Der Alltag zeigt, wer wir sind

Epheser 4, 25 – 32

 25 Darum legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir untereinander Glieder sind. 26 Zürnt ihr, so sündigt nicht; lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen 27 und gebt nicht Raum dem Teufel.

 Mit den Versen zuvor ist die Grundlage gelegt. Es geht um ein verwandeltes Leben, in der Spur Christi. Das wird mit der umfassenden Formel Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn eingeführt. Jetzt folgen auf die allgemeine Formel Ausführungsbestimmungen. Glaube wird immer konkret im Tun.

 Die erste Konkretion ist die Abkehr von der Lüge und die Hinkehr zur Wahrheit. Die Logik der Lüge beruht darauf, dass sie Vorteile zu verschaffen verspricht. Der Schreiber dagegen mahnt zur Wahrheit, weil er die Gemeinschaft als die Basis im Blick hat. Wer lügt, wer die Wahrheit verdreht, schädigt das Miteinander. Weil die Christen zusammen gehören, braucht es die Wahrheit. Sie verhindert, dass sich der Eine vom Anderen trennt. Man darf es einander zumuten, die Wahrheit auszuhalten.

 Der zweite Schritt: Dem Zorn Grenzen setzen. Inhaltlich und zeitlich. Die inhaltliche Grenze ist, dass es nicht zu Trennungen kommen soll. Der Zorn darf nicht so die Oberhand gewinnen, dass es keinen Weg mehr zueinander gibt. Das ist eine Aufforderung zur Mäßigung. Auch gerechter Zorn muss begrenzt werden.

 Die zeitliche Begrenzung lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen ist seelsorgerliche Weisheit. Es ist die Erfahrung, dass es gut ist, das Gespräch miteinander nicht auf die lange Bank zu schieben. Auch wo man sich vergriffen hat, in Worten und Werken – Versöhnung duldet keinen Aufschub. Der Groll, der nicht zeitnah bereinigt wird, setzt sich als Bitterkeit in den Herzen fest.

 Es betreibt das Geschäft des Teufels, an den wir nicht glauben, mit dem wir aber nüchtern rechnen, wenn man den Zorn maßlos werden lässt, sich durch Lügen Vorteile verschafft oder sich im Glauben an das eigene Recht der Bitte um Versöhnung verschließt. Es gehört zur „Grundausstattung“ des Christseins, dass die eigene Rechtsposition nicht das erste und einzige und letzte Wort sein kann. Mancher behauptet sein Recht und verliert darüber seine Nächsten.

 28 Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr, sondern arbeite und schaffe mit eigenen Händen das nötige Gut, damit er dem Bedürftigen abgeben kann.

 Ein bemerkenswerter Realismus hat hier das Wort: Auch Christen müssen dazu gemahnt werden, sich nicht an fremdem Eigentum zu vergreifen. Man könnte ja fragen, ob das nicht selbstverständlich ist. Aber die Erfahrung lehrt: Auch Christenmenschen verwechseln manchmal mein und dein, vergessen, Geliehenes zurück zu geben, leihen sich manchmal Dinge aus, ohne zu fragen. Und der Tatbestand „Diebstahl“ hat viele Gesichter: Steuerhinterziehung, Schwarzarbeit, die Übernahmen von fremdem geistigen Eigentum – das nennt man Plagiat -, Download von urheberrechtlich geschützter Musik, Filmen etc. Es ist ein weites Feld. Und die Sensibilität für diese Tatbestände ist nicht einfach naturgegeben da.

 Auch das ist Diebstahl: Sich auf Kosten der Gemeinschaft durch das Leben futtern. Hier sind wohl konkret Aussteiger im Blick, die mit dem Argument: „Der Herr kommt doch sowieso bald wieder“ es nicht für nötig erachten, geregelter Arbeit nachzugehen. Es ist eine Ethik, die hier zur Sprache kommt, die dazu mahnt, sich zu mühen, sich nicht auf der Barmherzigkeit der anderen bequem einzurichten.

 Ich lese das nicht als eine frühchristliche Rechtfertigung der üblen Rede von den „Sozialschmarotzern“, die dann rasch mit Hartz-IV-Beziehern gleich gesetzt werden. Es gibt ja auch die reichen „Sozialschmarotzer“, die mit ererbtem und manchmal auch unredlich erworbenem Reichtum ein Leben führen, das das Wort Arbeit wie ein Fremdwort empfindet und den Mehrwert der Arbeit von Lohnabhängigen skrupellos abschöpft. Das Bild, das dem Verfasser vorschwebt, ist eine solidarische Gemeinschaft, zu der jeder beiträgt. Nach dem Maß seiner Fähigkeiten, seiner Kraft, auch seines Vermögens.

 29 Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Segen bringe denen, die es hören.

 Berühmt sind die drei Siebe des Sokrates.                                                                   Eines Tages kam einer zu Sokrates und war voller Aufregung.
„He, Sokrates, hast du das gehört, was dein Freund getan hat? Das muss ich dir gleich erzählen.“
„Moment mal“, unterbrach ihn der Weise. „hast du das, was du mir sagen willst, durch die drei Siebe gesiebt?“
„Drei Siebe?“ fragte der Andere voller Verwunderung.
„Ja, mein Lieber, drei Siebe. Lass sehen, ob das, was du mir zu sagen hast, durch die drei Siebe hindurchgeht.
Das erste Sieb ist die Wahrheit. Hast du alles, was du mir erzählen willst, geprüft, ob es wahr ist?“
„Nein, ich hörte es irgendwo und . . .“
„So, so! Aber sicher hast du es mit dem zweiten Sieb geprüft. Es ist das Sieb der Güte. Ist das, was du mir erzählen willst – wenn es schon nicht als wahr erwiesen ist -, so doch wenigstens gut?“
Zögernd sagte der andere: „Nein, das nicht, im Gegenteil . . .“
„Aha!“ unterbrach Sokrates. „So lass uns auch das dritte Sieb noch anwenden und lass uns fragen, ob es notwendig ist, mir das zu erzählen, was dich erregt?“
„Notwendig nun gerade nicht . . .“
„Also“, lächelte der Weise, „wenn das, was du mir das erzählen willst, weder erwiesenermaßen wahr, noch gut, noch notwendig ist, so lass es begraben sein und belaste dich und mich nicht damit!“

 Es ist oft so, sicherlich auch hier: Mahnungen, ethische Weisungen in den Briefes des Neuen Testamentes sind nicht weltfremd. Sie greifen das auf, was auch in der Umwelt als gut und lebensdienlich angesehen wird. Worte können zerstören oder heilen, zugrunde richten oder aufrichten, mutlos machen oder ermutigen. Mir scheint eindeutig: `Paulus‘ will, dass wir Worte reden, die gut tun.

 30 Und betrübt nicht den Heiligen Geist Gottes, mit dem ihr versiegelt seid für den Tag der Erlösung. 31 Alle Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei und Lästerung seien fern von euch samt aller Bosheit. 32 Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.

 Das ist in meinen Augen eine Zusammenfassung der einzelnen Sätze und Hinweise. Das Leben der Christen soll Leben aus dem Geist sein, Leben, das dem Geist Gottes entspricht und ihm nicht widerspricht. Ihn nicht eintrübt. Ihn nicht aus dem eigenen Leben ausschließt. Offensichtlich ist das eine der unmöglichen Möglichkeiten, die Christen haben, dass sie dem eigene Stand, in den sie versetzt sind, Söhne und Töchter Gottes zu sein, nicht entsprechen.

Es verträgt sich nicht mit den Glauben an die Güte Gottes, an die Langmut Gottes, an das Erbarmen Gottes, dass ich ungütig, bitter, vom Zorn zerfressen, missgünstig bin. Es verträgt sich nicht mit der Wahrheit Gottes, dass ich Menschen immerzu und mit Vorliebe in ein schlechtes Licht rücke, über sie herziehe, ablästere.

 Es verträgt sich nicht, dass ich mich von einem Geist der Kritik beherrschen lasse – auch in geistlichen Dingen. Es sind bei weitem mehr christliche Gemeinden von innen zerstört worden, durch Geschwätz, Gerüchte, Getratsche, durch lebloses Richten und Urteilen als durch feindliche Angriffe von außen. Wie einig sind sich da die neutestamentlichen Briefschreiber.So ist auch die Zunge ein kleines Glied und richtet große Dinge an. Siehe, ein kleines Feuer, welch einen Wald zündet’s an! Auch die Zunge ist ein Feuer, eine Welt voll Ungerechtigkeit. So ist die Zunge unter unsern Gliedern: sie befleckt den ganzen Leib und zündet die ganze Welt an und ist selbst von der Hölle entzündet. Denn jede Art von Tieren und Vögeln und Schlangen und Seetieren wird gezähmt und ist gezähmt vom Menschen, aber die Zunge kann kein Mensch zähmen, das unruhige Übel, voll tödlichen Giftes. Mit ihr loben wir den Herrn und Vater, und mit ihr fluchen wir den Menschen, die nach dem Bilde Gottes gemacht sind. Aus „einem“ Munde kommt Loben und Fluchen. Das soll nicht so sein, liebe Brüder.“ (Jakobus 3, 5 – 10)

 In diese Schule ist offensichtlich auch Martin Luther gegangen mit seiner Erklärung des 8. Gebotes: Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.
Was ist das? Wir sollen Gott fürchten und lieben, daß wir unsern Nächsten nicht belügen, verraten, verleumden oder seinen Ruf verderben, sondern sollen ihn entschuldigen, Gutes von ihm reden und alles zum Besten kehren. ( M. Luther, Kleiner Katechismus, Luther Deutsch, Bd. 6, Göttingen 1983, S. 144)

 Ich werde wohl nie den harschen Satz eines Klaus Vollmer vergessen, der uns kritik-lustige Studenten streng vermahnt hat: „Wer über die Boten des Evangeliums lästert, der beschädigt den Segen Gottes.“ Nach einem langen Lebensweg erweitere ich: Wer schlecht über die Brüder und Schwestern im Glauben redet, in der Gemeinde, aber auch in der Kirche, der beschädigt die Verkündigung des Evangeliums und verhindert, dass Menschen zum Glauben finden.

 In einer Umwelt, in der Kritik, oft genug überzogene Kritik, Quote bringt und zum Stilmittel erfolgreicher Medienarbeit zu gehören scheint, ist das eine große Herausforderung. Es tut der Gesellschaft nicht gut, dem in ihr so notwendigen Vertrauen, ohne dass Politiker, Kirchenführer und auch Wirtschaftsführende ihre Arbeit nicht tun können, dass es diese oft gnadenlose Jagd nach dem Aufdecken der menschlichen Schwächen gibt, der jede Großzügigkeit des Herzens abzugehen scheint. Mir jedenfalls wird Angst in einer Gesellschaft der moralisch jederzeit einwandfrei Tadellosen, immerzu Tugendhaften, in jeder Weise Fehlerlosen. Da ist kein Platz mehr für Barmherzigkeit, auf die ich, und wohl nicht nur ich, so angewiesen bin.

 Herr Jesus                                                                                                                              ob es gut ist bei mir zu sein                                                                                                 mir nahe zu sein                                                                                                                   das entscheidet sich auch an meinen Worten                                                                        Rede ich so                                                                                                                           dass andere aufgerichtet werden oder richte ich                                                                     Bin ich einer                                                                                                                         der Verständnis zeigt oder dringe ich auf untadeliges Verhalten                                         semper et ubique – immer und überall                                                                                    Strahlt mein Reden Barmherzigkeit aus                                                                                Und – sind das alles nicht nur Worte                                                                            sondern entspricht auch mein Verhalten diesen guten Worten

Du bist der Zufluchtsort für die                                                                                             die Erbarmen nötig haben                                                                                                      die Fehler nicht mehr verschweigen können                                                                        die sich selbst oft genug hart anklagen                                                                               Ich danke Dir                                                                                                                       dass Du meine Zuflucht bist                                                                                                 dass ich bei Dir Erbarmen finde. Amen