Mitgehen

Johannes 11, 11 – 19

 11 Das sagte er und danach spricht er zu ihnen: Lazarus, unser Freund, schläft, aber ich gehe hin, ihn aufzuwecken.

 Woher weiß er das? So fragen wir. Johannes aber erzählt, was die Christen damals von dem Christus glauben. Dass er die Herzen kennt. Dass er die Zeiten kennt. Dass er die Stunde weiß. Dass er, über alle Entfernung hinweg weiß und sieht, wie es um seine Leute steht. So „sieht“ er den Schlaf des Lazarus und macht sich auf den Weg, ihn aufzuwecken.

 12 Da sprachen seine Jünger: Herr, wenn er schläft, wird’s besser mit ihm. 13 Jesus aber sprach von seinem Tode; sie meinten aber, er rede vom leiblichen Schlaf. 14 Da sagte es ihnen Jesus frei heraus: Lazarus ist gestorben; 15 und ich bin froh um euretwillen, dass ich nicht da gewesen bin, damit ihr glaubt. Aber lasst uns zu ihm gehen!

 Wie oft reden sie aneinander vorbei in diesem Evangelium. So auch hier. Die Jünger hoffen auf Heilschlaf. Sich gesund schlafen. Jesus aber redet von dem anderen Schlaf, von Schlafes Bruder, dem Tod. Damit es nicht bei den Missverständnissen bleibt, redet Jesus „freimütig“. Er mutet ihnen die Ernüchterung zu: Lazarus ist gestorben.

 Dann wird es seltsam. Ich bin froh um euretwillen. Was ist in dieswer Situation zum Freuen, zum Frohsein? Da liegt ein toter Freund. Da machen sie sich auf den Weg in eine gefährliche Situation. Und er, Jesus, findet das gut! „Hätte er Lazarus noch lebend angetroffen, so hätten die Jünger wohl ein Heilungswunder erlebt, aber nicht das, was ihnen jetzt bevorsteht: das Wunder der Totenauferweckung.“ (J. Schneider, Das Evangelium nach Johannes, Theol.Handkommentar zum NT; Berlin 1985, S. 212) So der Kommentar, vom Ende der Geschichte her denkend. Als der Satz gesagt wird, muss er schräg klingen. Was ist da zu glauben!

 16 Da sprach Thomas, der Zwilling genannt wird, zu den Jüngern: Lasst uns mit ihm gehen, dass wir mit ihm sterben!

 So hat wohl auch Thomas gehört. Der Zwilling wird hier zum ersten Mal mit seinem Namen genannt. Er wendet sich an die anderen Jünger, nicht an Jesus. Lasst uns mit ihm gehen, dass wir mit ihm sterben! Das kann eine Erklärung darin finden, dass er die versuchte Steinigung im Gedächtnis hat. Es kann aber auch eine weit über die aktuelle Situation hinaus weisende aussage sein: Jünger-sein, Christsein ist Schicksalsgemeinschaft mit Jesus, die auch den Weg des Todes nicht scheut. Und es mag sich ein Wissen ankündigen: Dieser Weg nach Judäa wird zum Todesweg Jesu werden.

Es ist ein wenig schwierig, den Klang dieser Worte des Thomas in sich aufzunehmen. Thomas „ist freudig bereit, mit Jesus zu gehen, und fordert sogar seine Mitjünger auf, mit Jesus zu sterben.“ (J. Schneider, Das Evangelium nach Johannes, Theol.Handkommentar zum NT; Berlin 1985, S. 212) Ganz anders diese Stimme: „Thomas, der Schwerblütige… meint, das bringe für Jesus, aber auch für seine Anhänger, das Ende….Er ist bereit den schweren Weg mitzugehen.“(G. Voigt, Licht – Liebe – Leben, Das Evangelium nach Johannes, Göttingen 1991, S. 179) Wie auch immer – auf diesem Weg werden die Jünger Glauben lernen. Das ist die Freude Jesu an diesem Weg. Er geht ihn, damit ihr glaubt.

 17 Als Jesus kam, fand er Lazarus schon vier Tage im Grabe liegen.18 Betanien aber war nahe bei Jerusalem, etwa eine halbe Stunde entfernt. 19 Und viele Juden waren zu Marta und Maria gekommen, sie zu trösten wegen ihres Bruders.

 Jetzt wird es ganz sachlich. Vier Tage liegt Lazarus schon im Grab. „So ist jede Hoffnung auf eine Wiederbelebung nach menschlichem Ermessen ausgeschlossen.“(J. Schneider, Das Evangelium nach Johannes, Theol.Handkommentar zum NT; Berlin 1985, S.213) Und auch darüber werden die Leser des Evangeliums informiert: Da ist, in der unmittelbaren Nähe Jerusalems, eine große Trauergemeinde zusammen. Viele Juden. Was sie wollen, ist trösten. Menschliche Nähe im Leid zeigen. Helfen, sich abzufinden mit dem Unabänderlichen. Es ist schon viel, wenn man in der Trauer nicht gemieden wird, sondern Zuwendung erfährt.

Mein Gott                                                                                                                               was bleibt zu hoffen angesichts des Todes                                                                         trösten                                                                                                                               Nähe schenken                                                                                                               miteinander klagen                                                                                                           mehr vermögen wir doch nicht

Und der Weg zu einem Grab                                                                                             wird uns immer auch eine Mahnung                                                                                   Das ist einmal auch unser Weg                                                                                              „Lasst uns gehen                                                                                                                  damit wir mit ihm sterben“                                                                                                       es zu Lebzeiten schon einmal einüben                                                                               das große Loslassen                                                                                                              Mit Dir                                                                                                                                    Jesus. Amen