Über den Tod hinaus

Johannes 11, 28 – 45

28 Und als sie das gesagt hatte, ging sie hin und rief ihre Schwester Maria heimlich und sprach zu ihr: Der Meister ist da und ruft dich.

Es ist genug gesagt. Für Marta. Jetzt geht sie ins Haus zurück. Sie ruft ihre Schwester. Warum heimlich? Vor wem braucht es die Heimlichkeit? Vor Jesus jedenfalls nicht. Marta wird zur Botin Jesu. Der Meister ist da und ruft dich. Von einem Auftrag Jesu an Marta ist nicht die Rede. Es ist der Satz der Marta an ihre Schwester. Und es ein Satz, den jede und jeder sagen kann, der dem Christus begegnet ist. Soll uns Marta mit ihrem Satz an ihre Schwester zum Vorbild werden?

 29 Als Maria das hörte, stand sie eilend auf und kam zu ihm. 30 Jesus aber war noch nicht in das Dorf gekommen, sondern war noch dort, wo ihm Marta begegnet war. 31 Als die Juden, die bei ihr im Hause waren und sie trösteten, sahen, dass Maria eilend aufstand und hinausging, folgten sie ihr, weil sie dachten: Sie geht zum Grab, um dort zu weinen.

Es ist nicht weit her mit dem „heimlich“. Sie wird auf ihrem Weg zu Jesus „verfolgt“. Sie wird nicht allein gelassen auf diesem Weg. Aber die ihr folgen, erwarten, dass sie zum Grab geht, nicht zu Jesus. Wieder erzählt Johannes doppelbödig. Dass hinter dem Grab noch ein anderes Ziel sein könnte, ein Anderer das Ziel dieses Weges, das liegt nicht gleich auf der Hand. Dass der Weg über das Grab hinaus ein Ziel haben könnte, das ist bis heute vielen „nur eine Sicht des Glaubens“.

 32 Als nun Maria dahin kam, wo Jesus war, und sah ihn, fiel sie ihm zu Füßen und sprach zu ihm: Herr, wärst du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben.

 Maria wiederholt die Worte ihrer Schwester. Kein Vorwurf. Nur: Schade, dass Du nicht da warst. Jetzt ist alles vorbei. Jesus wird auch mit ihr Schritt für Schritt über diese Hoffnungslosigkeit hinaus gehen müssen. Maria kann nicht einfach die Erfahrung ihrer Schwester „erben“, übernehmen.

33 Als Jesus sah, wie sie weinte und wie auch die Juden weinten, die mit ihr gekommen waren, ergrimmte er im Geist und wurde sehr betrübt 34 und sprach: Wo habt ihr ihn hingelegt? Sie antworteten ihm: Herr, komm und sieh es! 35 Und Jesus gingen die Augen über. 36 Da sprachen die Juden: Siehe, wie hat er ihn lieb gehabt! 37 Einige aber unter ihnen sprachen: Er hat dem Blinden die Augen aufgetan; konnte er nicht auch machen, dass dieser nicht sterben musste?

 Tränen. Nicht nur bei Maria. Auch bei den Juden. Und dann auch bei Jesus. Aber es sind jedesmal andere Tränen – die des Leides bei Maria, des Mitleides bei den Juden und des Grimms bei Jesus. Es ehrt Johannes, der manches harsche Urteil über die Juden kennt, dass er hier ihre menschliche Nähe zeichnet. Und sie sehen auch, dass es Tränen der Liebe sind, die Jesus weint.

 Der weinende Christus ist in meinen Augen eine Befreiung aus einem engen Korsett. Männer weinen nicht, allenfalls heimlich (H. Grönemeyer). Und Erlöser sollten doch wohl erst recht nicht weinen. Ist Weinen doch allzu häufig ein Zeichen von Schwäche und Ohnmacht, von Hilflosigkeit und Ergebung. Wenn aber der Christus weint, dann dürfen es doch auch die Christen. Dann müssen wir den Scherz der Trauer nicht in Siegesfeiern umsprechen. Dann muss die Botschaft von der Auferstehung nicht regelrecht gewalttätig verbieten, dass einer am Grab weint.

 38 Da ergrimmte Jesus abermals und kam zum Grab. Es war aber eine Höhle und ein Stein lag davor.

So, begleitet von Tränen, begleitet von der Hoffnungslosigkeit, begleitet vom Schmerz kommt Jesus zum Grab. Ein Höhlengrab, eingelassen in die Felsen und gesichert durch einen Rollstein. Johannes vergisst über aller theologischen Bedeutung des Augenblicks nie die einfache Wirklichkeit.

 39 Jesus sprach: Hebt den Stein weg! Spricht zu ihm Marta, die Schwester des Verstorbenen: Herr, er stinkt schon; denn er liegt seit vier Tagen. 40 Jesus spricht zu ihr: Habe ich dir nicht gesagt: Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen? 41 Da hoben sie den Stein weg.

 Was für ein Dialog. Jesus befiehlt. Und Marta, jetzt ist sie wieder da, nicht mehr im Haus, widerspricht. Glaubt sie, dass Jesus den Leichnam nur sehen will? Sie will ihn bewahren vor dem Geruch des Todes. Es ist, als hätte sie ihr Gespräch mit diesem Christus, dem Sohn Gottes völlig vergessen, als wäre ihr Bekenntnis ihr weggerutscht. „Marta ist – trotz ihres so runden und überzeugenden Christusbekenntnisses – von der brutalen Wucht der Todesrealität erdrückt.“ (G. Voigt, Licht – Liebe – Leben, Das Evangelium nach Johannes, Göttingen 1991, S. 182)

 Aber so ist es wohl wirklich: Wir sagen einen Glaubenssatz und in der nächsten Situation des Lebens ist er uns entglitten. Wir glauben an den Christus – und bringen doch die Ängste unsres Lebens mit ihm nicht zusammen. Wir rechnen mit ihm und können es doch nicht glauben, dass er etwas ändern wird an dem, was uns Schmerzen macht, leiden lässt, kränkt. Wir bleiben ein Leben lang Anfänger des Glaubens, so wie Marta, die am Grab des Bruders nicht mehr weiß, was sie zuvor erkannt und bekannt und geglaubt hat.

 Dieser so menschlichen Haltung stellt Jesus sein Wort entgegen. Habe ich dir nicht gesagt: Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen? Er erspart es ihr nicht: Du darfst nicht bei deiner Trauer stehen bleiben. Du musst dich nicht von ihr gefangen nehmen lassen. Da wartet mehr auf dich, dass Du die Herrlichkeit Gottes siehst. Auch unter Tränen.

 Jesus aber hob seine Augen auf und sprach: Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast. 42 Ich weiß, dass du mich allezeit hörst; aber um des Volkes willen, das umhersteht, sage ich’s, damit sie glauben, dass du mich gesandt hast.

 Der Stein ist weg gerollt. Das Grab geöffnet.Und Jesus betet. Er gibt dem Vater die Ehre. Das tut er ja immer. Auch jetzt. Es ist nicht nur eine Gebets-Demonstration – trotz der Formulierungen des Johannes. Es ist ein wirkliches Beten. Ach um des Volkes willen. Damit sie erfahren, was das Gebet vermag. Damit sie erfahren, wie der Sohn Gottes dadurch verherrlicht (11,4) werde. Jesus ist kein Schauspieler Gottes. Aber indem er so öffentlich betet, nimmt er sie alle mit ihrem Schmerz, mit ihrem Kummer, mit ihrem Irritiertsein und Fragen mit hinein in sein Beten. Nimmt sie mit zum Vater.

 43 Als er das gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus! 44 Und der Verstorbene kam heraus, gebunden mit Grabtüchern an Füßen und Händen, und sein Gesicht war verhüllt mit einem Schweißtuch. Jesus spricht zu ihnen: Löst die Binden und lasst ihn gehen! 45 Viele nun von den Juden, die zu Maria gekommen waren und sahen, was Jesus tat, glaubten an ihn.

 Nun ruft Jesus Lazarus aus dem Grab. Und er kommt. Gebunden in die Tücher des Todes kommt er. Ein Wunder. Gewiss. Und doch, wie erzählt Johannes hier. Vierzig lange Verse nimmt er Anlauf und dann zwei knappe Sätze. Und so sachlich! Der aus dem Grab Gekommene muss befreit werden von seinen Binden, Banden, vom Geruch des Todes.

 Lasst ihn gehen! Vor Lazarus liegt wieder ein Weg. Zukunft. Und er darf jetzt, Schritt für Schritt ins Leben zurück finden. Das Leben ist ihm neu geschenkt. So wie den Lazarus das Grab nicht halten darf, so darf auch die, die an Christus glauben, das Grab nicht halten. Es gilt, sich von Gräbern zu lösen, in die Zukunft zu gehen, die uns über den Tod hinaus eröffnet ist. Im Glauben an Jesus, der ruft: Lazarus, komm heraus! Und der sagt: Lasst ihn gehen!

 Ich lese das so: an Jesus glauben ist auch, sich von Gräbern lösen. Nicht freilwillig in der Gefangenschaft des Todes bleiben. Die Zukunft ergreifen, auch dann, wenn wir vom Tod, dem zeitlichen Tod gezeichnet sind. Der ewige Tod ist ja in ihm überwunden, der die Auferstehung und das Leben ist.

Jesus Du Gottessohn
Du bist das Leben                                                                                                                   Du bist der Auferstandene
In Dir ist uns unsere Auferstehung gewiss                                                                              Das Leben                                                                                                                            auf das kein Todesschatten mehr fällt

Gib                                                                                                                                         dass wir das glauben                                                                                                            dass wir daraus Kraft gewinnen in der Welt                                                                             in der der Tod so viel Macht beansprucht                                                                           uns knechten will                                                                                                                  Gib uns                                                                                                                                    dass wir Deine Wirklichkeit sehen                                                                                        Dir vertrauen und leben                                                                                                           mit Dir                                                                                                                                     in Dir                                                                                                                                       in dieser Zeit und in Ewigkeit. Amen