Es ist Gottes Werk an uns

Epheser 2, 1 – 10

 1 Auch ihr wart tot durch eure Übertretungen und Sünden, 2 in denen ihr früher gelebt habt nach der Art dieser Welt, unter dem Mächtigen, der in der Luft herrscht, nämlich dem Geist, der zu dieser Zeit am Werk ist in den Kindern des Ungehorsams. 3 Unter ihnen haben auch wir alle einst unser Leben geführt in den Begierden unsres Fleisches und taten den Willen des Fleisches und der Sinne und waren Kinder des Zorns von Natur wie auch die andern.

 Der Glaube macht nicht blind. auch nicht für die eigene Vergangenheit. Der Glaube öffnet die Augen und lässt nicht zu, dass man sich über sich selbst in die Tasche lügt. So lenkt der Schreiber den Blick seiner Leser auf ihre Vergangenheit. Ihr wart tot durch eure Übertretungen und Sünden. Ihr standet unter fremder Herrschaft. Ihr wart den eigenen Begierden unterworfen. Freiheit war ein Fremdwort.

 Solche Worte haben bei uns keinen guten Klang. Das Schema „früher-jetzt“ ist unter Verruf. Unter dem Verdacht für „jetzt“ so etwas wie eine moralische Integrität zu behaupten. Auch einfach nur ein rhetorisches Schema zu sein. Aber hier beschreibt es die Wirklichkeit der Lesenden. Sie haben einen Wandel, einen radikalen Wechsel erlebt. Nicht nur sie – im „wir“ und „unser Leben“ schließt sich der Schreiber mit ihnen zusammen. Er redet auch von seiner eigenen Erfahrung, der früheren Unfreiheit und dem Aufatmen jetzt.

 Es mag sein, dass uns diese Erfahrung heute abgeht. Aber damit fehlt uns etwas und wir können nicht einfach diese Tatsache für die Normalität des Christseins erklären. Weil wir diese Sicht haben – wir waren immer schon Christen und machen allenfalls Wissens-Fortschritte -, deshalb können wir den radikalen Wechsel im Begreifen der Existenz, im Selbstverständnis, in den Lebensgrundlagen nicht einfach zur Seite schieben. Es gibt bis heute solche Konversionen, gegen alle religiöse Theorie, mitten in der Christenheit. Aus der Gleichgültigkeit zum Glauben. Aus der Gottesfremdheit zum Leben mit dem nahen Gott. Aus dem „Mit Gott habe ich nichts am Hut“ zu: „Ohne Christus kann ich nicht mehr leben.“ Dass man nicht nur dazu lernt, sondern einem regelrecht die Augen aufgehen – für die eigene Verlorenheit und Verlogenheit und für das Geschenk der Freiheit in Christus. Auf einmal ist das eigene Leben auf neuen, festen Grund gestellt.

 4 Aber Gott, der reich ist an Barmherzigkeit, hat in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, 5 auch uns, die wir tot waren in den Sünden, mit Christus lebendig gemacht – aus Gnade seid ihr selig geworden -; 6 und er hat uns mit auferweckt und mit eingesetzt im Himmel in Christus Jesus, 7 damit er in den kommenden Zeiten erzeige den überschwänglichen Reichtum seiner Gnade durch seine Güte gegen uns in Christus Jesus.

 Von diesem Wechsel ist nun die Rede. Aber nicht im Blick auf die innere Befindlichkeit, sondern im Blick darauf, worin dieser Wechsel seinen Grund hat. Was da geschieht, ist „Totenauferweckung“. Das ist schon ein starkes Wort, aber bewusst gewählt. Das Leben vorher ist ein Sein zum Tode – ohne Christus, versklavt, den Sünden unterworfen. Weil es „goldene Ketten“ sind, die binden, spürt man sie nicht so, nimmt sie nicht wahr. Aber es bleiben Ketten. Begierde, Gier, Hass, Selbstsucht, Karrieregeilheit, Egoismus – alles Verhaltensweisen, die isolieren, nur das eigene Selbst kennen. Keinen Gott, keinen Nächsten. Und darin tödlich sind.

Aus diesem Leben sind „wir“ – wieder schließt der Schreiber sich mit ein – heraus geholt durch die Barmherzigkeit, durch die Liebe, die uns in eine neue Existenz regelrecht eingesetzt hat. Wir leben in einem neuen Land – so könnte man auch sagen, unter neuen Bedingungen. Im Himmel sagt unser Schreiber. Nicht entrückt, aber schon unter anderem Vorzeichen. Und mit der Gewissheit: Das ist erst der Anfang. Es geht der Erfüllung, der Vollendung entgegen. Das ist Futur, Zukunftsmusik. Aber nicht Vertröstung, sondern gesprochen aus dem Wissen: Gott bringt ans Ziel.

 8 Denn aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es, 9 nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme. 10 Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen.

 Ein Wechsel ist das, den nicht wir herbei geführt haben. Eine Wende, die nicht wir ins Werk gesetzt haben. Dieses neue, andere Leben ist Gottes Werk. Allein aus ihm, aus seinem Willen. Aus Gnade. Gratis. Geschenkt. Und die Weise, wie wir es erfassen, ist Glauben. Es sich gefallen lassen, was Gott in Christus getan hat. Sich beschenken lassen. Leere Hände hinhalten, damit er sie füllen kann.

 Auch daran liegt dem Schreiber viel: Es ist nicht nur ein verändertes Handeln, das aus dieser Wende entsteht. Wir sind andere geworden. Wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken. Es ist bewusste Wortwahl, die das Werk Gottes und die guten Werke der Christen zusammen zieht, und doch auch unterscheidet – hier ποίημα, das Gemachte, in dem noch die Schöpfung mit anklingt, dort έργον, das Werk, die Tat, die immer schon auf dem aufruht, was der Schöpfer aus uns gemacht hat. Es ist die Übersetzung Luthers, die beiden noch näher zusammenrückt, fast Gleichklang erzeugt. Aus diesem neuen Sein kommt auch ein neues Handeln, anders, Gott entsprechend. Gut.

 Die Schriften des Neuen Testaments kennen die Angst vor den guten Werken nicht, die man vor allem Lutheranern nachsagt. „Aus Gottes Gabe erwächst auch unsere Aufgabe, das neu geschenkte Leben „in guten Werken“, in unserem Lebenswandel, sich auswirken zu lassen.“ (R. Schnackenburg, Der Brief an die Epheser, EKK X, Neukirchen 1982; S.99) Weil wir Gottes gutes Werk sind, kommen doch geradezu zwangsläufig auch gute Werken aus unserem Handeln heraus. So bringt jeder gute Baum gute Früchte.“ (Matthäus 7,17)

 Wohl wahr: Das geht nicht wie von selbst, automatisch. Obwohl es auch das als Trost gibt für alle, die sich allzu sehr grämen, wenn sie das Reich Gottes nicht herbei führen können durch ihr Tun: „Und er sprach: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft und schläft und aufsteht, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst – er weiß nicht wie. Denn von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre.“ Markus 4, 26-28) Da steht wirklich αυτομάτη, wie von selbst, automatisch.

 Aber das will der Schreiber schon sagen: Wo einer, eine, aus diesem neuen Stand lebt, in den sie, ihn, Christus eingesetzt hat, seine neue Existenz annimmt, die uns geschenkt ist, da wird auch sein Handeln sich verändern. Weil er anfängt zu tun, wozu ihn Gott geschaffen hat, was er ihm schon vorbereitet hat. Mir kommt ein Bild: Wir laufen in einem Parcour, den nicht wir zusammengestellt haben, den wir aber absolvieren sollen: Taten der Liebe wirken, Wege der Gerechtigkeit gehen, Worte voller Erbarmen zusprechen, Rückenwind für Mutlose werden. Das will Gott durch uns in dieser Welt wirken.

Gott                                                                                                                                   Nähe und Ferne                                                                                                             Kontakt und Distanz gehören zu unserem Leben                                                         Mancher ist uns zu nahe getreten und deshalb halten wir uns von ihm fern                    Anderen fühlen wir uns nahe und erfahren doch                                                                  wie fremd sie uns bleiben.

Wir kennen die Angst vor zu großer Nähe und genauso die Angst vor zu großer Ferne Wir kennen die unsichtbaren Wände und Grenzen                                                                   die uns oft genug nicht den Weg zueinander finden lassen

Du Gott                                                                                                                               hast Dich über alle Grenzen hinweg gesetzt                                                                       Du hast Dich auf den Weg zu uns gemacht                                                                        Du bist uns nahe gekommen                                                                                                  – so nahe, dass wir zu Dir beten können                                                                                 – so nahe, dass wir Dir ins Gesicht sehen können                                                                  – so nahe, dass wir Deine Liebe spüren können                                                                     – so nahe, dass wir Deine Kinder sein dürfen

Gott, Deine Nähe macht uns Mut                                                                                       anderen Nähe zu schenken und uns selbst Nähe schenken zu lassen. Amen