Warten auf die Stunde

Johannes 11, 1 – 10

 1 Es lag aber einer krank, Lazarus aus Betanien, dem Dorf Marias und ihrer Schwester Marta. 2 Maria aber war es, die den Herrn mit Salböl gesalbt und seine Füße mit ihrem Haar getrocknet hatte. Deren Bruder Lazarus war krank.

 Schauplatz der folgende Geschichte wird Betanien sein, ein Ort am Ostabhang des Ölbergs. Dort leben die Geschwister, Maria, Marta, Lazarus. Maria wird hier identifiziert als die, die den Herrn mit Salböl gesalbt und seine Füße mit ihrem Haar getrocknet hatte, eine Geschichte, die Johannes erst später erzählen wird. (12, 1-7) Allein das zeigt schon, wie frei der Evangelist mit seinen Stoffen umgeht. Lazarus, „der, dem Gott hilft“ – so kann sein Name übersetzt werden – aber ist krank. Woran er krank ist, wird nicht gesagt, auch nichts über die Schwere der Krankheit.

 3 Da sandten die Schwestern zu Jesus und ließen ihm sagen: Herr, siehe, der, den du lieb hast, liegt krank.

 Die Schwestern aber schicken zu Jesus. Der ist jenseits des Jordans,(10,40) dort wo der Täufer getauft hatte. Sie lassen ihn informieren. In der Botschaft wird etwas über die Beziehung Jesu zu diesem Haus sichtbar. Lazarus ist der, den du lieb hast. „Was die Schwestern begehren und erhoffen, sprechen sie nicht aus; der zarete Hinweis auf Jesu Verbundenheit mit Lazarus suggeriert die Bitte.“ (G. Voigt, Licht – Liebe – Leben, Das Evangelium nach Johannes, Göttingen 1991, S.178) Zumindest so viel sagen sie: das wird dir nicht gleichgültig sein.

4 Als Jesus das hörte, sprach er: Diese Krankheit ist nicht zum Tode, sondern zur Verherrlichung Gottes, damit der Sohn Gottes dadurch verherrlicht werde. 5 Jesus aber hatte Marta lieb und ihre Schwester und Lazarus.

 Jesus hört die Boten, ihre Botschaft und reagiert, mit einer Ferndiagnose. So wirkt es auf den ersten Blick. „Halb so schlimm.“ könnte man hören. Aber er sagt ja anderes. Er sieht diese Krankheit begrenzt. Oder muss man nicht sogar sagen: Er setzt dieser Krankheit mit seinem Wort eine Grenze?

 Es findet sich schon früher ein ähnlicher Satz Jesu im Johannes-Evangelium. „Es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm.“ (9,3) sagt Jesus, als alle über das Schicksal des Blindgeborenen rätseln. Hier: Um der Herrlichkeit Gottes willen. Wo die Werke Gottes getan werden, leuchtet seine Herrlichkeit auf. Und dann schlägt der Evangelist eine Brücke. Von der Verherrlichung Gottes zur Beziehung Jesu zu den drei Geschwistern. Die Notiz, dass Jesus sie lieb hat, ist nicht bedeutungslos, auch nicht unbedachte Wiederholung. Sie gibt der δόξα του̃ θεου̃ menschliche Wärme. Das ist nicht das kalte Licht einer gleichgültigen Transzendenz, sondern das warme Licht der Zuwendung der ewigen Liebe.

 6 Als er nun hörte, dass er krank war, blieb er noch zwei Tage an dem Ort, wo er war; 7 danach spricht er zu seinen Jüngern: Lasst uns wieder nach Judäa ziehen!

 Dabei bleibt es. Es liest sich fast wie eine Antwort auf die Information, als würde Jesus bewusst Zeit verstreichen lassen. Leser des Johannes-Evangeliums wissen: Er wartet immer, bis seine Stunde da ist. „Wir meinen Jesus müsste kommen und eingreifen, aber er bleibt – noch heute – wo er ist.“(G. Voigt, Licht – Liebe – Leben, Das Evangelium nach Johannes, Göttingen 1991, S. 179) Er verfügt nicht über seine Zeit und seine Taten. Er braucht grünes Licht. Von oben. Auch da, wo davon keine Rede ist. Dann aber ist plötzlich Zeit zum Aufbruch. Nach Judäa.

 8 Seine Jünger aber sprachen zu ihm: Meister, eben noch wollten die Juden dich steinigen, und du willst wieder dorthin ziehen?

 Seine Jünger verstehen nicht. Haben sie sein Verweilen nach der Botschaft der beiden Schwestern nicht verstanden, so verstehen sie jetzt auch den Aufbruch nicht. Sie heben warnend ihre Stimmen. Dort gibt es Feinde. Hat Jesus ganz vergessen, dass sie ihn gerade erst steinigen wollten? Oder ist es ihm gleichgültig?

9 Jesus antwortete: Hat nicht der Tag zwölf Stunden? Wer bei Tag umhergeht, der stößt sich nicht; denn er sieht das Licht dieser Welt. 10 Wer aber bei Nacht umhergeht, der stößt sich; denn es ist kein Licht in ihm.

 Was für ein Rätselwort als Antwort. Wieder ist da die Nähe zu Worten Jesu bei der Heilung des Blindgeborenen. Jesus sieht sich noch am Tag unterwegs, noch in der Zeit des Handels. Da ist Licht und nicht schon Finsternis. Die Zeit des Tages ist nicht unterschiedslos. Johannes hält nicht so viel von der einfach vergehenden Zeit, die sich in Sekunden, Minuten, Stunden misst. Er hat es mehr mit der gefüllten, der durch ihren Inhalt bestimmten Zeit. In ihr kann man umhergehen, wirken. (9,4) So steht die Tageszeit als Heilszeit der Nachtzeit gegenüber. Und er, Jesus, ist ja der, in dem das Licht der Welt (9,5) da ist. Sein ist der Tag.

Jesus                                                                                                                                        Du hast Menschen lieb                                                                                                          Du bist ihnen gut                                                                                                                     Du willst                                                                                                                              dass sie leben

Darum bist Du unterwegs                                                                                                   gehst umher                                                                                                                           suchst den Weg zu den Menschen                                                                                        Du hörst ihr Rufen nach Dir                                                                                                Wenn Deine Stunde da ist                                                                                                machst Du Dich auf den Weg zu helfen

Wenn Deine Stunde da ist                                                                                                       wirst Du auch zu uns auf dem Weg sein                                                                            Bis dahin rufen wir nach Dir. Amen