Sehen über das Sehen hinaus

Johannes 12, 27 – 33

 27 Jetzt ist meine Seele betrübt. Und was soll ich sagen? Vater, hilf mir aus dieser Stunde?

 Da geht kein unberührter Gott-Mensch über die Erde. Da ist es zu spüren: dieser Weg des Weizenkorns wird erkämpft, innerlich erstritten. Dieses das eigene Leben Loslassen ist Mühe, Arbeit, auch der Seele.Ψυχή μου –meine Seele, ich bin betrübt. Nicht nur ein innerer Teil Jesu – er selbst. „Er hat in den Tagen seines irdischen Lebens Bitten und Flehen mit lautem Schreien und mit Tränen dem dargebracht.“(Hebräer 4,7) Johannes erzählt nichts vom Gebetskampf Jesu in Gethsemane. Aber dies hier ist wie Gethsemane. Die Stunde, in der die Frage nach einem Ausweg da ist.

 Doch darum bin ich in diese Stunde gekommen. 28 Vater, verherrliche deinen Namen!

 Und die Stunde, in der es den Gehorsam zu wahren und zu bewähren gilt. „Ich und der Vater sind eins.“ (10,30) Aus dieser Einheit handelt er. Und wenn er in dieser Einheit mit dem Vater seinen Weg geht, dann leuchtet die Herrlichkeit Gottes auf. Es ist der Weg Gottes, der vor ihm ist, auf dem er sein Leben lässt, durch den er in die Erde gesenkt wird. Dass er sich auf diesen Weg schicken lässt, darum bitter er, wenn er betet: Vater, verherrliche deinen Namen! In Gethsemane hört sich das so an: „Vater, willst du, so nimm diesen Kelch von mir; doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe!“(Lukas 22,42) Und es gilt nicht nur für Jesus, sondern bis zu uns: Wo wir uns in den Willen Gottes geben, seinen Willen suchen, da leuchtet seine Herrlichkeit auf.

 Da kam eine Stimme vom Himmel: Ich habe ihn verherrlicht und will ihn abermals verherrlichen.

 Es gibt eine Antwort auf das Gebet. Vom Himmel. Von oben.(3,31; 8,23) Von daher, von wo Jesus gekommen ist. Eine Stimme vom Himmel: – so wird bei den Synoptikern der Weg Jesu in seiner Taufe unter das Ja Gottes gestellt. Hier wird durch diese Stimme der Weg in die Passion gedeutet als der Weg, auf dem der Name Gottes abermals verherrlicht werden wird. Es ist der ganze Weg Jesu, wie ihn Johannes erzählt, der der Verherrlichung des Namens Gottes dient. „Wie die Vergangenheit und Zukunft, so sind deshalb auch die δόξα des Vaters und die δόξα des Sohnes aneinander gebunden.“(R. Bultmann, Das Evangelium des Johannes, Göttingen 1957, S. 329)

 29 Da sprach das Volk, das dabeistand und zuhörte: Es hat gedonnert. Die andern sprachen: Ein Engel hat mit ihm geredet. 30 Jesus antwortete und sprach: Diese Stimme ist nicht um meinetwillen geschehen, sondern um euretwillen.

 Wie so oft: die Leute bekommen etwas mit. Aber sie verstehen es nicht. Die einen hören Donner. Die anderen,“religiöser“ veranlagt, vermuten einen Engel. Und doch sagt Jesus; nicht ich – ihr braucht diese Stimme. Damit ihr eine Ahnung bekommt, das hier mehr im Gange ist als ein irdisches Geschehen.

 31 Jetzt ergeht das Gericht über diese Welt; nun wird der Fürst dieser Welt ausgestoßen werden. 32 Und ich, wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen. 33 Das sagte er aber, um anzuzeigen, welchen Todes er sterben würde.

 Das aber ist der tiefste Sinn dieser Stunde: Das Gericht über diese Welt. Was alle für eine ferne Zukunft erwarten, für das Jüngste Gericht, das geschieht jetzt. Es ist kein besonderer Gerichtsakt, sondern in der Person Jesu, der den Weg der Passion auf sich nimmt, wird die Frage nach Glauben oder Unglauben gestellt und beantwortet. Hatte er doch früher gesagt: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen.“ (5,24) Wenn er verherrlicht wird durch den Vater, wird dieses, sein Wort, bestätigt und in Kraft gesetzt.

 Und der Fürst dieser Welt hat keine Macht mehr an denen, die so an Jesus glauben. Es ist einmal mehr so, dass das Zeugnis des Johannes, das sich mit dem Zeugnis anderer Zeugen berührt: „Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz.“ (Lukas 10,17) Und im letzten Buch der Bibel: „Und ich hörte eine große Stimme, die sprach im Himmel: Nun ist das Heil und die Kraft und das Reich unseres Gottes geworden und die Macht seines Christus; denn der Verkläger unserer Brüder ist verworfen, der sie verklagte Tag und Nacht vor unserm Gott.“ (Offenbarung 12,10) Es ist kein Platz mehr für den Verkläger, für den Ankläger. Er mag noch eine Stimme haben, aber sie wird nicht mehr gehört. Er mag noch Macht haben, aber sie ist wirkungslos. Nur noch ein Zucken. Keine Teufelsangst mehr. Fürchtet euch nicht!

 Denn: die Zukunft ist geklärt. Der Himmel hat aufgeklart: Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen. Da ragt ein Kreuz in den Himmel und wird zur Leiter, durch die der Himmel die Erde berührt. Zur Leiter, auf der Gott herabsteigt in die tiefste Tiefe, damit er uns mit sich nehmen kann in den Himmel voller Seligkeiten.

 Herr Jesus                                                                                                                            ich sehe Dich an                                                                                                               einen Menschen                                                                                                                   Prediger                                                                                                                                Wanderer                                                                                                                               der Zeichen wirkt                                                                                                                      mit Worten die Seele berührt

Aber dass mir die Augen aufgehen                                                                                         und ich in Dir die Herrlichkeit des Vaters sehe
ich Deine Herrlichkeit sehe                                                                                              aufleuchten im Dunkel der Welt                                                                                            das ist mehr als mein Sehvermögen leisten kann                                                               Das übersteigt mein Sehen und Begreifen                                                                      Dazu musst Du mich ziehen durch Deinen Geist. Amen