Eins

Epheser 4, 1 – 6

 1 So ermahne ich euch nun, ich, der Gefangene in dem Herrn, dass ihr der Berufung würdig lebt, mit der ihr berufen seid, 2 in aller Demut und Sanftmut, in Geduld.

 Bis jetzt hat `Paulus` den Blick seiner Leserinnen und Leser vor allem auf Christus gelenkt, auf sein Tun. Weil er erwartet, dass dieser Blick ihnen Rückenwind gibt. Jetzt spricht er sie darauf an, dass sie in Christus auf einen Weg gerufen sind. Mehr noch: sie haben eine Berufung empfangen. κλη̃σις, Ruf meint Einladung, auch Vorladung und – „im NT: Berufung zur Seligkeit“.(Gemoll, Griechisch-Deutsches Schul u. Hand-Wörterbuch; München 1957, S.440) Das also sollen sie leben, das soll in ihrem Lebensstil sichtbar werden, dass sie schon dem Himmel angehören, dass sie nicht mehr eingesperrt sind in den engen Horizont der Welt.

Die Art, wie das gelebt wird, ist weit entfernt von Hochmut und Selbstsicherheit, von Übermut und Verachtung der Welt: In aller Demut und Sanftmut, in Geduld. Das Wort für Demut hat einen Beiklang von „Selbsterniedrigung“, in der Sanftmut schwingt Milde mit, vielleicht auch Güte. Und Geduld lässt sich gut übersetzen mit Großmütigkeit. Es sind Tugenden, die nichts Schwächliches haben, sondern ein starkes Herz brauchen. Mut.

 Es sind Tugenden, die aus den Verheißungen heraus ihre Stärke beziehen und wachsen. „Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich….Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.“(Matthäus 5,3+5) Wer sich um den Besitz des Himmels und der Erde keine Sorgen mehr machen muss, der kann sich auch Demut, Sanftmut und Geduld leisten.

Diese Worte, diese Ermahnungen, ich übersetze lieber: Ermutigungen, bekommen noch einmal ein eigentümliches Gewicht durch den Rückverweis: ich, der Gefangene in dem Herrn. So hat Paulus ja in der Tat aus dem Gefängnis auch an seine Gemeinden geschrieben. Seine Worte ermutigen in der merkwürdigen Freiheit eines Gefangenen.

 Ertragt einer den andern in Liebe 3 und seid darauf bedacht, zu wahren die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens:

 Konkreter geht es kaum: Ertragt einer den andern in Liebe. Es ist relativ einfach, die zu ertragen, mit denen man auf Abstand lebt. Die wirkliche Herausforderung für die Liebe, für das Ertragen sind die, mit denen man tagtäglich das Leben teilt: Eheleute, Hausgenossen, Nachbarn, Freunde. Es scheint so, als wüsste der Schreiber etwas von der Mühe, die da das Durchhalten der Liebe, das Ertragen auch kosten kann. Seid darauf bedacht, zu wahren die Einigkeit – das sind Worte aus der Sprache des Kampfes, des Krieges, aus dem Arsenal der Wach-Ordnungen. Wacht darüber! Ringt darum. Werdet nicht schläfrig in der Anstrengung. Gebt nicht gar so schnell auf. Am besten gar nicht.

 Es hat dann auch wieder etwas Entlastendes, wenn er darauf verweist: die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens – das ist Vorgabe, Fundament. Statt Einigkeit – wir hören da immer einen Verständigungsprozess: „Wir werden uns einig“ist es besser zu übersetzen: Einheit. Ενότης – nur im Epheserbrief kommt dieses Wort im Neuen Testament vor und signalisiert damit: Daran liegt dem Schreiber besonders viel. Das ist Lebensraum, den Gott durch seinen Geist euch geöffnet hat. Sie müssen nicht Einigkeit, Frieden herstellen. Sie müssen „nur“ die Einheit des Geistes wahren!

 4 “ein” Leib und “ein” Geist, wie ihr auch berufen seid zu “einer” Hoffnung eurer Berufung; 5 “ein” Herr, “ein” Glaube, “eine” Taufe; 6 “ein” Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen.

 Und dann, wieder wird der Blick umgelenkt, stellt er seinen Adressaten noch einmal vor Augen, was denn das ist, diese vorgegebene Einheit. Wenn sie um Einheit ringen, so haben sie guten Grund. Denn Gott hat ja alles getan, damit sie eins sein können – es ist geradezu sein Wesen, so könnte man denken, das ihn Einheit schenken lässt und den Weg der Einheit eröffnet.

So stellt er er ihnen „eins“ vor Augen. Es sind die griechischen Zahlworte εν, μία, είς, die dem Leser regelrecht eingehämmert werden. Kirche lebt aus der Einheit. Sie lebt von dem Einen. Sie lebt in der einen Hoffnung. Und am Ende steht wieder als Ziel Einheit – diesmal in dem Vater. Die ganze Vielfalt des Lebens hat in ihm ihren einen Grund und in ihm ihr einiges Ziel. Alle Vielgestaltigkeit des Lebens drängt hin auf ihn.

 In dieser letzten Formel “ein” Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen. wird die Freiheit gewahrt. Das aller – πάντα steht da in vielen Variationen – stellt sicher, dass die Einheit keine Uniformität meint. Es ist eine Einheit, in der die Vielfalt in dem Vater zusammen gefügt wird und zu ihrem Ziel kommt.

 Vielleicht ist das ein wichtiger Hinweis für unsere Zeit heute, in der jeder ein Sonderfall ist und es über die Verschiedenheit hinaus keine Einheit mehr zu geben scheint. Erst Einheit erlaubt wirkliche Verschiedenheit. So wie Individualität auch erst da ihren Glanz gewinnt, wo sie eingebettet ist in eine Gemeinschaft und ihr dient. Aber das sind – so spüre ich öfters einmal – ganz unzeitgemäße Gedanken. Nur: Unser Briefautor scheint genau so zu denken und zu glauben.

Bevor wir einig und eins waren                                                                                          hast Du Gott uns zusammengefügt                                                                                         Wir alle sind mit dem Leben beschenkt durch Dich                                                                getauft auf Deinen Namen                                                                                              geliebt von Dir

Du hast uns in Deine Gemeinde zusammengebracht –                                                     damit wir zusammen ein Licht für die Welt werden

Öffne uns die Augen füreinander –                                                                                        für die Gaben                                                                                                                            die die anderen haben                                                                                                              für die Nöte                                                                                                                            die anderen zu schaffen machen                                                                                             für das Glück                                                                                                                          das anderen zuteil wird                                                                                                           für den Schmerz                                                                                                                     in dem andere unsere Nähe brauchen.

Du willst                                                                                                                             dass in unserem Miteinander Freundlichkeit                                                                       Sanftmut und Geduld                                                                                                       aufleuchten aus deinem Geist. Amen