… und ihr sollt auch leben.

Johannes 14, 15 – 21

15 Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten.

Was für ein schlichter Satz. Aber auch: Was für ein anspruchsvoller Satz. Er gibt der Liebe eine Form. Er führt über die Liebe als Gefühl, als Empfindung hinaus zur Liebe als Tat. Die Liebe zeigt sich darin, dass sie dem Gebot Jesu folgt. Gebot steht da, wieder einmal εντολή und nicht νόμος. Gebot, nicht Gesetz. Jesus legt uns keinen neuen Gesetzeskanon vor. Das unterscheidet den „neuen Mose“ von Mose. Jesus legt uns und lebt uns die Liebe vor.  „Lehrt sie halten, alles, was ich euch befohlen habe“ (Matthäus 28,19) meint auch keinen Gesetzeskanon, sondern meint die Lebenspraxis, die die Jünger an Jesus gesehen haben. Es ist so schlicht und einfach:Die Liebe wird euch leiten.“ (G. Teersteegen). Oder mit Augustinus: „Liebe und tue, was du willst.“

Hinter diesen Worten höre ich das Vertrauen Jesu in seine Leute. Es gibt nicht nur unseren Glauben an Jesus, es gibt auch das Vertrauen auf seine Leute, den Glauben (!) Jesu an uns. Wie sonst könnte er auch sagen: Ihr werdet größere Werke tun.(14,12)

16 Und ich will den Vater bitten und er wird euch einen andern Tröster geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit: 17 den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht. Ihr kennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein.

               Es ist Zeit des Abschiedes. In dieser Stunde sagt Jesus: Der Vater wird euch einen anderen Tröster geben  Die Frage, die hinter diesen Worten steht: Wie wird es um unseren Glauben stehen, wenn wir ihn alleine leben müssen, ohne Jesus sichtbar in unserer Mitte? Kann unser Glaube sich aus den Erinnerungen nähren? Bleibt nur der resignierte Rückblick: Ja, damals in Jerusalem, damals auf den Wegen mit Jesus, da war alles klar und einfach. Aber heute?

              Gottfried Voigt schreibt: „Gnostiker damals sprechen von Helfern, Geleitsleuten und Führern der Seelen  aus dieser Verderbenswelt hinauf ins Himmlische. Das Judentum kennt Fürsprechergestalten. Der Philosoph Philo spricht von Ratgebern, Fürsprechern, Helfern. Lesern aus solchen Kreisen will der Evangelist sich wohl verständlich machen, indem er ein Wort aus ihrem Vokabular aufgreift: „Paraklet“, παράκλητος, das Tröster, Beistand, Fürsprecher bedeutet. (G. Voigt, aaO.; S.219) Jesus also – so sagt es Johannes – schenkt uns den Helfer, der uns den Weg finden lässt durch das Leben, der uns in dunklen Stunden nicht untergehen lässt, der uns in der Verzweiflung nicht das Leben wegwerfen lässt.

Es bleibt nicht bei dem Wegweiser Jesus in der Vergangenheit. Der Tröster verspricht aktuelle Wegweisung. Jetzt, im Hier und Heute. Auch nicht von außen, sondern innen. Er ist, wenn man so will, etwas wie ein innerer Kompass, verliehen durch den Vater.

Das meint auch die Formulierung Geist der Wahrheit. Wahrheit ist nicht theoretische Richtigkeit, Stimmigkeit. Wahrheit ist das, was das Leben verlässlich macht. „Darauf kannst Du Dich verlassen“ – so dürfen wir lesen, wenn Jesus von der Wahrheit spricht. Der Geist lehrt uns, was das Leben trägt.

18 Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen; ich komme zu euch. 19 Es ist noch eine kleine Zeit, dann wird mich die Welt nicht mehr sehen.

Es geht um eine Sehnsucht, die wir alle kennen und wohl auch alle teilen: Ich will wissen, zu wem ich gehöre. Ich muss wissen, zu wem ich gehöre. Die Hymne in den Stadien der Welt gibt dieser Sehnsucht Ausdruck.

Wenn Du zu Fuß durch den Sturm gehst, halte den Kopf hoch
Und keine Angst vor der Dunkelheit
Am Ende des Sturms ist ein goldener Himmel
Und der süße silberne Gesang der Lerche

Geh weiter, durch den Wind
Geh weiter, durch den Regen
Obwohl deine Träume geworfen und geblasen werden
Geh weiter, geh weiter, mit Hoffnung in deinem Herzen
Und du wirst niemals alleine gehen. Du wirst niemals alleine gehen

            Bei Jesus klingt es anders: Ihr müsst nicht nur tapfer weitermachen. Ihr Elf  und mit und nach euch die ganze Kirche – werdet, obwohl es auf den ersten Blick so scheint, nicht  ohne euren Herrn und Helfer sein müssen. Die Kirche ist keine Versammlung oder gar Organisation von Menschen zur Pflege von Jesuserinnerungen. Jesus Christus selbst ist in ihr gegenwärtig – den Augen unsichtbar und doch wirklich da, der Welt unbegreiflich und doch erfahrbar. Er ist gegenwärtig in seinem Geist, durch den Beistand und Tröster, den Helfer, den Fürsprecher.  Wir sind keine mutter- und vaterlosen Waisenkinder, wir sind niemals allein.

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal,                                                                  fürchte ich kein Unglück                                                                                                      Denn Du bist bei mir                                                                                                                  Dein Stecken und Stab trösten mich   Psalm 23, 4

oder, noch einmal anders:

Aber wie schwer sind für mich, Gott, Deine Gedanken.                                                 Wie ist ihre summe so groß!                                                                                                Wollte ich sie zählen, so wären sie mehr als der Sand.                                                         Am Ende bin ich noch immer bei dir.            Psalm 139, 17-18

Nichts kann uns diese Gegenwart rauben. Durch nichts in der Welt können wir aus ihr herausfallen. Nicht unser Glaube „garantiert“ sie – Jesus steht für sie ein.

Es kommt ein „Aber“, auch wenn es nicht da steht. Für eine kleine Weile wird ihn die Welt nicht sehen? Ist das eine Anspielung auf die Zeit im Grab, nach der Kreuzigung, vor der Auferstehung? So könnte ich es lesen. Das ist ja die Zeit, in der die Jünger vor ihren zerplatzten Träumen standen, in der ihnen ihre Welt zusammen brach.

Aber es ist wirklich nur eine kleine Weile – dann wird alles anders. Für die Jünger. Für die Welt ist das Problem Jesus ja gelöst. Er ist weg, ins Grab gelegt. Und wen die Römer hinrichten, der ist gründlich tot. Dass da eine Geschichte weitergeht, das bekommt die Welt nicht mit, wohl aber die Jünger. Darum sagt Jesus diesen Satz, der jetzt folgt.

Ihr aber sollt mich sehen, denn ich lebe und ihr sollt auch leben.

Das ist einer der Sätze, an denen ich hänge. Ich kann es selbst nicht richtig erklären, warum das so ist. Aber ich nehme ihn als Versprechen, sehr persönlich. Ich gehe dem entgegen, dass ich ihn sehen werde, mit meinen Augen. Ihn, an den ich geglaubt habe. Ihm, dem ich es abgenommen habe, dass er den Weg meines Lebens mit mir teilt. Ihn, an den ich mich in so vielen Nöten meines Leben geklammert habe, oft genug verzagt, zweifelnd. Aber er hat mich gehalten.

Darum erfüllt mich dieser Satz mit einer unaussprechlichen Freude: Ich lebe und ihr sollt auch leben. Diese Worte hat Jesus eingelöst auf dem Weg meines Lebens. In allen Schwierigkeiten. In allen Ängsten. In allem Glück. Immer war da sein Leben, an das ich mit meinem Leben  angeschlossen worden bin. Wenn das keine Zukunft verspricht!

20 An jenem Tage werdet ihr erkennen, dass ich in meinem Vater bin und ihr in mir und ich in euch.

Das ist das Ziel. Die Zeit des Fragens ist vorbei – an jenem Tage. Wir werden die Wirklichkeit sehen – wie der Vater und der Sohn eins sind und wie sie uns hinein nehmen in ihre Gemeinschaft. Zukunftsmusik? Ja und Nein. Das Sehen fängt ja hier schon an – im Sehen auf Jesus, den gegenwärtigen Sohn. „Die Herrlichkeit(„Doxa“) Christi, die nur der Glaube wahrnimmt, wird nicht an seiner menschlichen Erscheinung vorbei oder über sie hinweg entdeckt, sondern an dieser Niedrigkeitsgestalt und in ihr.” (G. Voigt, aaO.; S. 21) Wann jener Tag ist? Wir leben auf ihn zu.

21 Wer meine Gebote hat und hält sie, der ist’s, der mich liebt. Wer mich aber liebt, der wird von meinem Vater geliebt werden, und ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren.

Noch einmal die Einweisung in die Gebote als die Form, in der die Liebe Gestalt gewinnt. Es verdrießt Johannes nicht, das Gleiche in immer neuen Worten zu sagen. Und noch einmal: Jesus hat uns dieses Wort ja nicht nur gesagt. Er hat es uns vorgelebt. Er hat aus Liebe zum Vater das Gebot Gottes gehalten. Er hat aus Liebe zum Vater den Willen des Vaters erfüllt. Er hat aus Liebe zum Vater in der Leichtigkeit des Vertrauens den Gehorsam gelebt. In diesem Gehorsam hat sich sein Leben erfüllt und ist es erfüllt worden mit der Ewigkeit Gottes.

Es ist sein Versprechen an seine Leute: Unser Leben erfüllt sich in der Liebe, die den Gehorsam gegen den Vater lebt aus dem Vertrauen: Dein Wille ist gut.

 

Es ist gut, mein Jesus, dass uns der Vater den Tröster sendet, dass Du uns nicht allein lässt in der Welt, dass wir nicht heimatlose Kinder sein müssen, die sich irgendwie durchschlagen.

Es ist gut, dass Du bei uns bist im Geist der Wahrheit, das wir uns verlassen dürfen auf Dich, dass wir uns nicht festklammern müssen an alte Erfahrungen, an fremde Worte, Lehrsätze, dass Deine Gegenwart uns trägt.

Jesus, Du bist den Weg der Liebe gegangen zu uns. Gib mir und uns jeden Tag neu, dass wir uns hineinrufen lassen in diesen Weg der Liebe zu Dir, zum Vater, zueinander durch Deinen Geist. Amen