Besser einer für Alle

Johannes 11, 46 – 57

 46 Einige aber von ihnen gingen hin zu den Pharisäern und sagten ihnen, was Jesus getan hatte.

 Es gibt nicht nur die Juden, die an Jesus glauben (11,45). Es gibt auch die, die sehen, was Jesus tut und es wie eine Materialsammlung für Anklagepunkte nutzen. Diese gehen zu den Pharisäern und informieren sie.

 47 Da versammelten die Hohenpriester und die Pharisäer den Hohen Rat und sprachen: Was tun wir? Dieser Mensch tut viele Zeichen. 48 Lassen wir ihn so, dann werden sie alle an ihn glauben, und dann kommen die Römer und nehmen uns Land und Leute.

 Diese Informationen werden weiter verarbeitet. Der Hohe Rat wird mit alledem befasst – auf Initiative der Hohenpriester und der Pharisäer. Die Hohenpriester – „Der Plural bezieht sich auf den amtierenden Hohenpriester, seine Amtsvorgänger und die Angehörigen der priesterlichen Familien.“ (J.Schneider, Das Evangelium nach Johannes, Theol. Handkommentar zum NT; Berlin 1985, S. 219, Anm. 2) Und die Pharisäer waren zur Zeit der Entstehung des Johannes-Evangeliums „die Repräsentanten der Synagoge“(G. Voigt, Licht – Liebe – Leben, Das Evangelium nach Johannes, Göttingen 1991, S. 184)

 Die Frage im Hohen Rat heißt: Was tun wir? Was wird geschehen, wenn sie Jesus gewähren lassen? Es scheint, als sei der Zulauf zu ihm nicht aufzuhalten. Und die Römer werden sich die Chance nicht entgehen lasen, auf eine messianische Bewegung zu reagierenmit der Übernahme der politischen Macht. Hinter diesem Denken wird gerne Eifersucht vermutet. Aber es kann ja auch wirklich echte Besorgnis von Leuten sein, die nur in diesen politischen Kategorien denken können. Es ist eine reale, wirkliche Gefahr: Eine Messias-Bewegung um Jesus wird die Römer zum Handeln zwingen. Nur dies können sie im Hohen Rat sehen.

49 Einer aber von ihnen, Kaiphas, der in dem Jahr Hoherpriester war, sprach zu ihnen: Ihr wisst nichts; 50 ihr bedenkt auch nicht: Es ist besser für euch, ein Mensch sterbe für das Volk, als dass das ganze Volk verderbe. 51 Das sagte er aber nicht von sich aus, sondern weil er in dem Jahr Hoherpriester war, weissagte er. Denn Jesus sollte sterben für das Volk 52 und nicht für das Volk allein, sondern auch, um die verstreuten Kinder Gottes zusammenzubringen.

Kaiphas hört die Ratlosigkeit und er antwortet auf sie. Geradezu sprichwörtlich. Nicht alle für einen, sondern einer für alle. Es ist besser für euch, ein Mensch sterbe für das Volk, als dass das ganze Volk verderbe. Es ist die Logik, die noch heute das Feld behält, in tausend politischen Krisen. Eine zutiefst „menschliche“ Logik. „Die politische Klugheit fordert, das kleinere Übel dem größeren vorzuziehen und verlangt die Durchführung des Grundsatzes, dass im Interesse des Volkes der Einzelne geopfert wird.“ (R. Bultmann, Das Evangelium des Johannes, Göttingen 1957, S. 314)

 So folgt Kaiphas seinem Gedanken und ist zugleich – ohne eigenes Wissen und womöglich wider Willen – einer, der weissagt. Das Verborgene ans Licht bringt. Die Wirklichkeit enthüllt. Es ist sein Amt, das ihn so reden lässt. Ihm den Durchblick „schenkt“. Es ist eine göttliche Ironie: Der den Weg des Sohnes Gottes brechen will, der seinen Weg als dem Weg Gottes widersprechen will, muss ihn in Wahrheit voranbringen, vorwärts, zur Erfüllung. Das ist ja der Wille des Vaters: Jesus sollte sterben für das Volk. Er soll die aus allen Völkern zusammenbringen, die Kinder Gottes sind, hinaus gestreut in das Völkermeer.

 Hier ist eine der seltenen Stellen im Johannes-Evangelium, wo der Weg des Evangeliums zu den Völkern direkt angedeutet wird.

 53 Von dem Tage an war es für sie beschlossen, dass sie ihn töteten.

 Dieses Wort des Kaiphas bringt die Entscheidung. Jesus soll sterben. Was im Hohen Rat jetzt beschlossen wird, ist Schlusspunkt einer Entwicklung. Schon nach der Heilung am Teich Bethesda heißt es: „Darum trachteten die Juden noch viel mehr danach, ihn zu töten, weil er nicht allein den Sabbat brach, sondern auch sagte, Gott sei sein Vater, und machte sich selbst Gott gleich.“ (5,18) Jesus meidet Jerusalem am Laubhüttenfest, „weil ihm die Juden nach dem Leben trachteten.“(7,1) Und nach einem Streitgespräch im Tempel ist es wieder so weit: „Da hoben sie Steine auf, um auf ihn zu werfen. Aber Jesus verbarg sich und ging zum Tempel hinaus.“ (8,59) Jetzt ist die Zeit endgültig reif.

 54 Jesus aber ging nicht mehr frei umher unter den Juden, sondern ging von dort weg in eine Gegend nahe der Wüste, in eine Stadt mit Namen Ephraim, und blieb dort mit den Jüngern.

 Hat Jesus von diesem Beschluss gehört? Er geht. Er verbirgt sich. Er drängt sich nicht zum Kreuz. So darf man das wohl auch lesen. Es ist eine „letzte Ruhepause in der Einsamkeit.“(J. Schneider, Das Evangelium nach Johannes, Theol.Handkommentar zum NT; Berlin 1985, S. 220) Atemholen der Seele.

 55 Es war aber nahe das Passafest der Juden; und viele aus der Gegend gingen hinauf nach Jerusalem vor dem Fest, dass sie sich reinigten.

Die Leute strömen aus dem ganzen Land nach Jerusalem. Zum Passa. Sie bereiten sich darauf vor, ist es doch das Fest, an dem Israel sich erinnert daran, was es zum Volk Gottes macht. Die Nacht der Verschonung. Die Nacht, in der sie zum Aufbruch bereit werden. Es ist die Erinnerung daran, dass Gott in der Nacht einen neuen Weg für Israel bereitet hat und das alles darauf ankommt, diesen Weg auch wirklich zu gehen.

 56 Da fragten sie nach Jesus und redeten miteinander, als sie im Tempel standen: Was meint ihr? Er wird doch nicht zum Fest kommen? 57 Die Hohenpriester und Pharisäer aber hatten Befehl gegeben: Wenn jemand weiß, wo er ist, soll er’s anzeigen, damit sie ihn ergreifen könnten.

 Die Gespräche kreisen um Jesus. Sogar im Tempel. Wird er kommen? Es hat sich wohl herumgesprochen: Er wird gesucht. Und die Führer des Volkes, Hohenpriester und Pharisäer riefen regelrecht dazu auf: Informiert uns. Es ist, als hingen Steckbriefe in Jerusalem aus: „Wanted! Dead or alive.“ – „Gesucht. Tot oder lebendig.“ Und wer etwas zur Ergreifung betragen kann, wird seinen Lohn schon bekommen.

Besser Einer für alle                                                                                                             als alle für einen

Besser Einer für alle –                                                                                                        Wahrwort ohne zu wissen wie wahr                                                                                 Gesprochen aus Sorge um das Volk                                                                                    geleitet von politischer Vernunft                                                                                         vielleicht auch Machtkalkül                                                                                                   und doch:                                                                                                                             Wahrheit                                                                                                                              Wahrheit in Ewigkeit

Einer für alle                                                                                                                           Du für uns

Wahrheit zum Leben                                                                                                       Träumen                                                                                                                              Staunen                                                                                                                                 Du bist genug für uns alle                                                                                                 Deine Hingabe reicht bis zu uns                                                                                            um uns                                                                                                                                      für uns

Einer für alle

Das ist Dein Weg                                                                                                           Osterlamm                                                                                                                     Menschensohn                                                                                                                Ohnmächtiger                                                                                                                 Schweigender                                                                                                                 Wundertäter

Einer für alle                                                                                                                            Du für uns. Amen