Wie weit die Liebe gehen kann

Johannes 12 1 – 11

 1 Sechs Tage vor dem Passafest kam Jesus nach Betanien, wo Lazarus war, den Jesus auferweckt hatte von den Toten. 2 Dort machten sie ihm ein Mahl und Marta diente ihm; Lazarus aber war einer von denen, die mit ihm zu Tisch saßen.

 Wieder in Betanien. Bei den Geschwistern, die er lieb hat. An dem Ort der Totenauferweckung. Marta dient zu Tisch. Wie gewöhnlich hat „sie viel zu schaffen“ (Lukas 10,40) So eine Männergesellschaft bewirtet sich nicht von selbst. Lazarus sitzt mit am Tisch. Er ist auch nach seiner Auferweckung Mensch unter Menschen.

3 Da nahm Maria ein Pfund Salböl von unverfälschter, kostbarer Narde und salbte die Füße Jesu und trocknete mit ihrem Haar seine Füße; das Haus aber wurde erfüllt vom Duft des Öls.

 Da – im Fortgang des Mahles. Plötzlich. Maria. Sie war vorher schon da. Aber jetzt wird sie aktiv. Sie salbt die Füße Jesu. Sie verwendet dazu eine Überfülle an Salböl. Nicht nur mehr als genug. Mehr als zuviel. So viel, dass das Haus duftet.

 Salbungen an sich sind nichts Ungewöhnliches bei einem Gastmahl. Ein hoher Gast wird so geehrt. Dass es aber seine Füße sind, fällt aus dem Rahmen. Bei Matthäus und Markus, die wie Lukas ja gleichfalls eine Salbung Jesu erzählen, und wie Johannes in der Nähe der beginnenden Passion, wird das Haupt Jesu gesalbt. Hier also die Füße. „Mit dieser Tat ist die Tiefe der Verehrung der Maria hervorgehoben.“ (S. Schulz, Das Evangelium nach Johannes, NTD 4, Göttingen 1975 S. 164)

 Noch beim Lesen ziehe ich instinktiv die Füße zurück. Obwohl ich doch nicht Jesus bin. Was ist das für ein unglaublich intimer Akt: Da beugt sich diese Frau über seine Füße, löst ihr Haar und trocknet die Füße mit ihrem Haar. Der Duft, den sie an diesen Mann gewendet hat, haftet nun auch an ihrem Haar. „Der wunderbare Duft des Lebens“ (G. Voigt, Licht – Liebe – Leben, Das Evangelium nach Johannes, Göttingen 1991, S. 189) haftet ihr nun an.

Warum nur die Füße? Das Schweigen der Kommentare, die ich lese, an dieser Stelle fällt mir auf. Wie wäre es denn, diese „Behandlung“ der Füße Jesu in Parallele zu lesen zu seiner Behandlung der Füße des Petrus, wie sie wenig später erzählt wird? Da wird es heißen: Wenn ich dich nicht wasche, so hast du kein Teil an mir. Spricht zu ihm Simon Petrus: Herr, nicht die Füße allein, sondern auch die Hände und das Haupt!“ (13, 8-9) Darum geht es, dass das eine Leben Anteil am anderen Leben gewinnt. Ist das hier auch so, dann gewinnt Jesus Anteil an der Lebendigkeit der Maria und sie gewinnt Anteil an ihm.

 4 Da sprach einer seiner Jünger, Judas Iskariot, der ihn hernach verriet: 5 Warum ist dieses Öl nicht für dreihundert Silbergroschen verkauft worden und den Armen gegeben? 6 Das sagte er aber nicht, weil er nach den Armen fragte, sondern er war ein Dieb, denn er hatte den Geldbeutel und nahm an sich, was gegeben war.

 Wie oft ist das: Wir erleben etwas mit und verstehen nicht, was da geschieht. Es tut gut, sich das Urteil über Judas Iskariot ein wenig moralfrei zu halten. Er kommt hier schlecht weg. Vielleicht als Entlastung für alle, die so wenig wie er verstehen, was sich da als Beziehung zeigt. Für den Evangelisten ist es klar: Sein Blick ist getrübt, weil er nur Geld sieht und nur in Geldwerten denken kann. Schlimmer: Weil er ein Dieb ist. Aber das alles sind Urteile, die die Geschichte in ihrem Fortgang eher stören. Ich jedenfalls weiß, wie sehr mich das alles irritiert hätte.

 7 Da sprach Jesus: Lass sie in Frieden! Es soll gelten für den Tag meines Begräbnisses. 8 Denn Arme habt ihr allezeit bei euch; mich aber habt ihr nicht allezeit.

 Jesus geht auch gar nicht auf diesen Zwischenruf wirklich ein. Die Frage nach der sachgemäßen Verwendung kirchlicher Gelder ist nicht wirklich das Thema Jesu, erst recht nicht hier. Fast würde ich ihm in den Mund legen wollen: „Dazu braucht ihr mich nicht. Es reicht, dass ihr die Augen aufmacht.“ Da könnt ihr sachgemäß klären, was dran ist und werdet doch nie genug tun, denn: Arme habt ihr allezeit bei euch.

 Das Handeln der Maria liegt auf einer anderen Ebene. Es geht ihr nicht um arm und reich, um Verschwendung oder Demut. Es geht ihr um Jesus. Und er ist es, der jetzt deutet: Es soll gelten für den Tag meines Begräbnisses. In die gleiche Richtung heißt es bei Markus: „Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt für mein Begräbnis.“ (Markus 14,8) Aber: Dies ist die Deutung, die Jesus dem Geschehen gibt. Nicht die Deutung der Maria. Von ihr erfahren wir nicht, was sie über ihr Tun zu sagen hat.

 Eine Assoziation zu dieser Deutung Jesu beschäftigt mich: „Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen.“(Matthäus 25, 35-36) Auch hier haben wir eine Deutung aus dem Mund Jesu für ein Geschehen, das einfach so seinen Gang geht. Er deutet es als etwas, was an ihm geschieht, ihm zugute. Und so kommt es denen zu gut, die an ihm handeln. So auch hier.

 9 Da erfuhr eine große Menge der Juden, dass er dort war, und sie kamen nicht allein um Jesu willen, sondern um auch Lazarus zu sehen, den er von den Toten erweckt hatte. 10 Aber die Hohenpriester beschlossen, auch Lazarus zu töten; 11 denn um seinetwillen gingen viele Juden hin und glaubten an Jesus.

 Die Szene löst sich auf. Das intime Geschehen im Haus des Lazarus und seiner Schwestern verschwindet im öffentlichen Tumult, in der Neugier derer, die diesen Lazarus sehen wollen, der von den Toten auferweckt ist. Was für ein Spektakel!

 Aber diese plötzliche Berühmtheit birgt für Lazarus Gefahren. Ist doch seine bloße Existenz Beleg für die Wunderkraft Jesu, Haftpunkt für einen Glauben, der sich an Wundern festmachen will. Nimmt man den Haftpunkt, so die nüchterne Überlegung der Hohenpriester, bricht dieser Glaube in sich zusammen.

 Über die Situation hinaus: Der Jünger teilt das Schicksal des Meisters. Er geht nicht ungefährdet durch eine Welt, die dem Meister fremd gegenüber steht, ihn nicht aufnimmt (1, 11) Der Hinweis genügt dem Evangelisten. Von einer Tötung des Lazarus berichtet er nichts.

 Herr Jesus                                                                                                                               wie weit gehe ich in der Liebe zu Dir                                                                                  Wie sieht meine Hingabe an Dich aus                                                                                  Das frage ich                                                                                                                         weil ich an Maria sehe                                                                                                         wie sehr sie Dich liebt                                                                                                            Sie fragt nicht danach                                                                                                          wie andere das sehen                                                                                                          Sie fragt nicht danach                                                                                                           ob es nicht bessere Zeichen der Liebe gäbe                                                                          Sie liebt                                                                                                                          buchstäblich mit Haut und Haar

Und Du lässt es Dir gefallen                                                                                                weil Du ja auch liebst  –                                                                                                          bis zum Äußersten. Amen