immer nur ein Anfangen

Johannes 12, 34 – 36

 34 Da antwortete ihm das Volk: Wir haben aus dem Gesetz gehört, dass der Christus in Ewigkeit bleibt; wieso sagst du dann: Der Menschensohn muss erhöht werden? Wer ist dieser Menschensohn?

 Hier prallen angelernte Sichtweisen und das Wissen Jesu um seinen Weg aufeinander. Angelernt und als Hoffnung im Volk präsent ist die Erwartung: Der Messias kommt und alles wird gut. Jetzt. Hier. Auf Erden. Das spüren sie aus dem Reden Jesu: Da ist ein anderes Bild vom Weg des Messias da. Was heißt das: Der Menschensohn muss erhöht werden? Von welchem Geschehen ist da die Rede? Und wer ist das? Ein anderer als der Messias? Oder ein anderer Messias als wir ihn erhoffen?

Weiter getrieben, steckt hinter den Fragen: „Wenn du dich als Menschensohn bezeichnest, es aber ablehnst, die messianischen Erwartungen zu erfüllen, dann ist der messianische Anspruch, den du erhebst, fragwürdig.“(J. Schneider, Das Evangelium nach Johannes, Theol.Handkommentar zum NT; Berlin 1985, S. 233) Es ist so mit Hände zu greifen: In der Begegnung mit Jesus zerbrechen die Bilder, die sich das Volk vom Christus macht, die es aus den Schriften gewonnen hat. Es braucht ein neues, anderes Lesen der Schrift, mit dem Schlüssel der Person Jesu.

35 Da sprach Jesus zu ihnen: Es ist das Licht noch eine kleine Zeit bei euch. Wandelt, solange ihr das Licht habt, damit euch die Finsternis nicht überfalle. Wer in der Finsternis wandelt, der weiß nicht, wo er hingeht. 36 Glaubt an das Licht, solange ihr’s habt, damit ihr Kinder des Lichtes werdet.

 Dieses Lichtwort – sagt der Exeget Rudolf Bultmann – passt wunderbar an den Schluss der Heilung des Blindgeborenen. Hier scheint es irgendwie nicht wirklich zu passen. Nun steht es aber hier – quer zur Frage des Volkes. Keine wirkliche Antwort.

 Ich lese so: Jetzt ist noch Zeit. Das Licht scheint noch. Die Dunkelheit der Passion hat noch nicht eingesetzt. Ihr könnt euch jetzt noch orientieren, bevor euch das Geschehen orientierungslos machen wird. Es geht darum, sich an ihn zu halten, sich an ihm fest zu machen, damit man nicht ins Schleudern kommt, wenn man sieht, was mit ihm geschieht.

 Es wird ja so sein: Im Geschehen der Passion werden sie alle in die Irre gehen, ratlos sein, ihn nicht mehr verstehen. „Wir aber hofften“ (Lukas 24, 21) Und jetzt: zerplatzte Seifenblasen! Damit das nicht geschieht, darum sollen sie im Licht wandeln lernen, sich einüben in das Vertrauen auf ihn. So, in solchem Glauben, beginnt es, dass ihr Kinder des Lichtes werdet.

 Seelsorge am Volk. Ruf zum Glauben, bevor die Dinge ihren Lauf nehmen. Es ist eine letzte Ansprache Jesu an das Volk. Danach wird er nicht mehr zum Volk sprechen. Nur noch zu seinen Jüngern und nur noch im Rahmen des Prozesses. Gerade weil es die letzten Worte Jesu an das Volk sind, bekommen sie ihr eigenes Gewicht.

 Und von daher erklärt sich mir auch, warum sie hier stehen. Es ist eine letzte Erfüllung seines Auftrages, mit dem er in die Welt gekommen ist. „Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde. Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, denn er glaubt nicht an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes.“(3, 17-18) So hat es Jesus in seiner ersten „Offenbarungsrede“ an Nikodemus gesagt und zum Glauben gerufen. So sagt er es jetzt in seiner letzten „Offenbarungsrede“ und ruft wieder zum Glauben.

 Das redete Jesus und ging weg und verbarg sich vor ihnen.

 Es ist alles gesagt. Jesus zieht sich aus der Öffentlichkeit zurück. Was ihnen bleibt, sind die Worte, die sie gehört haben.

Herr Jesus                                                                                                                           mit Fragen komme ich nie ans Ende                                                                                Mein Begreifen ist immer nur ein Anfangen                                                                           tasten                                                                                                                              suchen                                                                                                                                          die Sehnsucht zulassen

Und wenn ich genug gefragt habe                                                                                     stehe ich immer noch am Anfang des Begreifens                                                                 So wird es wohl bleiben                                                                                                     mein Leben lang

Das tröstet mich                                                                                                                   dass Du mich ansiehst                                                                                                     mich Fragenden                                                                                                                  Suchenden                                                                                                                       Tastenden                                                                                                                         mich mit meiner Sehnsucht nach Klarheit                                                                           und sagst                                                                                                                               Es ist genug                                                                                                                        Halte Dich in das Licht                                                                                                              an das Licht

Und wenn Du vom Suchen und Fragen erschöpft bist                                                      aufgeben willst                                                                                                                      „Am Ende bin ich noch immer bei dir.“                                                                                 Das genügt mir. Amen