Einer geht – nur einer?!

Johannes 13, 21 – 30

 21 Als Jesus das gesagt hatte, wurde er betrübt im Geist und bezeugte und sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten.

 Wir haben gesehen: Jesus geht den Weg, der vor ihm liegt, aus freien Stücken, im Gehorsam des Sohnes. Und doch: er verlangt ihm seelische Stärke ab. Er geht ihn nicht in stoischer Ruhe, sondern er wird betrübt im Geist. Der gleiche Ausdruck εταράχθη τώ πνεύματιwird verwendet, als Jesus vor dem Grab des Lazarus steht. So sparsam Johannes sonst mit Einblicken in die seelische Verfassung Jesu ist, hier wird sie angedeutet. Es geht ihm nahe, dass ihn einer der seinen verraten, ausliefern wird. Er weiß um die Notwendigkeit, aber es geht im gleichwohl unter die Haut.

 22 Da sahen sich die Jünger untereinander an, und ihnen wurde bange, von wem er wohl redete.

Es ist kein Wunder, dass die Jünger betroffen sind. Einer von uns? Sie sind ratlos, wie sie mit dieser Botschaft umgehen sollen. „Sie wurden sehr betrübt und fingen an, jeder einzeln, ihn zu fragen: Herr, bin ich es?“(Matthäus 26,22) So erzählt Matthäus. Hier dagegen herrscht erst einmal Sprachlosigkeit.

 23 Es war aber einer unter seinen Jüngern, den Jesus lieb hatte, der lag bei Tisch an der Brust Jesu. 24 Dem winkte Simon Petrus, dass er fragen sollte, wer es wäre, von dem er redete.

 Einmal mehr wird Petrus aktiv. Er sucht nach Antwort, durch den Jünger, den Jesus lieb hatte. Wer das ist, wird im ganzen Johannes-Evangelium nicht aufgedeckt. Es ist nicht so wichtig, wer es ist. Wichtig ist nur, dass es von einem Jünger in besonderer Weise heißt, dass Jesus ihn lieb hatte – so wie es auch von Lazarus heißt, dass er ihn lieb hat. Dieser Gottessohn geht nicht in einer allgemeinen Menschenliebe durch die Welt. Es gibt eine differenzierte Liebe zu unterschiedlichen Leute. Nicht allen das Gleiche, sondern Jedem das Seine.

 So zeigt es sich ja auch in den unterschiedlichen Gaben des Geistes, die doch Gaben der Liebe sind. Jeder bekommt sein „Maß des Glaubens“(Römer 12,3) Die Gleichheit, die uns immer einmal vorschwebt, ist nicht die Gleichheit nach dem Maß Gottes, nach seiner Liebe. Seine Liebe entspricht den konkreten Menschen. Und da wird ein Petrus anders geliebt als der Jünger, den Jesus lieb hatte.

 25 Da lehnte der sich an die Brust Jesu und fragte ihn: Herr, wer ist’s? 26 Jesus antwortete: Der ist’s, dem ich den Bissen eintauche und gebe. Und er nahm den Bissen, tauchte ihn ein und gab ihn Judas, dem Sohn des Simon Iskariot. 27 Und als der den Bissen nahm, fuhr der Satan in ihn.

 Dieser Jünger ist nahe bei Jesus. So nahe, dass er unbemerkt (?) fragen kann. Muss man sich diesen Dialog als heimliches Gespräch vorstellen? Dann hätte die Frage des Petrus ihren Sinn verfehlt. Und nur der Jünger wüsste anschließend Bescheid.

 Jesus nennt keinen Namen. Sondern ein Zeichen. Aber es ist ein Zeichen, das wieder einmal verhüllt und offenbart zugleich. Denn dass er Anderen den Bissen eintaucht und weitergibt, ist eine Alltagsgeste. Nichts Besonderes bei Tisch. „Kannst du mir das Brot reichen? – Ja gerne!“ Wer wollte daraus etwas ablesen können bei einem Mahl mit vielen Leuten?

 Aber unter dieser Alltagsgeste geschieht Unheimliches. Der Satan fuhr in Judas. Er ist nicht mehr Herr seiner selbst. Er dient einer fremden Macht. „Hier handelt nicht ein Mensch; hier handelt der Satan selbst, der Gegenspieler Gottes.“(R. Bultmann, Das Evangelium des Johannes, Göttingen 1957, S. 368) Und doch bleibt es dabei: Auch er muss dem Willen Gottes dienen! Es gibt kein Handeln auf Augenhöhe zwischen Gott und dem Satan, keinen unentschiedenen Ausgang.

Das Problem, das wir sofort mit einem solchen Satz verbinden, interessiert Johannes nicht. Wir fragen, wie es um die Freiheit des Willens des Judas bestellt ist, um seine Verantwortlichkeit. Ist er von einer fremden Macht „besetzt“, so ist er nicht verantwortlich. Damit setzt sich der Evangelist nicht wirklich auseinander. Ihm geht es vielmehr allein darum, dass dieser unheimliche Verrat doch dem Weg Gottes nicht im Weg ist.

 Da sprach Jesus zu ihm: Was du tust, das tue bald! 28 Aber niemand am Tisch wusste, wozu er ihm das sagte. 29 Einige meinten, weil Judas den Beutel hatte, spräche Jesus zu ihm: Kaufe, was wir zum Fest nötig haben!, oder dass er den Armen etwas geben sollte.

Die Jünger verstehen nichts. Das spricht dafür, dass die Auskunft Jesu, die er mit seinem Tun gibt, untergeht unter dem Tun und den Gesten des Mahles. Sie hören nur irgendeinen Auftrag an Judas, dem er Folge leisten wird. Aber es ist nichts von Belang.

 30 Als er nun den Bissen genommen hatte, ging er alsbald hinaus. Und es war Nacht.

 Judas geht. Alsbald. Er verlässt den Jüngerkreis. Er wird auch nicht mehr in diesen Kreis zurück kehren. Es ist mehr als eine Zeitangabe, wenn es heißt: Und es war Nacht. Es ist auch mehr als eine Aussage über die innere Befindlichkeit des Judas, obwohl das sicher seinen guten Sinn hat: In ihm ist Nacht. Aber im Sinn des Johannesevangelium ist wohl zu lesen: Jetzt bricht die Nachtzeit an, in der niemand mehr wirken kann (9,4) Bis dahin war Tag, Zeit des Wirkens Jesu. Jetzt ist die Nacht, durch die er hindurch muss, damit der dritte Tag werden werden kann.

Wie oft                                                                                                                                      Jesus                                                                                                                                haben wir Dich verraten                                                                                                          Dein Brot genommen                                                                                                            Deine Liebe empfangen                                                                                                        aber dann unseren Weg gesucht                                                                                         ins Weite                                                                                                                                oft genug in die Nacht

Wie oft bin ich ich Einflüsterungen gefolgt                                                                              die mich von Dir entfernt haben                                                                                             in die Nacht getrieben                                                                                                            auch in die dunkle Nacht der eigenen Seele

Aber Du hast an mir festgehalten                                                                                            mich festgehalten                                                                                                                  Du hast meine Untreue mit Deiner Treue beantwortet                                                             Mein Weggehen mit Deinem Nachgehen                                                                           Nur darum bin ich noch immer bei Dir                                                                             Dafür danke ich Dir. Amen