Früher und jetzt

Epheser 5, 1 – 14

 1 So folgt nun Gottes Beispiel als die geliebten Kinder 2 und lebt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat und hat sich selbst für uns gegeben als Gabe und Opfer, Gott zu einem lieblichen Geruch.

 Es ist ein langer Weg durch den Brief bis dahin, dass es um ethische Konsequenzen des Glaubens geht. Und auch jetzt wird es nicht so „praktisch“, wie wir uns das gerne vorstellen – mit Problembeschreibung und Lösungswegen. Folgt nun Gottes Beispiel. Wie macht man das? Wie kann Gott beispielhaft für uns sein? Das ist doch eine hoffnungslose Überforderung. Aber dieser Hinweis ist nicht einmalig im Neuen Testament. „Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“(Matthäus 5,48) Offensichtlich hat die erste Gemeinde nicht so viel Angst wie wir zu sagen: Mache es doch einfach wie Gott, werde Mensch.

 Gott als Vorbild,Christus in seiner Liebe als Vorbild, als Beispiel für das eigene Leben. Wir sollen nicht in allem Christus nachmachen. Nicht besitzlos werden, nicht ehelos und kinderlos leben. Uns ja auch nicht ans Kreuz nageln lassen, zum Martyrium drängen. Es geht nicht um äußerlich perfektes Nachahmen. Sein wie er. Aber es geht um Hingabe. Es geht darum, sich an seiner Liebe zu orientieren, die sich nach unten beugt und nicht hoch hinaus will.

 3 Von Unzucht aber und jeder Art Unreinheit oder Habsucht soll bei euch nicht einmal die Rede sein, wie es sich für die Heiligen gehört. 4 Auch schandbare und närrische oder lose Reden stehen euch nicht an, sondern vielmehr Danksagung. 5 Denn das sollt ihr wissen, dass kein Unzüchtiger oder Unreiner oder Habsüchtiger – das sind Götzendiener – ein Erbteil hat im Reich Christi und Gottes.

 Sind das jetzt Konkretionen? Wenn ja, so besteht die Konkretion in Warnungen. Das klingt alles so moralisch, streng, auch ein wenig abgestanden. Mein erster Gedanke: Es ist offensichtlich schon damals einfacher, „das nicht“ zu sagen als positiv zusagen, was denn dann. Im Raum der Freiheit die Grenzen zu benennen, liegt mehr auf der Hand, als die Gestalt der Freiheit zu beschreiben.

 Aber auch inhaltlich haben wir heute ja Probleme mit solchen Worten. Unzucht, das verstehen wir gerade noch, wenn auch wahrscheinlich nicht so streng wie frühere Zeiten. Was ist Unreinheit in einer Zeit, in der nackte Frauen vom Plakat grüßen, Sex zu jedem ordentlichen Film gehört? Geht es um Übergriffe in Gedanken, Worten und Werken, um wilde Phantasien? Oder ist nicht auch das Unreinheit, dass einer Unterwerfen fordert, die totale Kontrolle beansprucht, sich selbst zum Maß aller Dinge macht? Schon, dass ich nur Fragen stelle und keine Aussagen mache, zeigt, wie unklar ich die Situation empfinde.

 Mit dem Geiz und der Habgier gehen wir heutzutage nicht so streng um. Sie sind Salon-fähig. „Geiz ist geil.“ Und wer nicht nimmt, was er kriegen kann an Boni, Gehalt, Vorteilen, gilt irgendwie als doof. Wer Geld nicht so anlegt, dass es Gewinn bringt, der ist blöd. Lange vorbei die Zeit, in der Habgier eine der sieben Todsünden war.

 Auf meinem Schreibtisch liegt seit vielen Jahren ein Ausspruch des „Kirchenvater“ Hieronymus (345 – 420): „Aller Reichtum kommt von der Ungerechtigkeit. Wenn der eine nicht verloren hat, wird der andere nicht finden. Von daher scheint mir auch jener weithin bekannt Satz sehr wahr zu sein: Reich ist entweder der Ungerechte oder der Erbe des Ungerechten.“ Das ist für unsere Ohren schier unerträglich. Wir heute haben unseren Frieden gemacht mit Geiz und Habgier.

 6 Lasst euch von niemandem verführen mit leeren Worten; denn um dieser Dinge willen kommt der Zorn Gottes über die Kinder des Ungehorsams. 7 Darum seid nicht ihre Mitgenossen.

 Leere Worte. Gelalle. „Liebe“ ist ein schändlich missbrauchtes Wort. Mit der „Treue“ ist es genauso. Und „Ehrlichkeit“? – „Der Ehrliche ist der Dumme.“(Wickert) Das Schlimme an dem hohlen Gerede ist: Am Ende sind auch die guten Worte nicht mehr zu hören. Sie sind abgenutzt. Das ist Zorn Gottes in meinen Augen: Ich kann nicht mehr unterscheidend hören! An dieser Stelle sind wir als Christen gefordert, gegen den Missbrauch der Sprache, gegen die Klangteppiche, gegen das inflationäre Geschwätz in Talk-Shows, in Comedys, einen Weg der Distanz zu gehen. Sich enthalten, um nicht leer zu laufen mit den eigenen Worten.

 8 Denn ihr wart früher Finsternis; nun aber seid ihr Licht in dem Herrn. Lebt als Kinder des Lichts; 9 die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.

 Darauf werden die Leserinnen und Leser angesprochen. In ihrem Leben hat es einen Wechsel gegeben. Da ist eine Zäsur zwischen früher und jetzt. Konversion. Zum Glauben kommen. Ausstieg aus dem alten Leben. Neu anfangen. Das ist in der ersten Christenheit eine vielfältige Erfahrung. In einer post-christlichen Gesellschaft, in der die Bindung an den Glauben und die Kirche schwindet, wird es zur neuen Entdeckung: Es gibt Menschen, die aus anderen Lebensmustern in den Glauben finden. Und es so beschreiben: Aus der Finsternis in das Licht

 Hier wird sorgfältig formuliert: Kein Licht aus euch selbst – Licht im Herrn. Weil der Glanz Christi auf die Christen fällt, leuchten sie. Nicht die moralische Integrität, sondern die Zugehörigkeit zu Christus lässt Christen zu Lichtern werden. Diese Zugehörigkeit zeitigt Folgen: Güte – Gerechtigkeit – Wahrheit. Das alles ist lebensdienlich als Verhalten, als Wert, als Tugend.

 10 Prüft, was dem Herrn wohlgefällig ist, 11 und habt nicht Gemeinschaft mit den unfruchtbaren Werken der Finsternis; deckt sie vielmehr auf. 12 Denn was von ihnen heimlich getan wird, davon auch nur zu reden ist schändlich. 13 Das alles aber wird offenbar, wenn’s vom Licht aufgedeckt wird; 14 denn alles, was offenbar wird, das ist Licht. Darum heißt es: Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten.

 Hier kommt die Aktivität der Christen ins Spiel: Prüft. Dahinter steht das Zutrauen: Ihr seid urteilsfähig. Mich fasziniert immer wieder, dass die ethischen Weisungen in den Briefen nicht einfach nur sagen: Erlaubt, nicht erlaubt – und auflisten. Sie fordern zu eigenständigem Hinschauen und Beurteilen auf und trauen den Christen zu, dass sie die richten Entscheidungen treffen.

 Es gibt keine ethische Gleich-Gültigkeit. Es gibt kein: Jeder nach seiner Fasson. Trennungen sind nötig – aber nicht Trennungen von den Menschen, sondern von den Verhaltensmustern. Wenn es heißt: Die Werke der Finsternis aufdecken, – so ist das nicht die Aufforderung, Detektiv zu spielen, hinter anderen her zu schnüffeln. Sondern es ist die Zu-Mutung, anders zu leben. Am anderem Leben wird wie von selbst sichtbar, was das ist: Verlässlichkeit, Ehrfurcht, Sorgfalt im Umgang, Respekt. Wo jemand so lebt, da strahlt sein Leben aus.

 Am Ende steht eine Tauferinnerung! Ein altes Tauflied wird zitiert. Es ist die feste Überzeugung, dass die Taufe eine Ermächtigung zu einem anderen Lebensstil ist. Hellwach sind die Täuflinge, sich der Zugehörigkeit zu Christus bewusst. Und durch seinen Geist geleitet Menschen mit Durchblick.

Herr Jesus                                                                                                                            Du willst und in Deiner Spur                                                                                                   uns als die Bilder für das Leben hinter Dir her                                                                     An uns sollen Menschen sehen können                                                                             wie Christsein sich anfühlt                                                                                                       wie es geht                                                                                                                          aus dem Vertrauen auf Dich zu leben

Du willst uns frei von der Gier nach immer mehr                                                                 mehr Besitz                                                                                                                          mehr Anerkennung und Beifall                                                                                                 mehr Macht                                                                                                                          Du willst                                                                                                                                 dass wir uns genügen lassen                                                                                              dass wir in Dir das Licht haben                                                                                           das uns leuchtet und uns zur Orientierung hilft                                                                   dass wir zu Dir gehören. Amen