Bekennen über das Begreifen hinaus

Johannes 11, 20 – 27

 20 Als Marta nun hörte, dass Jesus kommt, geht sie ihm entgegen; Maria aber blieb daheim sitzen.

 Die Ankunft Jesu hat sich herumgesprochen. Es wird sorgfältig vermerkt Marta geht ihm entgegen. Maria bleibt zuhause. Warum die Schwestern sich so unterschiedlich verhalten, ist offen. Wenn man heranziehen darf, was Lukas über sie weiß (Lukas 10, 38-42), so ist Marta von Hause aus die Aktivere.

 21 Da sprach Marta zu Jesus: Herr, wärst du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben. 22 Aber auch jetzt weiß ich: Was du bittest von Gott, das wird dir Gott geben.

 Es kommt zum Gespräch. Es klingt in meinen Ohren eher traurig als vorwurfsvoll, was Marta zu Jesus sagt. Sie weiß um die Wundermacht Jesu. Aber jetzt ist es zu spät. Und dennoch meldet sich da eine vage Hoffnung. Aber auch jetzt weiß ich: Was du bittest von Gott, das wird dir Gott geben. Das ist keine Bitte um ein Wunder. Aber es ist in der „Anfechtungssituation“ ein Festhalten an einem Glauben, „der Gott alles überläßt und auch da vertraut, wo kein Weg und Steg mehr zu sehen ist und man nicht einmal mehr weiß, was man bitten soll.“(G. Voigt, Licht – Liebe – Leben, Das Evangelium nach Johannes, Göttingen 1991, S. 180)

 23 Jesus spricht zu ihr: Dein Bruder wird auferstehen. 24 Marta spricht zu ihm: Ich weiß wohl, dass er auferstehen wird – bei der Auferstehung am Jüngsten Tage.

 Auf diesen Glauben geht Jesus ein in seiner Antwort. Marta hört, wie sollte sie auch anders hören, was sie gelernt hat und was ihr auch Halt gibt: den Trost der Auferstehung am Jüngsten Tag. Sie hört, dass Jesus ihr den Blick weiten will auf die Zukunft Gottes, in der alles gut werden wird. Und sie will sich davon trösten lassen.

 25 Jesus spricht zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt; 26 und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben. Glaubst du das?

 Jesus aber will sie nicht an die Zukunft verweisen. Er will ihren Blick auf die Gegenwart richten. Auf sich. ἐγώ εἰμι Ich bin – so sagt er und es ist gut, mit zu hören, dass hier das „Ich bin“ Gottes mitschwingt, vom brennenden Dornbusch des Mose an (2. Mose 3,14). Mit ihm Jesus steht die Auferstehung und das Leben vor Marta. Wo er ist, ist sie nicht mehr Zukunftsmusik, sondern Gegenwart, machtvoll, todesüberwindend.

 Im Glauben an Jesus hat der Glaubende, die Glaubende, an dieser Überwindungskraft Jesu und seinem Leben Anteil. Darum richtet Jesus die Frage an Marta: Glaubst du das? Das ist nicht Abfragen eines Dogmas, wie wir das leicht hören. Das ist vielmehr ein Fragen nach dem Vertrauen jetzt und hier. Wenn sie sich ihm jetzt, der sich vor ihr so offenbart, sich als der Offenbarer – ich sage lieber: als der Sohn Gottes – zu erkennen gibt, anvertraut, ihm vertraut, so gewinnt sie darin das Leben. Und mit diesem Leben die Auferstehung. Ganz steil kann es der Exeget sagen: „Wer noch im irdischen Leben weilt und ein Glaubender ist, für den gibt es keinen Tod im endgültigen Sinne; Das Sterben ist für ihn wesenlos geworden.“ (R. Bultmann, Das Evangelium des Johannes, Göttingen 1957, S. 308)

 Damit sind die Tränen des Todes nicht überflüssig geworden, die Trauer wird nicht Ausdruck von Unglauben. Aber der letzte Schrecken des Todes ist gefallen. Es gibt Hoffnung über den Tod hinaus.

 27 Sie spricht zu ihm: Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt gekommen ist.

 Marta antwortet mit einem Ja, Herr ich glaube. Danach formt der Evangelist ihre Antwort weiter in der Sprache der ersten Gemeinde. Gott ist der Gemeinde Jesu Christi keine überweltliche Wirklichkeit, nicht nur Transzendenz. Wir glauben nicht mehr an den Gott jenseits der Welt. Er ist in Jesus in die Welt gekommen. Er teilt Raum und Zeit mit uns, den Schmerz des Lebens und die Hoffnung.

 Es ist das Bekenntnis, das die Christenheit spricht. Aber es ist zugleich ihr persönliches Bekenntnis. Das ist ja der Weg, den wir als Christen gehen sollen, dass wir aus dem Bekennen der Brüder und Schwestern unser eigenes Bekennen und unseren eigenen Glauben gewinnen. Dazu will uns das Wort der Schrift, auch dieser Evangelist Johannes anleiten. Und indem wir uns diese Worte leihen, sie uns vorsagen lassen und sie nachsprechen, wächst in uns unser eigener, ganz persönlicher Glauben.

 Heiliger Gott                                                                                                                             mein Glauben lebt vom Nachsprechen                                                                                    Zuhören                                                                                                                                 hinterher laufen                                                                                                                   gehalten werden                                                                                                                Mein Glaube braucht die Worte derer                                                                                      die vor mir geglaubt haben                                                                                                     die ihre Fragen heraus gelassen haben                                                                                   die nicht im Schweigen verstummt sind

Meine Glaube braucht Dich                                                                                                   Deinen Geist                                                                                                                        dass Du mich anrührst                                                                                                     mein Fragen zulässt                                                                                                         mein Hoffen schon siehst                                                                                                     wo ich selbst es noch nicht wahrnehme                                                                                 dass Du in meinem Tasten schon Glauben siehst

Ich danke Dir für den Glauben                                                                                                 den Du in mir weckst. Amen