Wer mich sieht….

Johannes 14, 8 – 14

8 Spricht zu ihm Philippus: Herr, zeige uns den Vater und es genügt uns.

Diesmal ist es Philippus, der fragt. Nach dem Johannes-Evangelium der Erste, den Jesus selbst gerufen hat. Zu ihm hat er gesagt: Folge mir nach. (1,43) Seitdem ist Philippus mit ihm auf dem Weg. Hat ihn kennen gelernt. Seine Worte gehört, seine Zeichen gesehen. Aber er hat immer „nur“ Jesus vor Augen gehabt. Darum steht er vor diesem Satz Jesus „Wenn ihr mich erkannt habt, so werdet ihr auch meinen Vater erkennen“.(14,7) wie vor einem großen Rätselwort. Er versteht es nicht.

Vielleicht muss man sagen: Er kann es auch gar nicht verstehen. Denn er schaut ja, wenn er nach Gott ausschaut, nach dem unsichtbaren, dem unbegreiflichen, dem jenseitigen Gott aus. Dem Transzendenten. Der Transzendenz. Meinethalben auch nach dem „summum bonum“, dem höchsten Gut. Er hat es ja gelernt als Jude: „Mein Angesicht kannst du nicht sehen, denn kein Mensch wird leben, der mich sieht.“ (2. Mose 33, 20) Wie also sollte er in dem Jesus vor seinen Augen Gott, den Vater, sehen können?  Und so wie Philippus schauen wir alle nach dem unsichtbaren Gott aus, dem Gott, den wir nie begreifen können.

Ein Wort zur Ehrenrettung des Philippus und aller fragenden Jünger. „Eine törichte Bitte“ nennt Bultmann die Bitte des Philippus. (R. Bultmann, aaO.; S.469) Ich sehe das anders. Sie fragen immerhin, wenn sie etwas nicht verstehen. Erst recht, wenn sie nicht verstehen können, weil sie ja von der Erde (3,11) sind. Wie sollen sie den sehen können in seiner Wirklichkeit, der von oben (3,319 ist? Darum ist ihr Fragen  großartig. Viel zu oft fragen wir nicht, schlucken unsere Fragen ungefragt herunter. Es ist uns nicht klar, was ist, aber wir fragen nicht. Wir finden uns ab, suchen vielleicht auch noch nach eigenen Antworten, aber wir fragen nicht. Der Glaube an Gott aber fängt ganz oft mit dem offenen, ehrlichen Fragen an.

Gott hält es aus, dass wir ihn frag-würdig finden. Mehr noch: Er legt seine Verheißung auf unser Fragen. Ich wiederhole mich gerne:

„Denen, die Gott suchen,                                                                                                    denen wird das Herz aufleben.“         Psalm 69,33

Suchen, nach Gott fragen, sich ausstrecken nach ihm. Darum ist es richtig, dass Philippus sagt: Zeige uns den Vater. Von sich aus wird er nicht sehen können. Ihm müssen die Augen geöffnet werden. Das also ist seine, des Philippus Bitte: „Öffne uns die Augen!“

 Jesus, gib gesunde Augen                                                                                                        die was taugen                                                                                                                            dass mir werde klein das Kleine                                                                                            und das Große groß erscheine.                                                                                            Denn das ist die schlimmste Plage                                                                                      wenn am Tage                                                                                                                         man das Licht nicht sehen kann.      nach Chr. F. Richter 1676 – 1711

9 Jesus spricht zu ihm: So lange bin ich bei euch und du kennst mich nicht, Philippus? Wer mich sieht, der sieht den Vater! Wie sprichst du dann: Zeige uns den Vater? 10 Glaubst du nicht, dass ich im Vater bin und der Vater in mir?

             Es ist, so denke ich, keine Enttäuschung, die Jesus so fragen lässt. Weit eher ist ein liebevolles ihn an der Hand Nehmen:Ich  will dir helfen, dass der lange Weg an sein Ziel kommt.“ Und zugleich ist es auch ein Trost für alle die, die schon lange Christ sind und sich immer noch fragend, suchend wie am Anfang erleben. Man kann lange mit Jesus unterwegs sein und  und hat doch immer noch das Gefühl: Ich kenne ihn nicht wirklich. So wie es auch Paulus nach seinem langen Weg des Glaubens sagt: „Nicht, dass ich es schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, dass ob ich’s wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin.“ (Philipper 3, 12)

Auf seine Weise ist Luther mit dieser Erfahrung umgegangen, dass wir immer Anfänger sind im Glauben und wären wir auch schon 100 Jahre alt.

„Das Leben ist nicht ein Frommsein,                                                                             sondern ein Frommwerden                                                                                                 nicht eine Gesundheit sondern ein Gesundwerden                                                       nicht ein Sein sondern ein Werden                                                                                       nicht eine Ruhe sondern eine Übung                                                                                    Wir sind’s noch nicht wir werden es aber                                                                               Es ist noch nicht getan oder geschehen es ist aber im Gang und im Schwang              Es ist nicht das Ende es ist aber der Weg.“

Wer mich sieht, der sieht den Vater! Das ist der Anspruch Jesu. Im Sehen auf mich seht ihr Gott. Den Vater, sagt Jesus. „Euer Gott-über-den-Sternen oder euer mit der Dynamik des Weltprozesses identischer Gott, überhaupt euer gedachter und abstrakter Gott, das ist gar nicht Gott.“ (G. Voigt, aaO.; S.217) Ihr habt den Ewigen, den Unsichtbaren, den Schöpfer des Himmels und der Erde, den Vater vor Augen – in mir.

Das ist die Herausforderung schlechthin, vor die uns das Johannesevangelium stellt. „Darin ist Jesus der Offenbarer, dass in ihm der Vater gegenwärtig ist; haben die Jünger ihn erkannt, so werden sie auch den Vater erkennen.“ (R. Bultmann, aaO.;, S. 469) Das Johannesevangelium mutet uns zu zu glauben, dass in einem Menschen, geboren in Raum und Zeit, unter das Gesetz getan (Galater 4,4) und unter die römische Herrschaft in Palästina, gestorben am Kreuz, Gott selbst sichtbar geworden ist, anschaulich, Hand und Fuß bekommen hat. Es mutet uns zu, dass wir an einen Gott glauben, der alle menschlichen Bedürfnisse und Begrenzungen erfahren hat. Es mutet uns zu, dass in einer geschichtlichen Figur die ewige Wahrheit aufleuchtet.

Damit legt sich das Johannes-Evangelium mit den Gesetzen unserer Logik an. „Zufällige geschichtliche Ereignisse können nicht ewige Wahrheit sein.“ (E. Troeltsch) Aber genau das behauptet das Johannes-Evangelium. Und genau das zieht sich vom Prolog (1,1-18) an durch das ganze Evangelium als ein roter Faden: Mehr noch. Das ist kein Prädikat, das die Gemeinde Jesu beilegt, mit dem sie seine Bedeutung aussagen möchte – es ist, so Johannes,  das Zeugnis des Sohnes selbst.

Die Worte, die ich zu euch rede, die rede ich nicht von mir selbst aus. Und der Vater, der in mir wohnt, der tut seine Werke. 11 Glaubt mir, dass ich im Vater bin und der Vater in mir; wenn nicht, so glaubt doch um der Werke willen.

            Wort und Werk Jesu – beides kommt aus dem Vater, aus der Einheit seines Willens mit dem Willen des Vaters. „In allem, was der Sohn in der von ihm abgefallenen Schöpfung tut, handelt Gott selber. Sein Wort ist Gottes Wort und sein Wirken ist Gottes Wirken!“(S. Schulz, aaO.;S. 186) Darum ruft Jesus zum Glauben – nicht an irgendwelche Sachverhalte, sondern an sich selbst. Es sind auch keine zeitlosen Worte, keine zeitlosen Wahrheiten – ρήματα  – Worte in die Zeit spricht Jesus, die  die Jünger hören und denen sie trauen dürfen.

Und: Der Glaube an Jesus nimmt dem Vater nichts von seiner Herrlichkeit, sondern mehrt sie. In allem Wirken und Sagen Jesu ist der Vater am Werk. Darum auch ist der Glaube um der Werke willen kein minderer Glaube, sozusagen „wundersüchtig“, sondern es ist der Glaube, der auch in den Werken Gott, den Vater, am Werk sieht.

 12 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer an mich glaubt, der wird die Werke auch tun, die ich tue, und er wird noch größere als diese tun; denn ich gehe zum Vater.

Der Blick weitet sich – über den Abend hinaus auf den Weg der Gemeinde Jesu. Diese Worte gelten nicht nur den Jüngern ( und Jüngerinnen), sie gelten der Gemeinde aller Zeiten. Das Werk Jesu geht weiter. Darauf liegt der Ton. Es findet seine Fortsetzung im  Handeln der Jünger.

Ich finde es bemerkenswert: Für das Werk Jesu und die Werke der Jünger steht das gleiche griechische Wort: έργα. Das Neue Testament hat nicht so viel Angst vor den Werken wie wir Evangelischen sie im Allgemeinen haben – zumindest wenn es um „gute Werke“ geht.  Und Jesus traut es seinen Jüngern zu, dass sie seine guten Werke fortsetzen.

Das berührt sich ja durchaus auch mit dem Blick der anderen Evangelisten. Wenn Jesus nach Matthäus und Lukas seine Jünger aussendet, so gibt er ihnen einen Auftrag: „Geht aber und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbei gekommen. Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt böse Geister aus.“(Matthäus 10, 7-8, ähnlich Lukas 9, 1-2) Das ist als Auftrag exakt das, was Jesus selbst tut. Er setzt also im Tun der Jünger das eigene Handeln fort. Er weitet den Aktionsradius, vervielfältigt seine Wirkung.

Das mag reichen, um die größeren Werke zu verstehen. Es geht nicht um eine Überbietung der Werke Jesu, sondern um ihre Vervielfältigung in die Welt hinein. Ob die „Welt“ hinter dem Tun der Jünger, der Gemeinde, immer den erhöhten Herrn am Werk sieht, steht auf einem anderen Blatt. Sie handeln ja immer als die, die wissen und ihm glauben: „Ohne mich könnt ihr nichts tun“ (15, 5)  

Der Ermöglichungs-Grund für diese Werke ist das Gehen Jesu zum Vater. Weil er beim Vater ist, können seine Jünger seine Werke tun. „Wahrscheinlich meint Johannes, dass der erhöhte Christus selbst – aus dem begrenzten Erdenwirken herausgetreten – die Schlüsselstellung im Himmel und auf Erden gewinnt, von da aus  im Tun seiner Jünger   wirkt und die Gebete seiner Kirche zu seiner Sache macht.“ (G. Voigt, aaO.; S. 218)

            Fast wie von selbst drängt sich eine Parallele auf: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum geht hin und macht zu Jüngern alle Völker: Tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ (Matthäus 28, 18 – 20) Auch hier: Es ist sein Weg zum Vater, in die Macht Gottes, der für die Jünger den Weg in die Welt frei macht.

13 Und was ihr bitten werdet in meinem Namen, das will ich tun, damit der Vater verherrlicht werde im Sohn. 14 Was ihr mich bitten werdet in meinem Namen, das will ich tun.

Dieser Weg zum Vater ist auch die sachliche Voraussetzung des Betens zu Jesus. Weil er beim Vater ist, deshalb geht das Beten seiner Jünger nicht in eine andere Richtung, wenn es   in seinem Namen geschieht. Und weil sie in ihm den Vater suchen, deshalb kann Jesus auch sagen: das will ich tun. Gleich zweimal. Sozusagen bekräftigend. Der Sohn und der Vater stehen nie in Konkurrenz.

Das Gebet zum Vater nimmt dem Sohn nichts von seiner Herrlichkeit, das Gebet zum Sohn dem Vater nicht. An dieser Stelle gibt es viel überflüssigen  und schädlichen Skrupel, weil die Freude am Gebet verloren geht in der Angst, ob denn die Anrede an den Vater oder an den Sohn die Richtige ist. Wer so Leuten Angst macht, hat nicht viel verstanden von der Freiheit, die in Christus ist und nichts von der Einheit zwischen dem Vater und dem Sohn.

 

Jesus, öffne uns die Augen, dass wir Dich sehen, Mensch unter Menschen, eins mit dem Vater, wahrer Gott von Ewigkeit her, Licht vom Licht.

Öffne uns die Ohren, dass wir Deine Wort empfangen, es glauben und uns davon leiten lassen zum Tun, zum Glauben.

Öffne uns das Herz, dass wir erfüllt werden mit Deinem Geist, Deiner Liebe und sie austeilen in die Welt hinein, die Du liebst wie Dich der Vater liebt. Amen