Worte zum Leben

Johannes 12, 44 – 50

 Auf die Bilanz des Evangelisten folgt noch einmal eine Rede Jesu. Es ist sicherlich eine richtige Beobachtung der Exegeten, dass sie gut an manche andere Stelle des Evangeliums passen würde. Nun steht sie aber hier. Und will von diesem Standort aus verstanden werden.

Darum sage ich: Es ist wohl Absicht des Evangelisten zu sagen: Die Verkündigung des Evangeliums wird nicht deshalb eingestellt, weil es nicht gleich oder nicht genügend Resonanz findet. „Die negative Schlussbilanz ( 37-43) ist für Jesus keinesfalls der Anlass, aufzugeben, sich verbittert abzuwenden (ihr wolltet ja nicht“) und die die ihn „nicht aufnehmenden“ Menschen (1,11) ihrem Schicksal zu überlassen.“ (G. Voigt, Licht – Liebe – Leben, Das Evangelium nach Johannes, Göttingen 1991, S. 202)

 Es bleibt beim Auftrag zur Verkündigung, auch wenn es um das Hören schlecht steht. Wie sonst sollte in Mitteleuropa, dem „Katastrophengebiet der Christenheit“ ( Peter L. Berger) auch sonst durchgehalten werden? Es gibt so viele Gottesdienste, die unter Finanz-technischen Gesichtspunkten nur kosten und nichts bringen. Gottesdienste, in denen nur zwei, drei Leute sitzen, noch dazu „nur“ Alte, silbergraue Köpfe. Nicht die zukunftsträchtige Jugend. Müsste, sollte, dürfte man da nicht den Betrieb einstellen?

 Nein, sagt die Platzierung der Jesus-Rede nach diesem doch eher ernüchternden Befund: Weiter sagen. Es wird Hörer geben. Und es wird schon so bleiben, wie es Gott versprochen hat: „Denn gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und lässt wachsen, dass sie gibt Samen zu säen und Brot zu essen, so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende.(Jesaja 55,10-11) Der Evangelist hat seine Propheten gelesen! Das alles signalisiert das eine Wort: aber

 44 Jesus aber rief: Wer an mich glaubt, der glaubt nicht an mich, sondern an den, der mich gesandt hat. 45 Und wer mich sieht, der sieht den, der mich gesandt hat. 46 Ich bin in die Welt gekommen als ein Licht, damit, wer an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibe.

 Es liest sich wie eine Zusammenfassung des Redens Jesu. Jesus sucht nicht seine Ehre, sondern die Ehre des Vaters, nicht seine Herrlichkeit, sondern die Herrlichkeit des Vaters. Und so sucht er auch im Tiefsten nicht den Glauben an sich, sondern an den, der ihn gesandt hat, an den Vater im Himmel. Zugleich darf ich wohl sagen: Da ist trotz aller Unterscheidung kein Unterschied: Wer mich sieht, der sieht den, der mich gesandt hat. Andernorts wird er sagen: Wer mich sieht, der sieht den Vater! (14,9)

 Das sind nicht Worte aus einem – irgendwie übersteigerten – Selbstbewusstsein. Obwohl Hörer zu ihm sagen können: „Was machst du aus dir?“ (8,53) Es sind Worte, die die Willens- und Wesenseinheit Jesu mit dem Vater zum Ausdruck bringen. „Er ist der Offenbarer, der Gott sichtbar macht.(R. Bultmann, Das Evangelium des Johannes, Göttingen 1957, S. 262) Darum und darin ist er das Licht der Welt. Und darum ist, wer an ihn glaubt, einer, der im Dunkel der Welt, in der Finsternis, weiß, wohin er geht, wem er folgt. Wer Jesus folgt, ihm glaubt, lebt im Licht.

 47 Und wer meine Worte hört und bewahrt sie nicht, den werde ich nicht richten; denn ich bin nicht gekommen, dass ich die Welt richte, sondern dass ich die Welt rette. 48 Wer mich verachtet und nimmt meine Worte nicht an, der hat schon seinen Richter: Das Wort, das ich geredet habe, das wird ihn richten am Jüngsten Tage.

 Der Gedanke wird weitergesponnen: In den Worten Jesu wird zum Glauben gerufen, zur Richtungsentscheidung des Lebens. Bleibe ich in der Richtung, die mein Leben ohne ihn hat? Oder bewahre ich die Worte Jesu, schenken ihnen Vertrauen und richte mein Leben danach aus?

 Wo immer der Glauben „angeboten“ wird als Lebensweg, gibt es auch die Möglichkeiten, dieses Angebot, diese Einladung auszuschlagen. Dann gilt es, die Konsequenz dieser Ablehnung zu tragen. Das nennt Johannes Gericht. Es ist nicht das Ziel der Worte Jesu. Sein Ziel ist, dass wir hören und glauben. Aber es ist die „unmögliche Möglichkeit“ (K.Barth) des Menschen, diesen Ruf zu hören und darüber zur Tagesordnung über zu gehen.

 Dann freilich schließt man sich selbst aus von dem Weg, der geöffnet ist durch den Ruf zum Glauben. Gericht ist – so höre ich es bei Johannes – nicht ein Sonderakt irgendwann, sondern es vollzieht sich im Hören oder Nichthören, im Verweigern des Glaubens.

 Tausend Beispiele des Alltags stehen für diese Erfahrung: Wer nicht will, hat schon. Wer sich zum Fest nicht einladen lässt, kann nicht erwarten, dass das Fest ausfällt. Es findet nur ohne ihn statt. Ist das unfair vom Gastgeber?

 49 Denn ich habe nicht aus mir selbst geredet, sondern der Vater, der mich gesandt hat, der hat mir ein Gebot gegeben, was ich tun und reden soll. 50 Und ich weiß: sein Gebot ist das ewige Leben.

 Noch einmal wird der Gedanke weiter getrieben. Die Worte Jesu sind nicht seine Worte. Sie sind ihm gegeben. Hinter den Worten Jesu steht nicht eine eigentümlich geprägte Frömmigkeit, sondern der Vater im Himmel. Es geht um mehr als um Auslegungsfragen, über die Menschen streiten. Und Jesus ist nicht nur ein Ausleger unter anderen. Es geht um die Frage letzter Autorität. Und der Anspruch Jesu ist: Ich rede in der Autorität dessen, der sein Wort als Gebot vom Vater empfangen hat.

 Was ist das für ein Gebot? Εντολή steht da und nicht νόμος. Das mag ein erster Hinweis sein: Es geht nicht um Gesetz, um Gesetze, die zu halten sind. Sondern m eine Wegweisung. Um hier mehr zu verstehen, lese ich schon einmal vor, da, wo auch wieder εντολή stehen wird: Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander lieb habt. Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.“ (13,34-35) In dieser Liebe, die aus dem Vater entspringt und zum Vater und zu den Brüdern und Schwestern hinführt, liegt das Leben.

Darum: was ich rede, das rede ich so, wie es mir der Vater gesagt hat.

So kennzeichnet Jesus abschließend seine Botschaft. „Gott selber hat ihm geboten, was er reden sollte.“ (J. Schneider, Das Evangelium nach Johannes, Theol.Handkommentar zum NT; Berlin 1985, S. 240) Das gibt seinen Worten letzte Autorität. Sie sind gesprochen aus dem Gehorsam gegen den Vater. Zur Einheit des Wesens und des Willens kommt die Einheit im Gehorsam. Was bei den Synoptikern am Anfang des Weges Jesu in der Einsamkeit der Versuchung in der Wüste geklärt wird, dass Jesus Sohn ist als der Gehorsame, der allein Gott anbeten und dienen (Matthäus 4,10) will, das wird hier abschließend, angesichts der herannahenden Passion, über den Weg Jesu gestellt. Jesus wird geleitet durch den Gehorsam gegen den Vater.

 Worte zum Leben, Worte aus der Ewigkeit, Worte, auf die ich mein Leben bauen kann. Jesusm Deine Worte.

Sie hören und ihnen folgen ist Leben, öffnet die Zukunft Gottes in Dir. Ich möchte diese Worte unter meine Füße nehmen, ihnen meine Hände leihen, aus ihnen Kraft schöpfen. Ich möchte, dass sie mein Leben durchdringen und es wandeln in die Gestalt, die Dir entspricht, Du liebender und rufender Christus. Amen