Mager!

Johannes 12, 37 – 43

 37 Und obwohl er solche Zeichen vor ihren Augen tat, glaubten sie doch nicht an ihn,

 Es hört sich an wie ein Resümee des Weges Jesu. Alle Zeichen, alles Reden hat die Herzen nicht erreicht. Johannes hat es mehrfach angedeutet: Der Glauben, der sich an den Zeichen festmacht, ist noch nicht der Glauben, um den es geht. Der Glauben, der Wunder braucht, steht auf wackligen Beinen – was, wenn die Wunder ausbleiben? Und sind nicht alle Wunder zwei-deutig?

 Aber Johannes ist über seine Resümee auch nicht sonderlich verwundert. Das kann er auch nicht sein, so wie er im Prolog schon formuliert hat: Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn gemacht; aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf. (1,10-11) Und fast resigniert könnten diese Worte Jesu aus der Mitte seines Weges gelesen werden: „Tue ich nicht die Werke meines Vaters, so glaubt mir nicht; tue ich sie aber, so glaubt doch den Werken, wenn ihr mir nicht glauben wollt, damit ihr erkennt und wisst, dass der Vater in mir ist und ich in ihm.“ (10, 37-38) Und dennoch geht Jesus seinen Weg und sucht nach denen, die an ihn glauben, um sie zu rufen.

 38 damit erfüllt werde der Spruch des Propheten Jesaja, den er sagte (Jesaja 53,1): »Herr, wer glaubt unserm Predigen? Und wem ist der Arm des Herrn offenbart?« 39 Darum konnten sie nicht glauben, denn Jesaja hat wiederum gesagt (Jesaja 6,9-10): 40 »Er hat ihre Augen verblendet und ihr Herz verstockt, damit sie nicht etwa mit den Augen sehen und mit dem Herzen verstehen und sich bekehren und ich ihnen helfe.« 41 Das hat Jesaja gesagt, weil er seine Herrlichkeit sah und redete von ihm.

 Diese „Erfolglosigkeit“ Jesu wird nicht ihm angelastet. Sie ist von Anbeginn an im Blick. Die Worte des Jesaja werden angeführt. So wie Jesaja blinden Augen und tauben Ohren seine Botschaft ausgerichtet hat, so ist es auch bei Jesus. „Der Unglaube ist kein Zufall, sondern von Gott gewollt: In diesem Unglauben Israels gegenüber Jesu Wundertaten erfüllt sich ja nichts anderes als die Weissagung aus Jesaja.“(S. Schulz, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen 1975 S. 169)

Was fange ich damit an? „Der normale Erfolg des Evangeliums ist der Misserfolg.“(G. Voigt, Licht – Liebe – Leben, Das Evangelium nach Johannes, Göttingen 1991, S. 201) Und das soll Gottgewollt sein? Dass seine Botschaft taube Ohren trifft, verschlossene Herzen? Worte wie in diesen Versen haben mit dazu geführt, dass die Lehre von der doppelten Prädestination entwickelt worden ist. Sie geht davon aus, dass es eine Vorherbestimmung zum Heil und auch zum Unheil gibt, einen schrecklichen Ratschluss“ (Calvin). Ich wehre mich dagegen. Ich glaube, „dass Gott will, dass allen Menschen geholfen werden und sie zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen.“(1. Timotheus 2,4)

 Von diesem Wort her sehe ich das Nicht-Hören nicht als eine Erfüllung ewiger Prädestination, sondern als eine zeitliche Verweigerung. Es ist damit nichts gesagt über eine ewige Verwerfung. Ich glaube den Apostel Paulus an meiner Seite: „Im Blick auf das Evangelium sind sie zwar Feinde um euretwillen; aber im Blick auf die Erwählung sind sie Geliebte um der Väter willen. Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen. Denn wie ihr zuvor Gott ungehorsam gewesen seid, nun aber Barmherzigkeit erlangt habt wegen ihres Ungehorsams,so sind auch jene jetzt ungehorsam geworden wegen der Barmherzigkeit, die euch widerfahren ist, damit auch sie jetzt Barmherzigkeit erlangen. Denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme.“(Römer 11, 28-32) Man darf sich nicht zum Gefangenen alter Lehrentscheidungen des 16. Jahrhunderts machen, sondern muss für sich selbst in der Gemeinschaft der Brüder und Schwestern Wege finden, die biblische Botschaft ernst zu nehmen und sie heute zu lehren und zu leben.

 42 Doch auch von den Oberen glaubten viele an ihn; aber um der Pharisäer willen bekannten sie es nicht, um nicht aus der Synagoge ausgestoßen zu werden. 43 Denn sie hatten lieber Ehre bei den Menschen als Ehre bei Gott.

 Ist es ein korrigierender Nachtrag? Es gibt auch unter den Oberen – gemeint ist doch wohl der Hohe Rat – viele, die an ihn glauben. Nicht nur einige wenige. Viele. Nicht alle Ohren sind verschlossen. Nikodemus, Joseph von Arimathia stehen für andere. Sie finden nicht den Mut, sich offen und öffentlich zu bekennen. „Es blieb bei einem sprachlosen Glauben.“ (S. Schulz, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen 1975 S. ) Es kann gut sein, dass sich in diesen Anmerkungen Erfahrungen aus späterer Zeit spiegeln, als es zu einer Trennung der jungen Christenheit von der Synagoge kommt.

 Die Deutung des Johannes ist: Es ist Menschenfurcht, die das Bekennen stumm macht, die den Schritt zum öffentlich bekannten Glauben unterlassen lässt. Wenn die Gemeinde, die das Johannes-Evangelium zuerst liest, eine bedrängte Gemeinde ist, dann ist die Frage nach dem öffentlichen Bekenntnis eine Frage, die an ihre Existenz rührt. Wer sich bekennt, riskiert wirklich womöglich sein Leben. Aber wer seinen Glauben verschweigt, in Worten und in Werken, riskiert womöglich seinen Glauben. Wenn wir unseren Glauben nicht zum Ausdruck bringen in Worten und Werken, dann verliert er irgendwann seine Lebenskraft. Es bleiben Überzeugungen übrig, Sätze. Aber das Leben geht seinen Weg.

Herr Jesus
ich bin blind gewesen
Du hast mir die Augen geöffnet.
Ich bin taub gewesen
Du hast mir ins Ohr gesprochen
Ich bin verschlossenen Herzens gewesen
Du hast mir das Herz berührt

Dass ich glaube
Dir und an Dich glaube
ist Dein Werk
Dass der Weg meines Glaubens nicht versandet ist
ist Deine Gabe
Dass ich Schritte getan habe auf diesem Weg
Du hast mich gezogen

Herr Jesus
so hoffe ich für alle
bei denen ich taube Ohren
blinde Augen
verschlossene Herzen spüre
Rühre Du sie an in der Kraft Deiner Liebe. Amen