Der Entgegenkommende

Johannes 14, 1 – 7

1 Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!

Ich habe es als Klang in den Ohren: Euer Herz erschrecke nicht! Und fürchte sich nicht. Unzählige Male gehört. Mir zugesungen. Anders geht es wohl auch nicht. Es muss das Wort von außen sein. Von dem, der den Weg Gottes geht. Der es uns zumutet, dass wir ihn für eine Weile aus den Augen verlieren. Der es uns zumutet, dass wir ihn am Kreuz sehen und erschrecken: Was für ein Mensch! (19,5) Ecce Homo. Es ist das Wesen des Glaubens, dass er in der Welt angefochten ist, dass er durch das Erschrecken hindurch muss. Wir sind noch nicht am Ziel. Noch ungeborgen geborgen im Glauben.

So ruft Jesus die Jünger aus dem Erschrecken, über das Erschrecken hinaus. Uns mit ihnen. Er ruft zum Glauben. An Gott, an ihn selbst. Das fällt in eins. Es sind nicht zweierlei „Glauben“. Es ist der eine Glauben, der im Glauben an Gott Jesus erkennt und im Glauben an Jesus Gott erkennt. Anders gibt es den Glauben nicht. Wer sich von Jesus abwendet, ihm nicht glaubt, der verliert Gott. „Weil der Glauben an Gott nur durch Jesus vermittelt sein kann, so muss der Glaubende wissen, dass er mit dem Glauben an Jesus auch den Glauben an Gott preisgeben würde.“ (R. Bultmann, aaO.; S.463) Das ist die Sicht des Johannes-Evangelium.

2 In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. Wenn’s nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt: Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten? 3 Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen, damit ihr seid, wo ich bin.

Aber nun die Verheißung, die den Ruf zum Glauben füllt. Nun die Auskunft über das Ziel. Das Vaterhaus Gottes. Kein exklusiver Wohnsitz nur für Jesus. Das ist sein Weg, dass er voraus geht, den Quartiermeister gibt für seine Jünger, für die Seinen. In diesem Vaterhaus Gottes ist Platz. Für viele. Denn es hat viele Wohnungen. Und es ist der Ehrgeiz des Vaters und auch des Sohnes, dass das Haus voll werde( Lukas 14,23), dass keine Wohnung leer stehen bleibt. Gott will keinen Immobilien-Leerstand.

Sonst könnte Jesus ja nicht sagen, was er sagt. Wäre da kein Raum bei Gott, kein Platz, wie könnte er das versprechen. Es ist ein Satz der Vergewisserung, der zusagt: diese Wohnungen sind für Euch. Nicht nur für die Engel. Für euch so irdische, unvollkommene Leute.  Und noch einmal wiederholt er – wohl weil ihm so viel daran liegt: Ich komme wieder und hole euch. Ich will euch bei mir. „Wo ich bin, da soll mein Diener auch sein“ (12,26) hat er ihnen früher gesagt. Und jetzt: Ihr sollt sein, wo ich bin. Wie immer man sich das vorstellen mag – wir haben eine Bleibe bei Jesus.

Es ist ein Raum bei mir, da sollst du stehen.“ (2. Mose 33, 21) Das war die Antwort  Gottes an Mose, als der darum bat, Gott sehen zu dürfen. Hier: Ein bleibende Stätte im Vaterhaus Gottes.  „Ein Bau im Himmel, ewig, von Gott erbaut“ (2. Korinther 5,1) – so beschreibt Paulus seine Hoffnung. „Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen“ (Epheser 2, 19) sagt sein Schüler. Und immer geht es um die Hoffnung über die Zeit hinaus. Um das, worauf wir zuleben, schon heute.

4 Und wo ich hingehe, den Weg wisst ihr.

Jetzt ist alles gesagt. Jetzt können sie es wissen. Wenn sie zugehört haben, wenn ihnen die Augen und Ohren aufgegangen sind, wenn ihnen die Worte ins Herz gefallen sind. Jetzt müssten sie es doch verstanden haben, begriffen. Jetzt müsste ihnen doch das Herz aufgehen vor Freude.

5 Spricht zu ihm Thomas: Herr, wir wissen nicht, wo du hingehst; wie können wir den Weg wissen?

Diesmal ist es nicht Petrus. Diesmal ist es Thomas, der Zwilling. Der, neben den wir zu stehen kommen als seine Zwillinge. Er gibt es zu: Ich verstehe nichts. Ich weiß nichts. Ich sehe da keinen Weg. Wie soll ich es wissen – ich, der ich von der Erde (3,31) bin.

6 Jesus spricht zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich. 7 Wenn ihr mich erkannt habt, so werdet ihr auch meinen Vater erkennen. Und von nun an kennt ihr ihn und habt ihn gesehen.

Kein Vorwurf an Thomas. Aber ein Wort, das alles aufschließt: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich. Es ist, als würde Jesus den Vorhang öffnen. Offenbarungsrede. Er gibt sich zu erkennen.

Ich leihe mir Worte, die sagen, was ich gerne sagen möchte: „Alles, was der Christ hofft, hängt an der Person Jesu Christi. … Also nicht: Ich zeige euch den Weg – sondern: Ich bin der Weg. Auch nicht: ich verkündige euch die Wahrheit – sondern: ich bin sie. Und nicht: Ich vermittle euch das Leben – sondern: Ich bin euer Leben.“ (G.Voigt, aaO.; S.216)

            In ihm kommt uns Gott entgegen. In ihm sehen wir die Wahrheit Gottes, die unser Leben trägt. In ihm haben wir das Leben, weil er sich uns schenkt. Es gibt eine Lesart dieser Worte, die so klingt: Mache Du Dich auf den Weg, suche ihn, suche die Wahrheit, suche das Leben. Suche das alles bei Jesus – und du wirst es finden.

Ich lese ein klein bisschen anders. In Jesus hat sich Gott zu uns auf den Weg gemacht. In ihm zeigt er uns seine Wahrheit und kommt mit ihr auf uns zu. In ihm bringt er uns das Leben, durchdringt unser Leben mit seinem Leben. Ich muss nichts mehr tun. Ich muss nur noch sein Tun an mir geschehen lassen. Es mir gefallen lassen. An diesen Gott auf dem Weg zu mir glaube ich – der mir und meinem Suchen immer schon voraus ist. Der mir und meinem Streben nach Wahrheit immer schon verlässlichen Grund, Wahrheit gibt. Der in meine Vergänglichkeit seine Ewigkeit, sein Leben hinein legt.

Jesus. Du hast Dich aufgemacht für uns, wendest uns Dein Angesicht zu, zeigst uns Dein Herz, damit wir Dich erkennen und Dir trauen.

Du hast Dich aufgemacht, hast das Leben  mit uns geteilt, Mensch unter Menschen, vertraut mit Hunger und Durst, Angst und Freude, Lust und Schmerz – Weggefährte in der Zeit.

Du hast Dich aufgemacht zu uns, schenkst uns Deine Nähe, nimmst uns den langen Weg nach Hause ab, den wir doch nicht wissen – kommst uns entgegen.

Weil Du Dich aufgemacht hast für uns, zu uns, können wir uns auch aufmachen auf den Weg  Dir entgegen, miteinander trauend auf Deine Wahrheit, hoffend auf das Leben, das Du eröffnest. Amen