Nach unten – nach oben: für uns

Epheser 4, 7 – 10

 7 Einem jeden aber von uns ist die Gnade gegeben nach dem Maß der Gabe Christi.

Was für ein starker Satz. So sieht `Paulus‘ die Gemeinde. So sieht er einen jeden. Hinter dem alle und hinter dem eins, einer, eine verschwindet der Einzelne, die Einzelne nicht. Die Gnade Gottes ist nicht allgemein, nur am großen Ganzen orientiert und interessiert, sondern einem jeden zugewandt. Individuell. Maßgeschneidert.

Das besonders gefällt mir. Es gibt die Gnade nicht im Einheitsmaß. Es gibt sie – oder genauer: Er, Gott, gibt sie so, wie es jede und jeder in seiner Existenz nötig hat, wie sie not-wendig ist. Für den einen mag Gnade der Freispruch von alter Schuld sein, die ihn quält. Für eine andere ist die Gnade vielleicht der so ganz andere Satz: Du darfst Dich trauen und du darfst Deinem Herzen trauen. Und für wieder einen dritten mag es Gnade sein, dass er loslassen kann, freigeben und sich nicht immer neu verfangen in einem Pflichtgefühl, das ihn nicht zur Ruhe kommen lässt. Immer aber leuchtet in der Gnade das Gesicht Christi auf, der sich uns zuwendet. Und immer ist sie Geschenk, Gabe.

 Er kennt das Maß, das wir brauchen. Und sein Geben macht uns nicht zu willenlosen Fürsorge-Empfängern. „Was willst du, dass ich für dich tun soll?“(Markus 10,51) Selbst wenn er wüsste, im Voraus wüsste, was für uns gut ist – und oft genug wird ja in den Evangelien von seinem Vorherwissen erzählt – er fragt zuerst. Er lässt uns die Freiheit, die sich beschenken lassen kann. Er hat diesen letzten Respekt, der die Gnade nicht überstülpt, sondern sie gibt und sie so annehmbar macht.

 Wie so oft ist auch hier `Paulus` in der Spur des Paulus unterwegs. „Denn ich sage durch die Gnade, die mir gegeben ist, jedem unter euch, dass niemand mehr von sich halte, als sich’s gebührt zu halten, sondern dass er maßvoll von sich halte, ein jeder, wie Gott das Maß des Glaubens ausgeteilt hat.“ (Römer 12,3) Das Maß des Glaubens und das Maß der Gabe der Gnade sind nicht zweierlei Maß – sie legen sich gegenseitig aus. Es ist eine große Befreiung, die in unseren Gemeinden noch neu zu lernen ist. Wir müssen nicht alles auf einer Linie und in einer Reihe stehen – weder im Zuschnitt des Glaubens noch im Zuschnitt der Gnade. Christus schlägt nicht alle über einen Leisten. Er misst individuell zu.

 8 Darum heißt es (Psalm 68,19): »Er ist aufgefahren zur Höhe und hat Gefangene mit sich geführt und hat den Menschen Gaben gegeben.« 9 Dass er aber aufgefahren ist, was heißt das anderes, als dass er auch hinabgefahren ist in die Tiefen der Erde? 10 Der hinabgefahren ist, das ist derselbe, der aufgefahren ist über alle Himmel, damit er alles erfülle.

 Es folgt ein Psalm-Zitat. Dieser Anschluss ist ein bisschen schwierig, vor allem wegen des „darum“. Das könnte ich so verstehen: Damit er das tun kann, jedem seine Gaben geben, steigt er auf in die Höhe. Gemeint ist wohl der Himmel. Bemerkenswert ist auch, wie das Psalmzitat verändert wird. Am Ursprungsort heißt es:

 Du bist aufgefahren zur Höhe                                                                                            und führtest Gefangene gefangen;                                                                                        du hast Gaben empfangen unter den Menschen;….        Psalm 68,19

 Aus der lobenden und betenden Anrede Gottes wird hier im Epheserbrief eine Aussage über Christus. Er ist ja der, der aufgefahren ist und hinabgefahren in die Tiefen der Erde. Himmelfahrt und „Höllenfahrt in einem Atemzug, genau umgekehrt benannt wie im Glaubensbekenntnis: „hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel. Von dort wird er kommen.“ Es geht um den Christus voller Macht, dem „alle Gewalt im Himmel und auf Erden gegeben ist.“ (Matthäus 28,18)

 Hier wird die Bewegung gezeichnet, die gemein-christlichen Glauben im Beginn der Gemeinden spiegelt. „Und niemand ist gen Himmel aufgefahren außer dem, der vom Himmel herabgekommen ist, nämlich der Menschensohn.“ (Johannes 3,13) „Denn ich bin vom Himmel gekommen, nicht damit ich meinen Willen tue, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat.“ (Johannes 6, 38) Und ganz nahe ist der Abschnitt am Christus-Hymnus, den der Apostel Paulus im Brief an die Philipper zitiert und der wohl auf ein urchristliches Lied zurück verweist. „Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz. Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist,…“(Philipper 2,8-9) Ganz nach unten geht Christus, um dann ganz nach oben zu steigen – und das alles uns zugute.

Das ist ein starker Hinweis: Der Weg Christi nach unten und nach oben ist der Weg, den er für uns auf sich nimmt, der seine Macht zeigt in ihrem Charakter als Dienst. Es gibt keine Macht Christi an sich und nur für ihn. Sie zielt immer auf uns, sie ist Macht „für uns“. Immer Dienst. Das kennzeichnet seine Macht, dass er dient.

Dieses „für uns“ ist schon angelegt in jüdischen Auslegungen von Psalm 68,19. „Du bist zur Höhe emporgestiegen, hast Gefangenschaft gefangen geführt, hat Gaben empfangen (die Gesetzestafeln für Israel). Er nahm sie (die beiden Tafeln) und stieg hinab und freute sich im großer Freude“ (Strack-Billerbeck, Kommentar zum Neuen Testament, München 1979, Bd. III; S. 596) Schon hier zeigt sich die Verschiebung von der Anbetung Gottes hin zu einen Verständnis, das den Heilsbringer sieht und seinen Weg, nach oben und nach unten am Berg Sinai (Mose), nach unten und nach oben im Weg des Lebens zwischen Menschwerdung und Himmelfahrt (Christus).

 Wie weit in diesen Worten auch eine Anspielung auf den Weg Christi in die Totenwelt gegeben ist, vermag ich nicht zu sagen. Aber es ist schon ein wenig naheliegend, auch dieses Worte mit zu hören. „Denn auch Christus hat „einmal“ für die Sünden gelitten, der Gerechte für die Ungerechten, damit er euch zu Gott führte, und ist getötet nach dem Fleisch, aber lebendig gemacht nach dem Geist. In ihm ist er auch hingegangen und hat gepredigt den Geistern im Gefängnis,…“ (1. Petrus 3,18-19) Es ist gedanklich kein so ganz weiter Weg von dem Gefängnis bei Petrus zu den Tiefen der Erde bei `Paulus‘. Die Macht des Christus will wirklich alle. Ohne Ausnahme.

Christus                                                                                                                                Du gehst Deinen Weg in die Tiefe                                                                                     Deinen Weg in den Himmel als Weg für uns                                                                          Du machst uns den Weg frei                                                                                                 Du gibst                                                                                                                                 was wir brauchen                                                                                                                 um unseren Weg gehen zu können – hinter Dir her                                                           glaubend                                                                                                                                hoffend                                                                                                                                liebend

 Du gibst an jedem Tag Kraft genug                                                                                       Du gibst jedem und jeder von uns Gnade genug                                                                 Du weißt                                                                                                                               was wir nötig haben und teilst aus Deiner Fülle aus                                                            was uns unseren Weg gehen und bestehen lässt. Amen