Das neue Gebot: Liebe

Johannes 13, 31 – 35

 31 Als Judas nun hinausgegangen war, spricht Jesus: Jetzt ist der Menschensohn verherrlicht, und Gott ist verherrlicht in ihm. 32 Ist Gott verherrlicht in ihm, so wird Gott ihn auch verherrlichen in sich und wird ihn bald verherrlichen.

 Wie lese ich das: Judas ist hinausgegangen. Jetzt ist die Luft rein? Hat Judas die Verherrlichung aufgehalten? Oder ist es einfach so: Jetzt ist die Zeit reif. Es wird sichtbar werden, was bislang verborgen war – die Herrlichkeit Gottes und die Herrlichkeit des Sohnes. Es ist ein Wechselspiel: Jesus verherrlicht Gott, Gott verherrlicht Jesus. Das Wort „verherrlichen “ macht Schwierigkeiten. In alten Übersetzungen heißt es stattdessen „verklärt“. Das klingt nach dem Glanz eines prächtigen Königs, Darstellung seiner Macht und Majestät.

 Dies Wort δοξαςθηναι „verklären“, verherrlichen meint anderes. In der Vergangenheit Jesu, auf seinem Lebensweg ist klar geworden, wer er ist. Und in seiner Zukunft, im Sterben und Auferstehen wird klar werden, wer er ist. Verherrlichen: Wir bekommen die δοξα Gottes, den Glanz Gottes zu sehen. Gottes Macht und Herrlichkeit wird deutlich, sie wird „verstehbar“. Dass wir sie zu sehen bekommen und verstehen lernen, ist davon anhängig, dass Gott uns die Augen dafür öffnet, weil wir dies alles nicht von uns aus sehen, wissen und verstehen.

 An Jesus wird sichtbar, klar, dass Gott nicht der tyrannische Herrscher ist, sondern der unbegreiflich Geduldige, und Liebende, der Vergebende und Erbarmende. In Jesus wird deutlich, dass wir uns an diesen Gott halten können und dürfen.

 Und, das sei schon hier vorweg genommen: Es ist eine andere Art Herrlichkeit als die der Großen der Welt. Sie hat sich schon gezeigt,. Als Jesus den Jüngern die Füße gewaschen hat, als er Lazarus aus dem Grab gerufen hat, als er sich zu der Ehebrecherin gestellt hat. Seine Herrlichkeit kommt Menschen zugute.

33 Liebe Kinder, ich bin noch eine kleine Weile bei euch. Ihr werdet mich suchen. Und wie ich zu den Juden sagte, sage ich jetzt auch zu euch: Wo ich hingehe, da könnt ihr nicht hinkommen.

Die Herrlichkeit leuchtet auf. Aber sie darf nicht verhüllen, dass die Stunde des Abschiedes naht. Es bleibt nicht mehr viel Zeit, nur noch eine kleine Weile. Folge ich der Chronologie des Johannes: nur noch eine Abendzeit. Und es ist schon klar: Seine Jünger werden ihn suchen. Kinder nennt sie Jesus – nur hier im Johannes-Evangelium. Das zeugt von seiner tiefen Verbundenheit mit ihnen.

Und doch: sie werden getrennt sein. Dorthin, wo Jesus jetzt geht, können sie ihm nicht folgen. Das hört sich für mich wie eine Korrektur der Worte des Thomas an: Lasst uns mit ihm gehen, dass wir mit ihm sterben! (11,16) Aber der Weg, der jetzt vor ihm liegt, ist sein Weg, nicht ihr Weg.

 Diesen Weg durch Tod und Auferstehung, Karfreitag und Ostern, geht der Herr alleine. Er weist die Jünger ab, die mit ihm gehen wollen. Sein Weg jetzt in die Nacht ist nicht ihr Weg. Diesen Weg muss Jesus alleine gehen – für uns, weil nur er diesen Weg des letzten, äußersten Gehorsams gehen kann.

 34 Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander lieb habt.

 Aber die Jünger bekommen von ihm ihren Weg gezeigt. Ihr Weg ist der Dienst aneinander, die Vergebung füreinander und die Liebe zueinander. Daran wird sich zeigen, ob sie den Menschensohn gesehen haben, ob sie verstanden haben, was „verherrlichen“ Gottes und Jesu heißt. Einander dienen und nicht einander kommandieren. Einander vergeben und nicht einander Schuld nachtragen. Einander lieben und nicht uns gegenseitig gleichgültig sein lassen oder uns verachten.

 Nicht aus sich selbst sollen sie ihre Liebe schöpfen. Sie sollen und können lieben, weil sie zuvor geliebt sind. Lieben, weil sie die Liebe Christi erfahren haben. Auf den Wegen durch Galiläa und Judäa. Bei der Hochzeit von Kana. Am Meer, als er ihnen das Brot gegeben hat. Am Tisch, als er ihnen die Füße gewaschen hat. Und sie werden die Liebe „sehen“, die bis zum Äußersten geht, bis ans Ende, wenn sie ihn am Kreuz sehen werden. So sehr hat er sie geliebt.

 35 Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.

 Das ist das neue Gebot, die καινή εντολή. Ich sage lieber: Die neue Lebensregel. Eine Liebesregel. Nicht eine Fülle von Satzungen, sondern der Ruf in die Liebe. Und so wirkt sich das Leben in dieser Regel aus. „Seht, wie lieb sie einander haben“ haben spöttischen Feinde der ersten Christen gesagt und ihnen so bestätigt, was Jesus verheißen hat: an der Liebe werden die Jünger erkannt.

 Ein bisschen ist das immer wieder einmal in der Christenheit in Vergessenheit geraten. Da wurde die Zustimmung zu Glaubenssätzen wichtiger als die Liebe, da wurde die korrekte Dogmatik zum Kennzeichen der wahren Christen. „Bruderliebe ist das bleibende Kennzeichen echter Jüngerschaft, jedenfalls wie sie Johannes versteht.“ (S. Schulz, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen 1975 S. 179) Vierzig Jahre später ergänzen und korrigieren wir gerne: Geschwisterliche Liebe.

 Es ist ein Kennzeichen, das gewaltlos ist, das sich der Durchsetzung verweigert, das sich nicht in Regelwerke fassen lässt. Die Liebe verträgt keine Paragraphen. Sie zeigt sich im Tun, in der Hingabe, der Treue, der Fürsorge, im Einstehen für das Recht der Anderen und im Verzicht auf das eigene Recht.

 Und wie nahe sind sich in der Hochschätzung der Liebe als dem großen Kennzeichen der Christen der Evangelist Johannes und der so leidenschaftliche Missionar Paulus. „So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung“ (Römer 13,10) schreibt er und besingt die Liebe als die höchste Gabe im Hohenlied der Liebe (1.Korinther 13) Mehr geht nicht in Worten. Nur im Tun.

Gib mir Liebe ins Herz                                                                                                           lass mich leuchten                                                                                                             Herr Jesus                                                                                                                        Liebe zu Dir                                                                                                                          Liebe zu denen                                                                                                                         die mit mir auf dem Weg sind                                                                                              Liebe zu den Liebenswürdigen                                                                                                Liebe zu den Schwierigen und Wunderlichen

Liebe                                                                                                                                        die mehr ist als ein Gefühl                                                                                                     die Hand und Fuß hat                                                                                                            Gestalt gewinnt in Worten und Taten                                                                                   die sich nicht schont                                                                                                                 aber den anderen den Rücken stärkt

Liebe                                                                                                                                          die an Dir Maß nimmt                                                                                                             So wie Du uns geliebt hast                                                                                                       so lass mich lieben üben                                                                                                    auch dann                                                                                                                         wenn ich mit alle meinen Liebesmühen                                                                             weit hinter Deiner Liebe zurück bleibe. Amen