt nicht zu mir kommen, dass ihr das Leben hättet.“(6, 39.40) Das sind harte Anklagen, vielleicht in ihrer Schärfe verständlich aus der Situation der Konfrontation zwischen jüdischer Muttergemeinde und christlicher „Tochter“. Uns bleibt die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Wahrheitsanspruch dieser Worte durch solche Hinweise aber nicht erspart.

 

Herr Jesus, in unserem Land erfahren wir keinen Hass um Deinetwillen. Allenfalls Achselzucken, Gleichgültigkeit, Abwinken.

Aber das erfahren wir auch, dass Deine Maßstäbe in Konflikte führen mit den Maßstäben, die sonst so angelegt werden, wenn es um den Wert des Lebens geht, um das Recht, den eigenen Tod zu bestimmen, wenn es um die Macht gehtund ob wir alles dürfen, was wir können

So sind wir der Welt doch ein wenig fremd  und müssen lernen, vor dieser Fremdheit nicht zu erschrecken, weil sie aus der Nähe zu Dir erwächst. Amen