Das alte Gebot – neu

  1. Johannes 2, 7 – 11

7 Meine Lieben, ich schreibe euch nicht ein neues Gebot, sondern das alte Gebot, das ihr von Anfang an gehabt habt. Das alte Gebot ist das Wort, das ihr gehört habt.

             Spielt Johannes hier mit dem Wissen der Gemeinde? Das Wort vom neuen Gebot ist ein Grundwort der Gemeinde. „Die Vermittlung des Liebesgebotes gehört zu den grundlegenden Dingen, die in der Taufkatechese (=Taufunterweisung) der johanneischen Gemeinde nicht fehlen durften.“ (H-J. Klauck, aaO. S. 121) In der Liebe zueinander zeigt sich in Wahrheit der Glauben. Es ist ein Wort, das sie gelernt haben und insofern ein altes Gebot. Ein vertrautes Wort.

Es mag sein, dass mit diesem Hinweis auf das alte Gebot, das vertraute Wort andere stimmen abgewehrt werden, die mit neuen Parolen die Gemeinde irritieren. Wirklich fassbar aber sind diese Stimmen für mich nicht. „Das alte Gebot – neu“ weiterlesen

Wir haben einen Fürsprecher

  1. Johannes 2, 1 – 6

1 Meine Kinder, dies schreibe ich euch, damit ihr nicht sündigt. Und wenn jemand sündigt, so haben wir einen Fürsprecher bei dem Vater, Jesus Christus, der gerecht ist.

            Johannes bleibt seinem Stil treu. Er folgt in seinem Schreiben keiner streng logischen Linie, sondern hält sich an Stichworte. Und bleibt dann bei ihm. Jetzt bei dem Stichwort. Sündigen. Gibt es für seine Worte ein konkretes Gegenüber? Leute, die mit dem Thema eher lax umgegangen sind? Die gesagt haben: Christen können gar nicht mehr sündigen?

Dem widerspricht Johannes und sagt: Wer so denkt, macht Gott zum Lügner (1,10). Aber zugleich hält er daran fest, die Gemeinde aufzufordern, aus dem Vertrauen auf Jesus zu leben, damit ihr nicht sündigt. Es gibt für Christen keinen Zwang mehr zur Sünde, zum getrennten Leben von Gott. Aber es gibt noch die einzelne Handlung, die Gott nicht entspricht.

Und dafür, für diese Fehltritte, dieses Versäumen des richtigen Tuns, gibt es den einen   Fürsprecher bei dem Vater, Jesus Christus, der gerecht ist. Παράκλητος, Paraklet steht da. Das Wort, das Jesus verwendet: „Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, will ich ihn zu euch senden.“(Johannes 16,7) „In 1Joh ist Jesus der Paraklet und er wirkt im Himmel. Die Abschiedsreden des Evangeliums setzen den Parakleten mit dem Geist gleich und er entfaltet seine Tätigkeit auf der Erde.“ (H-J. Klauck, aaO. S. 104) Der irdische Tröster und der himmlische Fürsprecher sind einig in ihrem „Für-sein“: Sie sind Fürsprecher, sie geben Rückenwind.  „Wir haben einen Fürsprecher“ weiterlesen

Unbequeme Wahrheit: Bekennen

  1. Johannes 1, 5 – 10

5 Und das ist die Botschaft, die wir von ihm gehört haben und euch verkündigen: Gott ist Licht, und in ihm ist keine Finsternis.

             Das ist der Ausgangspunkt für das Nachdenken des Johannes, nicht selbst erdacht, sondern gehört. Er sagt weiter, was er empfangen hat. So wie Paulus: „Ich habe euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe.“ (1. Korinther 15,3) Es ist das Wesen christlicher Verkündigung, dass sie weitersagt aus dem Hören heraus.  Von ihm, von Jesus hat Johannes seine Botschaft.

Gott ist Licht, und in ihm ist keine Finsternis. Es gibt kein Wort Jesu in den Evangelien, mit dem wir diesen Satz über Gott als ein Wort Jesu untermauern könnten. Aber  es gibt im Psalm dieses Wort der Anbetung:

„Lobe den HERRN, meine Seele!                                                                                                 HERR, mein Gott, du bist sehr herrlich;                                                                                     du bist schön und prächtig geschmückt.                                                                              Licht ist dein Kleid, das du anhast.“            Psalm 104, 1-2

             Und Gott wird „Licht Israels“( Jesaja 10,17) genannt.

Jesus sagt von sich selbst: „Ich bin das Licht der Welt.“ (Johannes 8,12) So ist es wohl eine sachgerechte Zusammenfassung des Bildes vom Vater, das Jesus vermittelt und das Johannes hier an seine Gemeinde weitergibt. „Der Weg führt von der Selbstvorstellung des Gesandten Gottes als Licht für die Welt zur Prädikation des sendenden Gottes als Licht. Das heißt aber zugleich, dass man zu diesen Verständnis Gottes nicht anders gelangt als über Jesus Christus.“(H-J. Klauck, aaO. S. 85)

Zugleich ist es wohl auch ein Satz, der anderen Stimmen widerspricht, die Gott als den Unbegreiflichen, den Rätselhaften mit der Finsternis in Verbindung bringen wollen. „Unbequeme Wahrheit: Bekennen“ weiterlesen

Erfahrungen

  1. Johannes 1, 1 – 4

 1 Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir gesehen haben mit unsern Augen, was wir betrachtet haben und unsre Hände betastet haben, vom Wort des Lebens – 2 und das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das Leben, das ewig ist, das beim Vater war und uns erschienen ist -, 3 was wir gesehen und gehört haben,

             Was für ein Anfang! Ein einziger Satz, als ob sich die Worte nur so drängen würden. Es sprudelt geradezu heraus aus dem Verfasser. Er nimmt sich keine Zeit, einen Gruß zu schreiben, sich als Verfasser vorzustellen. „Er kommt sofort zur Sache.“(W. de Boor, Die Briefe des Johannes, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1974, S.24) Alles ist konzentriert auf das, was zu sagen ist.

Es ist ja eine Eigenart vieler biblischer Schriften: Verfasser verschwinden völlig hinter dem, was sie zu sagen haben. Nicht um sie, um ihre Botschaft geht es. So wenig sich der Verfasser des Johannes-Evangeliums mit seinem Namen kenntlich macht, so wenig der Verfasser der Briefe. Es spielt keine Rolle, ob er „Johannes“ heißt. Dafür mag es gute Gründe geben, aus Hinweisen der Kirchenväter wie Irenäus von Lyon (um 180 n. Chr.) Aber man kann auch – wieder mit guten Gründen – von einer „johanneischen Schule“ (H-J. Klauck, aaO. S. 45) als den Verfassern der Johannes-Briefe reden. Christen, die durch seine Art von Jesus zu reden, ihn zu bezeugen, tief beeinflusst sind.  „Erfahrungen“ weiterlesen

Bei Jesus bleiben

Johannes 21, 20 – 25

20 Petrus aber wandte sich um und sah den Jünger folgen, den Jesus lieb hatte, der auch beim Abendessen an seiner Brust gelegen und gesagt hatte: Herr, wer ist’s, der dich verrät? 21 Als Petrus diesen sah, spricht er zu Jesus: Herr, was wird aber mit diesem?

Wie irritierend menschlich geht es in diesem Evangelium zu. Da wird ein Petrus durch Jesus „rehabilitiert“, neu berufen – und findet doch nicht heraus aus seinem Konkurrenzdenken. Oder ist das schon zu viel gesagt? So kann man das ja lesen: Er sieht den Jünger folgen, den Jesus lieb hatte,und sofort fragt er: Und er? Was ist mit ihm? Was wird mit ihm?

Das Verhältnis dieser beiden Jünger wird ja wiederholt im Evangelium angesprochen.   Die Mutter Jesu wird dem anderen anvertraut. Er ist auch der Schnellere beim Lauf zum Grab. Der Schnellere auch im Erkennen, als Jesus am Ufer steht. Und jetzt? Ganz spannungsfrei ist das Miteinander jedenfalls nicht.

Aber das wäre auf der anderen Seite ja auch verwunderlich und würde jeder Erkenntnis der Gruppendynamik widersprechen, wenn es in so einer Gruppe, noch dazu einer, die von außen misstrauisch beobachtet wird,  nicht auch Rivalitäten und Konkurrenzen gäbe.      „Bei Jesus bleiben“ weiterlesen

Geschenkter Neuanfang

Johannes 21, 15 -19

15 Als sie nun das Mahl gehalten hatten, spricht Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieber, als mich diese haben? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Lämmer!

            Das Mahl ist gehalten. Jetzt wendet sich der auferstandene einem Einzelnen zu. Einem aus dem Jüngerkreis. Simon Petrus. Schon die Anrede ist ein Signal. Simon, Sohn des Johannes. Nicht Kephas. Nicht Felsenmann. Aber was für eine Frage: Hast du mich lieber, als mich diese haben? Nur, diese Frage wirft Simon zurück auf sich und seine Geschichte. Ist er wirklich der eine Tapfere, der standgehalten hat, als alle anderen sich in Sicherheit gebracht haben. Hat er als Einziger die Liebe durchgehalten?

Die Antwort des Simon Petrus klingt nicht sonderlich überzeugt:  Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Und statt dem großen Wort „lieben“ sagt Petrus: „Ich habe dich gern.“ Ich bin Dir Freund. Φιλῶ. Ihm ist nicht nach großen Worten. Steht er doch dem gegenüber, der weiß, durchschaut bis in die Tiefen der Seele. Wie oft hatte Johannes geschrieben: Jesus wusste…. So ist es auch hier. Jesus weiß, wen er vor sich hat.

Und beauftragt ihn: Weide meine Lämmer! Ist das nur „das Amt der Gemeindeleitung“ (J. Schneider, aaO.; S.332) Oder sind es nicht vielmehr die Menschen, die seiner Fürsorge anvertraut werden? In dieser Zeit der ersten Christenheit von Ämtern zu reden, weckt falsche Assoziationen.  Aufgaben – ja. Aber Ämter?

16 Spricht er zum zweiten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe!

            Der Dialog wiederholt sich. Mit leichten Variationen. Es geht nicht mehr um mehr Liebe, um größere Liebe. Die Frage wird schlichter:  Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Und Petrus antwortet wieder: Ja, Herr, du weißt,… Und wird wieder beauftragt mit der Fürsorge für die Gemeinde. „Geschenkter Neuanfang“ weiterlesen

Jesus am Ufer

Johannes 21, 1 – 14

1 Danach offenbarte sich Jesus abermals den Jüngern am See Tiberias.

            Wenn ich dem Johannes-Evangelium folge, war bislang Jerusalem der Schauplatz der Begegnungen mit dem Auferstandenen. Der Ort seines Sterbens. Aber Johannes wird die Überlieferung der anderen Evangelisten kennen. Bei ihnen ist Galiläa der Raum, in dem es zu den neuen Erfahrungen kommt.

So erzählt auch er jetzt aus Galiläa, vom jüdischen Meer – und stellt alles sofort unter eine Überschrift: Jesus offenbarte sich. Es ist nicht nur glückliches Wiedersehen nach langer Trauer. Es ist ein Einblick in die Weltwirklichkeit Gottes, in die Wesenswirklichkeit Jesu, um die diese Erzählung kreist.

Er offenbarte sich aber so:

Und damit die Leser die Bedeutung auch ja verstehen, wiederholt er seinen Hinweis auf den Verstehenshorizont sofort noch einmal. Es geht um Offenbarung. Das ist mehr als Zeichen und Wunder! Enthüllung der Wirklichkeit.

2 Es waren beieinander Simon Petrus und Thomas, der Zwilling genannt wird, und Nathanael aus Kana in Galiläa und die Söhne des Zebedäus und zwei andere seiner Jünger. 3 Spricht Simon Petrus zu ihnen: Ich will fischen gehen. Sie sprechen zu ihm: So wollen wir mit dir gehen.

Die Jünger unter der Führung der beiden „Führungskräfte“ Simon und Thomas sind in den Alltag in Galiläa zurück gekehrt. Erstmals im ganzen Evangelium auch benannt: die Söhne des Zebedäus. Das Leben fordert seine Aufmerksamkeit wieder ein. So tief, dass es zur radikalen Lebenswende gekommen wäre, sind die Jerusalemer Begegnungen nicht gegangen. Ich will fischen gehen sagte Petrus – das Leben geht weiter. Kein Widerspruch bei den anderen. Wir sind dabei.

„Das alles wird erzählt, als wenn Geistbegabung und Aussendung nie geschehen wären“ (S. Schulz, aaO.; S.250) In diesen Worten höre ich Staunen und Verwunderung. Hat der Evangelist, der Verfasser des Nachtrages nicht aufgepasst? Mir scheint, er ist realistischer als es der Exeget denkt: Auch große Erfahrungen rücken rasch in den Hintergrund. Weihnachten ist vielerorts und in vielen Gemütern nicht erst am 31. Dezember vorbei und vergessen. Und Ostern hat kaum Erinnerungswert über den 2. Feiertag hinaus. So ist die Welt. So sind wir. Wir vergessen rasch. „Jesus am Ufer“ weiterlesen

Der Zweifler – Zwillingsbruder für uns

Johannes 20, 24 – 31

24 Thomas aber, der Zwilling genannt wird, einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam.

            Einer hat alles verpasst. Thomas, der Zwilling genannt. Einer, der bereit ist, mit Jesus zu gehen „Da sprach Thomas, der Zwilling genannt wird, zu den Jüngern: Lasst uns mit ihm gehen, dass wir mit ihm sterben!“(11,16) Ein Fragender, der Jesus herausfordert, mehr von sich zu sagen und zu zeigen. „Spricht zu ihm Thomas: Herr, wir wissen nicht, wo du hingehst; wie können wir den Weg wissen? Jesus spricht zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ (14, 5-6) Ein Zwilling, einer mit zwei Seiten. Und darin wohl einer wie wir.

25 Da sagten die andern Jünger zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen.

       Die Jünger sind ganz außer sich. Sie erzählen, sie sind irgendwie aufgekratzt  sie haben Großartiges erlebt. Wir haben den Herrn gesehen. Was Maria erzählt hat, ist ihre eigene Erfahrung geworden. Und sie bezeugen es ihm, der es verpasst hat. Wollen, dass er Anschluss an ihre Erfahrung gewinnt,an ihr Sehen.

Er aber sprach zu ihnen: Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und meinen Finger in die Nägelmale lege und meine Hand in seine Seite lege, kann ich’s nicht glauben.

           „Wovon redet ihr eigentlich?“ möchte Thomas vielleicht fragen. „Ich komme da nicht mit“  Und wenn die Jünger auch noch anfangen zu erklären, zu beschreiben, zu überzeugen, dann ist es ganz aus und vorbei.

Thomas ist mit ihrem Erzählen und Erklären nicht zufrieden. Glauben aus 2. Hand – das reicht mir nicht. Es ist schließlich mein Leben – es ist mein Liebe, es ist meine Hoffnung, um die es geht. Da kann ich mich doch nicht aufs Hörensagen verlassen oder aufs Gefühl vertrauen. Da will ich wissen, wo ich dran bin. Der Zweifler besteht auf seine eigene Erfahrung, auf das recht, sich ein eigenes „Bild“ zu machen.

Wer so fragt, nicht nur ein wenig fragt, sondern sehr grundsätzlich fragt, der hat es schwer. Damals wie heute. Zweifler, Fragende, Skeptiker haben keinen guten Ruf in der christlichen Gemeinde. „Also, wenn einer den Glauben so in Frage stellt, dann soll er doch gleich ganz weg bleiben.“ Oder anders formuliert: „Wer sich nicht vorstellen kann, dass Jesus auferstanden ist, der kann doch in unserer Gemeinde nicht mitleben.“ Vielleicht wird genau deshalb die Geschichte von Thomas so ausführlich erzählt. Thomas ist und wird kein leichtgläubiger Christ. Das ist gute Botschaft für alle, die nicht leicht-gläubig sind. „Der Zweifler – Zwillingsbruder für uns“ weiterlesen

Mitten unter uns

Johannes 20, 19 – 23

19 Am Abend aber dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch!

Der Morgen ist vergangen. Der Tag neigt sich dem Ende zu. Der Evangelist schweigt sich aus über Gespräche unter den Jüngerinnen und Jüngern. Schweigt sich aus über ihre Fragen. Nur zwei Anmerkungen sind ihm wichtig: die Jünger sind versammelt. Sie haben sich nicht vereinzelt in alle Winde verstreut, sind nicht auseinander gelaufen „wie Schafe, die keinen Hirten haben.“ (Matthäus 9,36) Aber sie sind nicht freudig erregt oder aufgeregt fragend beieinander, sondern aus Furcht vor den Juden, hinter verschlossenen Türen.

Nicht offen nach allen Seiten, gespannt auf Neues, sondern verschlossen. Aus Furcht. Es ist wie eine Beischreibung unzähliger Gemeinden bis heute. Wie oft machen die Christen die Türen nicht weit auf, sondern zu. Weil sie sich fürchten vor dem Neuen, vor dem Unerwarteten, vor dem Nichtplanbaren. Und auch vor der Welt. Die Juden stehen hier ja für alle, die draußen sind, für die Welt.

Richtig daran wird historisch sein, dass es in der Gemeinde, für die Johannes sein Evangelium schreibt, viel Furcht vor den Juden gab. Vor Feindseligkeiten, vor dem Versuch, die Christen zu einer Abkehr von diesem gekreuzigten Jesus zu bringen. „Denn die Juden hatten sich schon geeinigt: wenn jemand ihn als den Christus bekenne, der solle aus der Synagoge ausgestoßen werden.“ (9,22) Das ist ja damals mehr als der Ausschluss aus dem Gottesdienst – solche Drohung könnte heutzutage ja niemand mehr schrecken. Aber dieser Ausschluss aus der Synagoge ist der Verlust der sozialen Stellung, des Sozialen Umfeldes. Da ist dann einer auf einmal allein, zurück geworfen auf den kleinen Haufen der Jesus-Jüngerinnen und -Jünger.

Zu diesem verschreckten, in sich verschlossenen Haufen tritt am Abend des ersten Tages – am Abend der Welt? – der Auferstandene: Friede sei mit euch! Er kommt zu denen, die sich fürchten. Zu denen, die nicht so offen sind. Zu denen, die in sich selbst verkrümmt sind.  Und tritt in ihre Mitte. Versprechen für all die furchtsamen Gemeinden bis zu unseren Tagen. Es ist nicht unsere Offenheit, die ihn kommen lässt. Es ist seine suchende Liebe, sein Wille, Frieden zu bringen. „Mitten unter uns“ weiterlesen

Erste Zeugin

Johannes 20, 11 – 18

11 Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte.

Die beiden Männer sind gegangen. Ihre Geschichte mit dem Grab ist fertig. Es beginnt eine andere Geschichte, die der Maria von Magdala. Sie ist geblieben. Sie ist noch nicht fertig mit dem, was sie gesehen hat, von außen, mit dem leeren Grab. Sie ist ja nicht in das Grab gegangen. Draußen vor dem Grab steht sie und weint. Um den Toten. Um ihre Hoffnungen, die mit ihm ins Grab gesunken sind. Um die Erinnerungen, die noch einmal mehr schmerzen, weil sie  weiß, wie viel Leben sie verloren hat mit ihm.

Als sie nun weinte, schaute sie in das Grab 12 und sieht zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, einen zu Häupten und den andern zu den Füßen, wo sie den Leichnam Jesu hingelegt hatten.

            Wie sieht man Engel? Wie erkennt man Engel? Ich weiß es nicht, ob das ein anderes Sehen ist als das Sehen, das wir für gewöhnlich so kennen. Manchmal braucht es Tränen, damit man mehr sieht. Maria sieht – durch ihren Tränenschleier hindurch – zwei Engel in weißen Gewändern. Erscheinungen in unserer Welt aus einer anderen Weltwirklichkeit. Sie stehen da, wo Jesus gelegen hatte. Weiß der Evangelist, der auch weiß, dass es Engel sind, Boten Gottes, die Maria sieht.

13 Und die sprachen zu ihr: Frau, was weinst du? Sie spricht zu ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben.

            Die Botschaft dieser Boten Gottes ist ihr Mitgefühl, ihr Fragen: Frau, was weinst du? Sie sind nicht Herolde mit einer starken Botschaft, einem Auftrag – so wie bei den anderen Evangelisten. Sie sind Fragende, die Maria erlauben, den eigenen Kummer auszusprechen. Und wie viel Glauben, ja, Glauben meldet sich in dem, dass Maria schon vor diesen Engeln von dem, den sie sucht als von meinem Herrn redet.

Es könnte sein, dass wir unser Engelbild verändern müssen durch diese beiden: Engel setzen nicht nur Botschaften ab – sie erlauben es Menschen, ihren Kummer zur Sprache zu bringen. „Erste Zeugin“ weiterlesen