Freude, die nicht schweigen kann

Johannes 12, 12 – 19

12 Als am nächsten Tag die große Menge, die aufs Fest gekommen war, hörte, dass Jesus nach Jerusalem käme, 13 nahmen sie Palmzweige und gingen hinaus ihm entgegen und riefen: Hosianna! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn, der König von Israel!

Szenen-Wechsel. Hat sich die Salbung in „geschlossener Gesellschaft“ zugetragen, so findet jetzt alles in der Öffentlichkeit statt. Jerusalem ist ein Bienenschwarm von Fest-Pilgern. Am Passa will jedermann in Jerusalem sein. Unter dieser Menge spricht es sich herum, dass Jesus nach Jerusalem kommt. Er war nach dem Aufriß des Johannes-Evangelium schon zweimal in Jerusalem. Zum Beginn seiner Lebensreise kommt es zu dem Eklat im Tempel. Und zu seiner kryptischen Ansage: „Brecht diesen Tempel ab und in drei Tagen will ich ihn aufrichten.“ (2,19) Zum zweiten Mal ist er – nach längerem Zögern – wieder in Jerusalem am Laubhüttenfest. Auch da kommt es zu einer höchst bedeutungsvollen Aussage: Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen. (7,37-38)

 Jetzt also das dritte Mal. Und diesmal steht am Anfang nicht ein Wort Jesu, sondern ein Jubelruf der Menge. „Hosianna! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn, der König von Israel!“ Ein Psalmzitat (Psalm 118, 26) Dort gilt der Ruf dem Volk, das zum Haus des Herrn gehört, vom Haus der Herrn her kommt. Wenn man so will: dem Kollektiv.

Hier gilt der Ruf ihm allein, Jesus und preist ihn als den „messianischen König.“ (R. Bultmann, Das Evangelium des Johannes, Göttingen 1957, S.319) Ob die Menge – hier steht όχλος, die Menge, der Haufe, ja der Pöbel und nicht λαός, das Bundesvolk (beides nach Gemoll, Griechisch-Deutsches Schul- und Handwörterbuch, München 1957) S.560 /S.465) – dieser bunt zusammengewürfelte Haufen weiß, was er da ruft? Schon einmal wollte ein Volkshaufen Jesus „zum König zu machen“ (6,15). Damals, am See, entzieht sich Jesus. Jetzt lässt er sie gewähren.

 14 Jesus aber fand einen jungen Esel und ritt darauf, wie geschrieben steht (Sacharja 9,9): 15 »Fürchte dich nicht, du Tochter Zion! Siehe, dein König kommt und reitet auf einem Eselsfüllen.«

 Von einem Suchen Jesu wird nichts erzählt. Auch ist das Reittier nicht – wie bei den Synoptikern erzählt, gewissermaßen vorbestellt. Die Szene wirkt nicht vorbereitet, braucht es auch nicht zu sein, weil hinter den Geschehen „die unsichtbare Regie Gottes steht.“ (G. Voigt, Licht – Liebe – Leben, Das Evangelium nach Johannes, Göttingen 1991, S. 193) Jesusfindet den jungen Esel, so wie am Anfang des Evangeliums Andreas seinen Bruder Simon findet und Jesus den Philippus findet.(1, 41 + 43)

Daran freilich liegt dem Evangelisten, dass seine Leser das verstehen: In diesem Finden und in diesem Ritt auf einem Esel erfüllt sich alte Prophetie. Und: Der Einzug Jesu ist ein Freudenereignis und nichts zum Fürchten. Das ist ja oftmals anders, wenn Könige kommen – dann hat oft das Volk nichts zu lachen und nichts zu feiern. Hier aber wird ein Ende der Furcht angesagt: Fürchte dich nicht, du Tochter Zion! Wir lesen oft genug aus der Zeit Jesu, dass die Tochter Zion allen Grund zur Furcht hat.

 Wenn das Johannes-Evangelium so spät geschrieben ist, wie fast alle Exegeten annehmen, dann liegen ja diese furchtbaren Jahre der Belagerung und Zerstörung der Stadt im Jahr 70 n Chr. noch nicht so weit zurück. Dann freilich bekommt dieser Ruf noch einmal einen neuen, anderen Klang als Ruf über die Furcht und den Schrecken hinaus.

 16 Das verstanden seine Jünger zuerst nicht; doch als Jesus verherrlicht war, da dachten sie daran, dass dies von ihm geschrieben stand und man so mit ihm getan hatte.

 Es ist kein Wunder, dass es die Jünger nicht gleich verstehen. Wir haben es uns angewöhnt und in mancher Predigt wird es gerne ausgemalt, dass die Jünger begriffsstutzige Leute waren, ein wenig tölpelhaft. Nicht auf der Höhe der Zeit. Ich werde an dieser Stelle immer vorsichtiger. Es braucht oftmals – lange – Zeit, bis aus Augenzeugenschaft auch ein Verstehen wird, bis einem wirklich die Augen aufgehen. Wir verstehen oftmals erst im Nachhinein, in der Erinnerung. Auch darum ist Erinnerung so wichtig, weil sie uns manches Geschehen in seiner Bedeutung überhaupt erst erschließt.

 17 Das Volk aber, das bei ihm war, als er Lazarus aus dem Grabe rief und von den Toten auferweckte, rühmte die Tat. 18 Darum ging ihm auch die Menge entgegen, weil sie hörte, er habe dieses Zeichen getan.

 Es scheint so, als träfen hier zwei Volksmengen aufeinander. Einmal Leute, die die Auferweckung des Lazarus miterlebt haben – unbegreifliches Zeichen der Macht Jesu, Ausweis der lebensschaffenden Kraft, die er von Gott her hat. Und sie hören nicht auf, davon zu erzählen, dieses Geschehen zu bezeugen – so kann man auch übersetzen. Und als Jesus aufbricht von Bethanien nach Jerusalem und sie mit ihm, da liegt die Luft voller Hoffnung. Ihnen begegnen die, die davon nur gehört haben und doch davon angezogen sind.

 Vielleicht darf man das auch als Arbeits-Hinweis des Johannes an die Leser des Evangeliums auffassen: Es geht darum, nicht aufzuhören zu bezeugen, was sie gesehen haben, erlebt haben, die eigenen Hoffnungen, die sich an Jesus festmachen, zur Sprache zu bringen und so andere dazu zu bringen, dass sie ihm auch entgegen gehen.

 19 Die Pharisäer aber sprachen untereinander: Ihr seht, dass ihr nichts ausrichtet; siehe, alle Welt läuft ihm nach.

Bleibt nur noch diese Schlussbemerkung. Die Pharisäer – sie stehen wohl zugleich für die Hohenpriester – sehen alle ihre Befürchtungen bestätigt. Das Volk läuft ihm zu. Es inszeniert messianische Auftritte. Es wird nicht mehr lange dauern, bis die Römer für Ordnung sorgen. Aber das ist eine ganz unkalkulierbare Geschichte. Wenn die Staatsmacht eingreift, durchgreift, weiß man nie, wie viele Opfer es gibt. Wenn die Pharisäer „nicht handeln wie beschlossen, so ist die Gefahr nicht mehr zu bannen.“ (R. Bultmann, Das Evangelium des Johannes, Göttingen 1957, S. 321f.)

 Jesus                                                                                                                                   manche reden von Dir einfach nur                                                                                           weil sie etwas erfahren haben                                                                                              ein Zeichen Deiner Macht gesehen haben                                                                            Sie müssen nicht erst alles verstanden haben                                                                   bevor sie Dich rühmen

Wir dürfen schon von Dir reden                                                                                           wenn wir einfach nur fasziniert sind                                                                                      davon erzählen                                                                                                                     was wir mit Dir erlebt haben                                                                                                  was uns Dir vertrauen lässt

Gib uns die Begeisterung ins Herz                                                                                          die Freude                                                                                                                                 die nicht von Dir schweigen kann                                                                                       und andere ansteckt und auf den Weg bringt                                                                       Dir entgegen. Amen