Widerstehen

Epheser 6, 10 – 17

 10 Zuletzt: Seid stark in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke.

Alle miteinander werden sie jetzt angesprochen – Männer, Frauen., Sklaven, Kinder. Sie alle brauchen diesen Zuspruch, auch wenn sie in unterschiedlicher Weise damit umgehen werden. Aber sie alle sind angewiesen auf eine Stärke, die ihnen von dem Herrn her zuwächst, die sie sich erbitten dürfen. Und in der sie handeln sollen.

 Wer einen Muskel nicht trainiert, lässt ihn erschlaffen. Jeder Sportler weiß das. Wer die Stärke des Herrn nicht in seinem Handeln in Anspruch nimmt, wird es mit der Zeit nicht mehr wissen, was das ist, sich seiner Dynamik – das steckt auch im Wort δύναμις – zu öffnen. Nur wer in dieser Stärke handelt, erfährt sie auch wirklich, wirksam, wirk-kräftig, tatkräftig.

 11 Zieht an die Waffenrüstung Gottes, damit ihr bestehen könnt gegen die listigen Anschläge des Teufels. 12 Denn wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit Mächtigen und Gewaltigen, nämlich mit den Herren der Welt, die in dieser Finsternis herrschen, mit den bösen Geistern unter dem Himmel. 13 Deshalb ergreift die Waffenrüstung Gottes, damit ihr an dem bösen Tag Widerstand leisten und alles überwinden und das Feld behalten könnt.

 Von der Stärke kommt der Apostel zur Waffenrüstung, dem Bild der Stärke. Das hatte ja jeder vor Augen: Bewaffnete Soldaten, kraft strotzende Kerle. Und es braucht, davon ist der Brief-Autor überzeugt, Kraft, Mut, Stärke, um dem Feind zu widerstehen. Die Feinde, die er sieht, sind nicht Menschen. Weder Heiden noch Juden sind Feinde. Das ist mir sehr wichtig. Christen kämpfen nicht mit Menschen. Und Einstehen für den Glauben hat nichts zu tun mit Waffeneinsatz. Wo immer das geglaubt wurde oder auch heute geglaubt wird, ist der Boden des biblischen Denkens verlassen. Es gibt in der Nachfolge Jesu keine Kampfaufträge.

 Dennoch gibt es Feinde. Diese Feinde sind unsichtbar, aber gleichwohl doch wirklich. Die Mächtigen und Gewaltigen, die Herren der Welt, die in dieser Finsternis herrschen, mit den bösen Geistern unter dem Himmel. Ein Versuch: Ideen, Trends, der Zeitgeist. Ein anderer Versuch: die Eigengesetzlichkeiten und Sachzwänge, denen jedermann sich zu unterwerfen hat. Fast alle Sachzwänge leben davon, dass wir uns ihnen unterwerfen und sie nicht in Frage stellen.

 Aber diese Versuche einer Deutung greifen kurz. Sie helfen mir, aber sie sagen nicht alles. “Hinter aller unbegreiflichen und unerklärlichen menschlichen Bosheit wird eine geistige Potenz des Bösen sichtbar, die menschliches Wollen und menschliche Geschichte unheilvoll umgreift.“ (R. Schnackenburg, Der Brief an die Epheser, EKK X, Neukirchen 1982; S.279) Davon redet, wer vom Teufel redet, von bösen Mächten. Das entschuldigt nichts. Das bestreitet auch nicht die Verantwortlichkeit dessen, der Böses tut. Aber es macht die Abgründigkeit und die Unfreiheit, die sich in manchem Bösen zeigt, auch „sichtbar“.

 Weit entfernt, sich vor diesen Mächten zu beugen, werden die Christen zum Widerstand gerufen. Nicht die Furcht, die sich fügt und ergibt, sondern der Widerstand ist das Ziel der Worte. Es ist kein Platz für Dämonenfurcht in der christlichen Gemeinde. Ein nüchternes Rechnen mit dem Bösen. Und ein kraftvolles Dagegen-halten in der Kraft des Herrn. Darum die Waffenrüstung.

 14 So steht nun fest, umgürtet an euren Lenden mit Wahrheit und angetan mit dem Panzer der Gerechtigkeit 15 und an den Beinen gestiefelt, bereit einzutreten für das Evangelium des Friedens. 16 Vor allen Dingen aber ergreift den Schild des Glaubens, mit dem ihr auslöschen könnt alle feurigen Pfeile des Bösen, 17 und nehmt den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes.

 Es sind schöne Bilder. Sie reden vom Schutz der Person, von der Fähigkeit, Wege auf sich zu nehmen, von der Fähigkeit zur Abwehr aller Angriffe und Attacken. Sie reden vor allem davon: Diese Waffen stellt Gott zur Verfügung. Christen müssen sich nicht im Waffenarsenal der weltlichen Waffenhändler bedienen. Sie können darauf vertrauen, dass Gott ihnen gibt, was sie brauchen, um den Kampf des Glaubens zu bestehen.

 Nur eines möchte ich herausheben aus all den Bewaffnungen: das Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes. Da steht für Wort Gottes ρη̃μα θεου̃. Das ist das Wort, das einer, eine in die Situation sagen kann. Nicht zeitlose Wahrheit, sondern Wahrheit, die jetzt und hier am Platz ist, gefordert, heilsam.

 Ich stoße in Kommentaren immer einmal darauf, dass es ja nur Defensiv-Bewaffnung sei. Nur das Schwert des Geistes ist eine Offensivwaffe. Hinter solchen Versuche spüre ich so etwas wie eine Entschuldigung für dieses waffenstarrende Bild. Wir haben verlernt, Christen als die Soldaten Christi zu sehen, Wir sind eher eine Friedenstruppe.

 Mir ist das Bild von der Waffenrüstung auch fremd. Aber ich weiß, dass es Christsein nicht ohne Kampf gibt, ohne ein hartes Ringen. Ich weiß, dass es innere Kämpfe kostet, ein sich Auseinandersetzen mit den Einwänden des eigenen Herzens. Es kostet geistige Klarheit, die auch nicht einfach vom Himmel fällt. Es kostet Zeit, um Wege zu klären, Abgrenzungen und Widersprüche. Es kostet innere Stärke, um zu sagen: Da mache ich nicht mit. Das verträgt sich nicht mit dem, was ich von Christus verstanden habe. Es kostet Kraft, sich auf die Seite des Gekreuzigten zu stellen, wenn es doch auch billiger gehen könnte mit dem „lieben Gott“.

 Es kostet auch Kraft, die Türen weit offen zu halten, sich nicht in eine Glaubensburg zurück zu ziehen, sich nicht einzurichten in den alten Sätzen und darüber den Zugang zu den Menschen zu verlieren. Es kostet seelische Anstrengung, in Begegnungen und Gesprächen sich auf den Anderen, die Anderen einzulassen und sie nicht gleich einzusortieren oder gar aus zu sortieren. Billige Toleranz lässt alles gleich gelten. Die Toleranz des Glaubens ist nicht billig. Sie kostet. Sie leidet. Das Bild von der Waffenrüstung Gottes steht für diese kostbare, leiden-schaftliche Toleranz.

Mein Gott                                                                                                                                Ich bin kein Kämpfer                                                                                                              Ich suche den Frieden                                                                                                        den Ausgleich                                                                                                                      das Gespräch

Erst wenn es gar nicht mehr anders geht                                                                    zurückweichen mich meine Selbstachtung kosten würde                                                halte ich dagegen

Bewahre Du mich vor der Feigheit                                                                                      die Dich verleugnet                                                                                                      Bewahre mich aber auch vor dem Kämpfen                                                                         das nur siegen will um jeden Preis

Lass es mich lernen                                                                                                             für die Wahrheit einzustehen                                                                                                   die Würde des Menschen zu verteidigen                                                                           Den Glauben zur Sprache zu bringen                                                                                      auch da                                                                                                                                    wo mir die Angst den Mund verschließen will                                                                          Dazu gib mir Deines Geistes Kraft. Amen