Wachsen geht nur miteinander

Epheser 4, 11 – 16

 11 Und er hat einige als Apostel eingesetzt, einige als Propheten, einige als Evangelisten, einige als Hirten und Lehrer,

 Es ist Christus, der in der Christenheit die Aufträge vergibt. Es ist Christus, der die Dienste schafft und Menschen für diese Dienste vorbereitet, wählt, aussondert. Es ist nicht so, dass sich irgendwelche Leute ausdenken, beispielsweise: „Es wäre doch schön, Propheten zu haben…“ Das ist weit eher unser Bild. Wir suchen und finden zweckdienliche Organisationsstrukturen.

 Hier dagegen: Christus, der alle Macht im Himmel und auf Erden hat, der weiß, was seine Gemeinde braucht an Diensten und Begabungen und er setzt sie ein. Und er ging auf einen Berg und rief zu sich, welche er wollte, und die gingen hin zu ihm. Und er setzte zwölf ein, die er auch Apostel nannte, dass sie bei ihm sein sollten und dass er sie aussendete zu predigen und dass sie Vollmacht hätten, die bösen Geister auszutreiben.“(Markus 3, 13-15) Es ist sein Wille, der die Gemeinde auch „organisatorisch“ gestaltet.

 Ein später Reflex darauf ist die dritte These der Barmer Theologischen Erklärung der Bekennende Kirche: „Die christliche Kirche ist die Gemeinde von Brüdern, in der Jesus Christus in Wort und Sakrament durch den Heiligen Geist als der Herr gegenwärtig handelt. Sie hat mit ihrem Glauben wie mit ihrem Gehorsam, mit ihrer Botschaft wie mit ihrer Ordnung mitten in der Welt der Sünde als die Kirche der begnadigten Sünder zu bezeugen, dass sie allein sein Eigentum ist, allein von seinem Trost und von seiner Weisung in Erwartung seiner Erscheinung lebt und leben möchte.

Wir verwerfen die falsche Lehre, als dürfe die Kirche die Gestalt ihrer Botschaft und ihrer Ordnung ihrem Belieben oder dem Wechsel der jeweils herrschenden weltanschaulichen und politischen Überzeugungen überlassen.“(EG – EKHN, 1994, Nr. 810) Die Organisation der Institution Kirche ist nie nur eine Frage der Effektivität, der Zweckmäßigkeit. Sie ist immer zutiefst eine Frage, ob denn die Form dem Weg Christi entspricht und seinen Willen sucht und ihm dient.

 Natürlich fällt es auf: Die Reihe dieser Dienste ist ein wenig „wortlastig“. Es sind Aufgaben, die in erster Linie der Verkündigung dienen. Diakonische Dienste sind hier nicht benannt, wenn man nicht die Hirten als solche sehen will, die durch ihre Fürsorge für die Gemeinde diakonisch aktiv sind. Das mag auch daran liegen, dass sich solche diakonische sozial fürsorgliche Haltung in den kleinen Gemeinden des Anfangs als geschwisterliche Solidarität „wie von selbst“ ergab. Dafür brauchte es (noch) keine Spezialisten. Obwohl die Erzählung der Apostelgeschichte 6, 1 – 6 ein anderes Bild zeigt. Bei näherem Hinsehen sieht man aber auch an dieser Stelle: Diese Diakone waren in erster Linie Verkündiger, Prediger, Gemeindeleiter.

 12 damit die Heiligen zugerüstet werden zum Werk des Dienstes.

 Als die zentrale Aufgabe wird genannt, die Heiligen zuzurüsten. Offensichtlich ist die Vorstellung, dass die Menschen, die in den Gemeinde sind, als Christen leben wollen, nicht zuerst „Versorgungsempfänger“ sind. Sie sind Menschen, die Gaben haben, die das Evangelium ergriffen und verwandelt hat, und die nun mit ihren Gaben selbst dienen.Es wird erst einmal noch gar nicht differenziert, wie dieses Dienen aussieht. Aber grundsätzlich wird jede und jeder in der Gemeinde angesehen als jemand, der anderen dient, der ihnen gut tut, in Worten und in Werken, durch sein Dasein, seinen Glauben, seine Hoffnung, seine Liebe.

 Ich könnte es auch so sagen: Passive Mitgliedschaft ist in der Gemeinde Jesu nicht vorgesehen. In dichterischer Form hört sich das so an:

 Lieber Freund, komm zu Tisch, hier ist Platz noch für dich.
Was du geben kannst, leg’ in die Runde.
Sei es Wein, sei es Schmalz, es ist gut zu gegebener Stunde.

Ref.: So muß ein Festmahl sein. Jeder bringt etwas ein.
Jeder nimmt etwas mit. Ein Törtchen, ein Wörtchen, ein Lied.

Auf die Freundschaft den Toast! Suchst du Rat, suchst du Trost,
dann wird sich wohl für dich jemand finden.
Denn du bist hier gefragt, jeder, der etwas wagt,
der sein Fähnlein nicht dreht nach den Winden.

Einer sagt ein Gedicht, einer spendet ein Licht,
der entlockt ein paar Worte dem Stummen.
Dieser suchte und fand, jener reicht seine Hand.
Einer schenkt einem anderen Blumen.                                                                                            Gerhard Schöne,   CD Spar Deinen Wein nicht auf für morgen 1981

 Dadurch soll der Leib Christi erbaut werden, 13 bis wir alle hingelangen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zum vollendeten Mann, zum vollen Maß der Fülle Christi, 14 damit wir nicht mehr unmündig seien und uns von jedem Wind einer Lehre bewegen und umhertreiben lassen durch trügerisches Spiel der Menschen, mit dem sie uns arglistig verführen.

 Wo so geteilt wird, Gaben mitgeteilt werden, da wird der Leib Christi erbaut. Da wird Glauben vertieft, Hoffnung gestärkt, wird die Liebe zum Lebensraum, weit über alle Gefühle hinaus und doch alle Gefühle tragend. Das Angesicht Christi leuchtet auf über solcher Gemeinschaft. Es kommt zu einem Erkennen des Sohnes Gottes, das Bodenhaftung hat, standfest werden lässt. Solche Erfahrung, wo der Himmel sich einen Augenblick zu öffnen scheint, machen nicht untauglich für die Erde. Ganz im Gegenteil: Sie helfen, der Erde treu zu bleiben, sie zu leben, mit der Liebe, die an Christus Maß nimmt.

 Aber unabhängig werden die Christen durch solches Miteinander. Unabhängig von Lehrmeinungen, auch von Lehrstreitigkeiten. Wo wirklich das Leben geteilt wird, können auch unterschiedliche Sichtweisen ausgehalten werden. Sie lassen sich auch nicht mehr ständig beeinflussen durch das, was so um sie herum geschieht. Dass das so einfach nicht ist, schimmert durch die Worte durch. „Soviel geht aus der bildreichen Schilderung hervor, dass die Gemeinden durch unklare und verführerische Lehrmeinungen verunsichert sind.“(R. Schnackenburg, Der Brief an die Epheser, EKK X, Neukirchen 1982; S.189)Keine Insel der Seligen, weltabgeschieden. Wohl aber eine Gemeinschaft, die ihren eigenen Wertmaßstäben traut und die sich in der gemeinsamen Sammlung um die Mitte, um Christus gewiss ist: wir sind auf dem Weg Gottes, auf dem Weg des Lebens.

 Diese Worte sind ein Einspruch gegen Modelle, die die Fülle der Erkenntnis immer nur bei dem Einzelnen sehen. Hier ist deutlich das andere Bild: Nur in der Gemeinschaft mit den anderen gibt es auch einen Erkenntnis-Fortschritt des Glaubens. So schön es sein mag, sich allein meditativ zu öffnen, tiefe Erfahrungen zu machen – das Modell des Epheserbriefes hält den anderen Weg, den des geteilten Lebens, der geteilten Gaben für den Weg, den Christi Geist uns führen will.

 Dieses Modell der Gemeinschaft ist ein Modell gegen das unmündig Sein, gegen die Verführbarkeit. Der Einzelne erfährt ein Stützen seines Glaubens durch das Beieinander sein mit den anderen, die wie er glauben. In der Sprache des Religions-Soziologen heißt das: Es entstehen Plausibilitäts-Strukturen. „Als zutiefst soziales Wesen brauchen die Menschen bei allem, was sie über die Welt und von ihr denken, einen sozialen Rückhalt; ein Umstand, den ich an anderer Stelle mit dem Begriff Plausibilitätsstruktur, gemünzt auf den konkreten sozialen Kontext, in dem ein bestimmter Glaube oder Wert plausibel ist, versucht habe, kenntlich zu machen.“ (Peter L. Berger, Sehnsucht nach Sinn; Gütersloh 1999, S. 130)

 Das ist eine steile Behauptung: Die Überwindung von Unmündig-sein, Schweigen, sich Verstecken braucht die Gemeinschaft, in der ich geborgen bin. Sie hilft zur Sicherheit und zum Zeugnis. Zur Standfestigkeit in der Welt. Meine Lebens- und Glaubenserfahrung lässt mich dem zustimmen.

 15 Lasst uns aber wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus, 16 von dem aus der ganze Leib zusammengefügt ist und ein Glied am andern hängt durch alle Gelenke, wodurch jedes Glied das andere unterstützt nach dem Maß seiner Kraft und macht, dass der Leib wächst und sich selbst aufbaut in der Liebe.

 Es folgt eine Ermunterung, Ermutigung. Lasst uns ist kein Befehl, sondern eine Einladung. Man kann zur Wahrhaftigkeit ermutigen. Ob man sie befehlen kann, ist mir zweifelhaft. Gemeint ist – so lese ich – mit wahrhaftig sein ein Leben in der Wahrheit des Glaubens, mit Christus, der von sich sagen kann: „Ich bin die Wahrheit.“ (Johannes 14,6) Ein Leben, das der Tragkraft des Glaubens vertraut.

Ganz gewiss kann man nicht befehlen zu wachsen – äußerlich nicht und innerlich auch nicht. Aber im Leben mit Christus wird die Verbindung zu ihm tiefer. Im Fragen: Was willst du, dass ich tun soll? komme ich ihm näher. Im betenden sich Anvertrauen in seine Hände wird mein Glauben innig, vertieft. Kein Wachsen, das wir machen können, aber ein Wachsen, das an uns geschehen kann, wenn wir uns ihm öffnen. Dazu also werden wir ermutigt, uns diesem Wachsen zu öffnen.

 Und wieder: Dieses Wachsen verbindet mit den anderen, fügt zusammen, macht anhänglich. Macht wohl auch abhängig. Es ist auf Christus ausgerichtet und wird zugleich von ihm getragen. Es ist das Werk, das er an uns tun will und das wir an uns geschehen lassen. Es ist ein Wachsen, das kein Alleingang ist, keine Selbstvervollkommnung, sondern das mit den anderen zusammenbindet. Und merkwürdig genug: In diesen Wachstumsprozess zu Christus hin stützt ein Glied das andere. Jeder und jede, wieder greift `Paulus’ auf zuvor Gesagtes zurück, nach seinem Maß, seinen Fähigkeiten, seiner Kraft.

 Es ist großartig: Die Gemeinde lebt von den Schwachen genauso sehr wie von den Starken. Sie braucht die Hochbegabten nicht mehr als die, deren Gaben nach dem Maßstab der Welt kaum ins Gewicht fallen. Im Gegenteil: Wenn die Schwachen fehlen würden, würde das ganze Gebäude schief werden, wäre nicht ausbalanciert und tragfähig. Wie weit sind wir von dieser Sicht im Blick auf unsere konkreten Gemeinden entfernt! Auch kirchlich haben fast immer die Leistungsfähigen, Durchsetzungs-Starken, Selbstbewussten das erste und das letzte Wort. Die anderen werden betreut. Ihre Begabung scheint ausschließlich zu sein, dass sie sich das gefallen lassen.

 Herr Jesus Christus                                                                                                              Du das Haupt                                                                                                                          wir die Glieder                                                                                                                      Das ist mir tief eingeprägt                                                                                                      aber ich lebe es nicht so konsequent

Zumindest tue ich gerne einmal so                                                                                        als sei ich ein wichtigeres Glied als andere Glieder                                                              weil ich mehr weiß                                                                                                                frömmer bin                                                                                                                        klarer urteilen kann

Es rückt einiges bei mir zurecht                                                                                            Du bist und bleibst auf die anderen angewiesen                                                                gerade auch im Wachsen des Glaubens                                                                            Du kannst nur mit den anderen zusammen wachsen und reifen                                           den Weg Christi bis zum Ziel gehen

Hilf mir                                                                                                                                  dass ich das nicht als Demütigung empfinde                                                                 sondern darin Deine Güte entdecke. Amen