Unterwegs zu neuen Erkennen

Epheser 1, 15 – 23

 15 Darum auch ich, nachdem ich gehört habe von dem Glauben bei euch an den Herrn Jesus und von eurer Liebe zu allen Heiligen, 16 höre ich nicht auf, zu danken für euch, und gedenke euer in meinem Gebet, 17 dass der Gott unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Herrlichkeit, euch gebe den Geist der Weisheit und der Offenbarung, ihn zu erkennen.

 Die Danksagung an Gott ist zu Ende. Jetzt wendet sich `Paulus’an seine Leser. Noch einmal mit einer Danksagung. Was er von ihnen hört über ihren Glauben und ihre Liebe, das macht ihn froh. Das lässt ihn Gott preisen. Er ist trotz all der Himmelsworte nicht in den Himmel entrückt. Er seht sehr wohl, was in der Gemeinde ist.

 Bei der Dankbarkeit bleibt er nicht stehen. Sondern geht weiter, immer weiter. Sein Beten führt ihn zu einer Bitte um den Geist, damit seine Leser Gott, den Vater der Herrlichkeit erkennen. Kennen sie ihn denn noch nicht? Sie sind doch schon Christen! Geht es um besondere, außergewöhnliche Geisterfahrungen?

 Ich greife zu einem Beispiel aus meinen eigenen Leben. Über vierzig Jahre verheiratet lerne ich meine Frau Tag um Tag kennen. Ich kenne sie schon – und lerne sie doch noch immer neu kennen. So ähnlich lese ich diese Bitte. Sie sollen nicht einfach stehen bleiben bei dem, was sie von Gott, von Christus schon wissen, sich nicht einrichten in ihrem Wissen. Sie sollen unterwegs bleiben zu neuem Erkennen.

18 Und er gebe euch erleuchtete Augen des Herzens, damit ihr erkennt, zu welcher Hoffnung ihr von ihm berufen seid, wie reich die Herrlichkeit seines Erbes für die Heiligen ist 19 und wie überschwänglich groß seine Kraft an uns, die wir glauben, weil die Macht seiner Stärke bei uns wirksam wurde, 20 mit der er in Christus gewirkt hat. Durch sie hat er ihn von den Toten auferweckt und eingesetzt zu seiner Rechten im Himmel 21 über alle Reiche, Gewalt, Macht, Herrschaft und alles, was sonst einen Namen hat, nicht allein in dieser Welt, sondern auch in der zukünftigen. 22 Und alles hat er unter seine Füße getan und hat ihn gesetzt der Gemeinde zum Haupt über alles, 23 welche sein Leib ist, nämlich die Fülle dessen, der alles in allem erfüllt.

 Wieder kann es so scheinen, als verlöre er die Christen auf der Erde aus den Augen, weil er nur noch über den Christus schreibt. Er ist fasziniert von dem Christus, weil er fasziniert ist von dem, was die Christen an ihm haben. Seine Kraft wirkt in den Christen. Von ihm her sind sie, die vor der Welt die Stärksten nicht sind, stark, gehalten, getragen, geschützt. Vielleicht darf man wieder einmal Paulus mithören: „Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht. Christus. (Philipper 4, 13) Damit sie so von sich denken können, schreibt `Paulus’ so über Christus.

 Alles, was er hier schreibt, dient ja der Vergewisserung: Wir haben einen Herren, bei dem wir gut aufgehoben sind. Wir haben den zum Herren, der durch den Tod gedrungen ist, der über alle Reiche, Gewalt, Macht, Herrschaft und alles, was sonst einen Namen hat, nicht allein in dieser Welt, sondern auch in der zukünftigen, gesetzt ist, Macht hat. Nichts kann uns von ihm scheiden. Und noch einmal – so klingt das m Original: „Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“ (Römer 8, 38-39)

 Es bleibt eine lebenslange Aufgabe für Paulus-Schüler, damals wie heute: Die Worte nachsprechen zu lernen und darin der Gemeinde den Rücken zu stärken.

 Die Herausforderung für uns Heutige besteht darin, dass die Stärkung der Christen vom Autor des Epheser-Briefes, aber beileibe nicht nur von ihm, davon erwartet wird, dass wir aufsehen lernen auf den Christus im Himmel, dass wir wegsehen lernen von unseren eigenen Befindlichkeiten, die uns oft genug herunter ziehen und uns festmachen in dem, was Gott in Christus für uns getan hat. Ich-Stärke, Glaubens-Stärke gewinnst du so, dass du auf Christus blickst.

 Das ist keine fraglose Position. Sie wird deutlich in Frage gestellt. „Man kann fragen, ob diese Art unmittelbarer Zuwendung zu Gott nicht doch von den harten Aufgaben der Erde entfremdet. Die Gefahr ist nicht zu leugnen. Wer in dieser Weise sein Herz zu Gott erhebt, kann leicht den Blick für die Dunkelheiten und Schwierigkeiten der irdisch-geschichtlichen Erfahrungswelt verlieren.“ (R. Schnackenburg, Der Brief an die Epheser, EKK X, Neukirchen 1982; S.67)

Aber ist es nicht so: Der ganz in Gott, in den Vater, geborgen seinen Weg geht, Jesus, der lässt das Leid der Welt an sich heran wie kein anderer. „Und als er das Volk sah, jammerte es ihn; denn sie waren verschmachtet und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben.“ Matthäus 9,36. Es geht ihm an die Nieren, macht ihm körperlich zu schaffen. Und sein Weg ist ein einziges diesen Schmerz auf sich nehmen. Es könnte ja auch so sein: Je mehr ich in Gott geborgen bin, je mehr mein Blick an ihm hängt, umso mehr kann ich mich auf die Welt einlassen, ihren Schmerz an mich heran lassen. „Wer in Gott eintaucht, wird bei den Armen auftauchen…Wer wirklich mit dem Gott der biblischen Tradition vertraut wird, wer mystisch in diesen Gott eintaucht, der wird von Gottes Art. Gottes Art aber heißt in Exodus 3,7: Ich kenne ihr Leid“ (P. Zulehner, in: Gottes Lust am Menschen, aus der Praxis – für die Praxis, Ausgabe 2000,AMD Westfalen, S. 28) Also: Keine Angst, dass wir zu sehr auf Gott schauen könnten und darüber welt-vergessen werden könnten.

Herr Jesus                                                                                                                            wenn ich auf Dich sehe                                                                                                    werde ich nicht blind für das Leid um mich herum                                                                   den Schmerz des Lebens                                                                                                    das Unrecht                                                                                                                       unter dem viele leiden                                                                                                               Ich werde nicht blind dafür                                                                                                  dass wir als Kirche nicht mutig genug sind                                                                              zu oft schweigen

Wenn ich auf Dich sehe                                                                                                      mich von Dir berühren lasse                                                                                                 gehen mir die Augen auf                                                                                                     und ich nehme Teil an Deinem Schmerz                                                                             aber auch an Deiner Stärke. Amen